Wechseljahr der Gefühle

flourish103/ Dezember 31, 2018/ Bücher, Emotionen, Film, Gesellschaft, Meine Meinung!, Persönliches, Politik, Social Media/ 1Kommentare

Wechseljahr der Gefühle

Traditionell mache ich meinen Jahresrückblick immer erst, wenn das neue Jahr begonnen hat. Doch 2018 ist anders.

Anders, weil ich nicht mehr studiere – zum ersten Mal seitdem es dieses Blog gibt.
Anders, weil ich sehr viel mehr über Menschen und ihre Wärme, Liebe, Kraft gelernt habe als je zuvor – aber auch über ihre Abgründe.
Anders, weil so vieles in meinem Leben zum ersten Mal oder auf völlig andere Weise geschah, als vorher.
Anders, weil ich selbst dazu wurde, gleich in mehrfacher Hinsicht.

Anders

Irgendwann im Laufe dieses Jahres änderte ich meinen Namen. Nicht wirklich offiziell und im Ausweis. Aber mir war auf Twitter nach einem neuen Nutzernamen und aus der Umfrage, ob ich meinen aktuellen behalten oder mich anders nennen soll, entstand dann ebendieser: Anders. (Ja, ich habe genau diese Art von Humor!) Ich fühlte mich wohl, mich sprachen Menschen unter diesem – nun ja – „Pseudonym“ an und so änderte ich nach und nach auch woanders diesen Namen. Zuerst das Instagram-Profil, dann verschiedene Publikationen, irgendwann bei Fotoshootings der Name für die Kartei. Und zu guter Letzt steht mittlerweile auch „Anders“ auf der Bühne und die Performances, das Gefühl und vor allem die Outfits sind freier, wilder, losgelöster, als in den letzten Jahren. Nirgendwo sonst machen sich meine neuen Hörgeräte mehr bemerkbar, als hier. Musik gehört habe ich auch vorher immer schon viel. Aber nun habe ich endlich wieder zurück zur Musik gefunden.

Anders machen kann manchmal richtig viel bringen. Auch abseits eines Namens (denn die sind ja, wie man weiß, nur Schall und Rauch) wurde vieles anders in 2018. Beruflich entwickelte sich etwas, dass ich mir zum Ende des Jahres nicht hätte träumen lassen. Ich mache, was ich liebe und kann davon leben. Das kann man schon die Erfüllung eines Lebenstraums nennen. Und so lapidar und nebenbei, wie ich das hier schreibe, fühlt es sich auch an. Es ist eine Selbstverständlichkeit und hat sich einfach aus guter Arbeit, dem konsequenten Verfolgen meiner Ziele und der nötigen Portion Glück so ergeben. Und plötzlich schaut man zurück und stellt fest, dass man da ist, wo man hin wollte. Die Basis ist geschaffen, ich freue mich auf alles, was da kommt.

2018 bleibt unvollendet

Und dennoch, auch wenn die Basis dafür da ist, endgültig angekommen zu sein, irgendwas fehlt. So viele kleine Dinge bleiben unvollendet, so viele Pläne kann ich nicht umsetzen – und so viele Wünsche gehen nicht in Erfüllung. Ich bin rundum zufrieden mit dem, was ich bin, wer ich bin und wie sich mein Leben entwickelt. Stolz darauf, wie ich mit Rückschlägen umgehe und wie souverän ich (zumindest nach außen) auch auf gewollte Tiefschläge reagiert habe und reagiere. Erleichtert, dass ich manche Dinge abgeschlossen, andere – beispielsweise das Experiment, Hörgeräte auszuprobieren – gewagt habe. Ich spüre, dass mich dieses Jahr stärker gemacht hat. Und vielleicht bin ich näher bei mir selbst, als je zuvor.

Und dennoch ist etwas anders, als noch 2018. Denn vor einem Jahr zu dieser Zeit war ich glücklich. Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass ich da durchaus auch Dinge idealisiere. Aber das Gefühl, dass ich hatte, ist nun einmal nicht zu leugnen. Vieles war chaotisch, fast nichts für die Zukunft war gewiss und damit war ich sicher nicht zufrieden. Aber ich war glücklich. Umso schwieriger war die Erfahrung, dass dieses Glücksgefühl wohl nicht ausschließlich auf Dingen beruhte, die wirklich echt waren. Insbesondere im Privatleben waren die Proben, auf die ich 2018 gestellt wurde so hart, wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Es macht mich stolz, dass ich mich nicht habe unterkriegen lassen und mit einem völlig neuen Selbstbewusstsein aus allem herausgehe. Denn man kann selbst entscheiden, ob man Fehler oder Fortschritte bei sich selbst sucht und findet, oder bei anderen.

Gesellschaft 2018

Ich war 2018 so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich viel weniger Zeit hatte, mich mit dem zu befassen, was um mich herum geschah. Damit meine ich nicht das direkte, private Umfeld, sondern die Welt, in der wir leben. Und da war 2018, auch gerade in Deutschland, so viel los, wie schon lange nicht mehr. Politisch, gesellschaftlich, menschlich. Mein Land verändert sich. Endlich, möchte ich sagen. Denn Jahre des gefühlten Stillstands haben uns, den Menschen hier, nicht gut getan. Jetzt bewegen sich viele Dinge. In Sachen Klimawandel, Meinungsfreiheit, Weltoffenheit und auch – man mag es kaum glauben – Politikverdrossenheit. Doch ob sich alles zum Guten verändert hat, sei mal dahin gestellt. Das gilt allerdings nicht nur in Deutschland, sondern zieht sich so durch die Länder unserer Erde.

Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Hass wurden 2018 wieder salonfähig. Längst heißt es nicht mehr „man wird doch wohl noch sagen dürfen?“ sondern: „Wenn ich das nicht sagen darf, ist das so, wie damals die Juden nichts durften!“ Anders gesagt: Es ist eine Selbstverständlichkeit geworden, andere diskriminieren und ausgrenzen zu dürfen. Aber Meinungsfreiheit ist niemals eine Ausrede für persönliche Angriffe, für Diskriminierung, für Hetze. Und für Dinge, die nicht so laufen, wie man sie sich vorstellt, gibt es nicht immer konkrete Schuldige. Man kann sich immer selbst fragen, was man hätte anders machen können, damit es vielleicht besser gelaufen wäre. Im Großen, wie im Kleinen. Habe ich zu wenig getan? Bin ich zu spät aufgestanden? War ich zu sehr mit meinen eigenen, alltäglichen Kleinigkeiten beschäftigt, um mich auch mal um das große Ganze zu kümmern. Um Mitreden zu können?

Was kommt, was bleibt?

Vieles, das ich 2018 erlebt habe, bringt mich zu der Erkenntnis, dass 2019 wohl wieder einmal ein Sabbattjahr werden wird. Schon früher habe ich auf Dinge verzichtet, auf andere dafür mehr geachtet und versucht, mich dadurch auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das, was mich wirklich ausmacht, wohinter ich wirklich stehen kann und wo ich mich, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, gern sehen möchte.

Für das kommende Jahr bedeutet das: Weniger Alkohol und Kaffee – beides sollte in meinen Augen ein absolutes Genussmittel sein und für die wirklich besonderen, außergewöhnlichen Momente vorbehalten bleiben. Kein Fast Food mehr – das habe ich schon einmal in einem Jahr geschafft und rückblickend frage ich mich, warum ich überhaupt wieder damit angefangen habe, das zu essen. Viel zu oft gab es dieses Jahr den „schnellen Burger“ zwischendurch oder ähnliche „Kleinigkeiten“ für den schnellen Hunger. All das sind Dinge, die ich nicht von einem Augenblick (oder Tag) auf den anderen mache, nur weil ein neues Jahr beginnt. Schon in den letzten Wochen achte ich vermehrt darauf, was mir den Start im neuen Jahr vermutlich etwas erleichtern wird.

Anders, aber nicht alles

Nächstes Jahr also ein Neuanfang, wieder einmal. Aber diesmal richtig. Es steht ein Umzug bevor, beruflich wird sich vermutlich und hoffentlich vieles neu entwickeln und auch mein Ausweis macht mich darauf aufmerksam, dass 2019 den Beginn eines neues Abschnitts markieren wird. Doch grundsätzlich halte ich ja nicht viel davon, mir den Beginn (oder das Ende) eines bestimmten, inhaltlichen Zeitraums von außen vorgeben zu lassen. Alter, Jahre – das sind alles nur Zahlen. Wenn ich etwas mag, etwas ausprobieren, verändern will, dann brauche ich dafür keinen Kalender. Und doch gibt es eben immer wieder einiges, das nie so schön funktioniert, wenn man es nicht auf den Zeitraum eines Jahres anwenden könnte.

Überall sieht man Listen, was 2018 alles gut oder schlecht war, was passiert ist, wer bedeutend war und wer von uns ging. Als ausgewiesener Listen-Fan kann auch ich mich dem natürlich nicht entziehen. Und weil 2018 so vieles anders ist, will ich dieses Mal sogar mehr Listen schreiben, als sonst. Menschen, die mein Jahr geprägt haben. Meine Meinung, wie ich sie hier im Blog vertrete, zusammengefasst für das ganze Jahr. Einen geordneten (aber vielleicht nicht immer ganz ernsthafen) Blick zurück auf die Monate und ihre Ereignisse. Meinen ganz persönlichen Soundtrack des Jahres. Und natürlich werde ich auch diesmal wieder die Filme des Jahres vorstellen, die mich bewegt haben. Es ist eben doch nicht alles anders.

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