Quo vadis Deutschland?

flourish103/ Juni 16, 2016/ Aktuell, Meine Meinung!, Persönliches, Social Media/ 3Kommentare

Quo vadis, Deutschland?

Gedankengänge zu den Ereignissen der letzten Tage. 
Es wurde viel geschrieben und noch ein bisschen mehr diskutiert über das Attentat von Orlando und eine kurz darauf veröffentlichte Studie in Deutschland. Auch ich habe mich daran beteiligt, anders, deutlich persönlicher und umfangreicher als sonst. Die Fragen sind ähnliche wie auch früher schon, doch sie werden dringlicher. Wohin mit unserer Gesellschaft? Wohin mit unseren Werten und unserer Moral? Doch was sind überhaupt unsere Werte? Was ist unsere Moral? Was ist unsere Gesellschaft? Wer sind wir?

Wer sind wir?

Wer davon spricht, dass „wir“ mehr darauf achten müssen, dass… oder dass „unsere“ Gesellschaft dahin entwickelt, dass…, der meint normalerweise sich selbst und die Menschen, von denen er glaubt, dass sie ähnliche oder gleiche Vorstellungen von Moral und Werten haben. Dabei geht man sehr schnell, vielleicht vorschnell, davon aus, dass eine große Mehrheit der Gesellschaft die eigenen Wertvorstellungen teilt. Doch nicht jeder, der Teil dieser Gesellschaft ist, wahrscheinlich nicht einmal jeder in unserem ganz privaten Umfeld wird nur Wertvorstellungen haben, die für uns selbst die richtigen sind. Aber sind sie deshalb automatisch falsch? Werte entstehen aus Sozialisierung. Die Werte einer Gesellschaft entstehen aus ihr selbst heraus. Und nur weil mir jemand sagt, dass etwas falsch oder richtig ist, muss das noch lange nicht heißen, dass ich diese nackte Information auch als meine persönliche Empfindung verinnerliche. Es hilft nichts, der Gesellschaft vorzuschreiben was „richtig“ und was „falsch“ ist. Es hilft nichts, einem einzelnen Menschen vorzuschreiben, welche Werte er haben muss. Es hilft nichts, das mir vorzuschreiben. Wenn ich nicht verstehe, warum Menschen nicht weniger wert sind, wenn sie eine andere Herkunft haben, als ich, dann ist es zumindest nicht erstaunlich, dass ich dieser Meinung auch nicht bin. Wer Homosexualität nicht versteht und deshalb ausgegrenzt wird, weil das ja „falsch“ ist, wird sie eher weiterhin ablehnen als akzeptieren. Nur wer versteht, das „anders“ nicht gleich „schlecht“ ist, kann das auch verinnerlichen!

Bildung ist wichtiger denn je

Deshalb ist es wichtig, dass jeder Teil der Gesellschaft berücksichtigt und ernst genommen wird. Menschen aus der Generation meiner Großeltern, die das Regime der Nationalsozialisten noch selbst miterlebt haben, können nicht die gleichen, gewachsenen Wertvorstellungen haben, wie jemand, der drei Generationen später geboren wurde. Wenn sie Glück haben, erfahren und erleben sie, wie und warum sich die Gesellschaft verändert und nehmen diese Veränderungen nicht nur an, sondern fördern sie und tragen sie als wichtige Säule mit. Doch viele haben eben nicht das Glück, verstehen und begreifen zu können, wie und warum sich die Welt verändert. Sie sehen, das etwas geschieht, manchmal nicht einmal das. Wenn sie ihren Kindern und Enkeln aus dem Buch „10 kleine Negerlein“ vorgelesen und gesungen haben und sie sich nun sagen lassen müssen, dass das nicht gut sei. Warum? „Weil man das nicht mehr sagt!“ Man? Wer sagt das nicht mehr? Und warum? Wenn diese Fragen nicht nachhaltig und vollständig beantwortet werden führt das zu sehr seltsamen Vorstellungen, mit sehr fragwürdigen Folgen. Es gibt Menschen, die gehen auf Demonstrationen, weil sie der Meinung sind, diese „neuen“ Werte nähmen ihnen die Traditionen weg. Zum Beispiel das Zigeunerschnitzel. Man sagt nicht mehr „Zigeuner“ zu fahrenden Gruppen von Menschen, die zu einer Minderheit ausländischer Herkunft gehören. Man sagt jetzt zum Beispiel „Sinti und Roma“. Aber warum? Warum ist das überhaupt richtiger? Schert man damit nicht auch Sinti und Roma über einen Kamm, obwohl eben auch das wieder nicht dasselbe ist?

„Woher soll ich denn wissen, ob der Zigeuner jetzt Sinti oder Roma ist? Auf jeden Fall ist er ein Zigeuner!“

So oder so ähnlich könnten Menschen auf diese Argumentation reagieren. Und warum auch nicht? Ist es wirklich besser „Sinti und Roma“ zu sagen, wenn man das genauso abschätzig und negativ, ja, sogar als Beleidigung meint, wie „Zigeuner“. Und umgekehrt: Ist es schlimmer „Zigeuner“ als vollkommen wertfreie Beschreibung, als Oberbegriff zu verwenden, als „Sinti und Roma“, obwohl das wahrscheinlich mindestens genauso wenig zutreffend ist? Ich fühle mich nicht in der Position, diese Frage zu beantworten. Jedenfalls nicht so, dass ich meine Antwort auch aus jeder Position heraus begründen und erklären könnte. Und ohne eine Erklärung bleibt es mehr eine Richtlinie als eine Lehre. Eher Vorschrift, als Bildung. Das führt dann dazu, dass Menschen glauben, nun eben auch eine beliebte Fleischspeise nicht mehr Zigeuneschnitzel nennen zu dürfen. Aber mal ehrlich – Schnitzel Sinti und Roma finde ich weitaus bedenklicher! Ich kann für mich behaupten, dass ich „Zigeunerschnitzel“ sagen kann und dabei an ein paniertes Stück Fleisch mit Paprikasauce denke – aber überhaupt nicht an eine Gruppe Menschen. Wie kann das dann eine Beleidigung sein?

Beleidigung, ja oder nein?

Einige mögen argumentieren, dass etwas dann eine Beleidigung ist, wenn es jemanden beleidigt. Völlig egal, ob es als Beleidigung gemeint war, oder nicht. Andere würden wohl sagen, dass nicht entscheidend ist, ob sich jemand beleidigt fühlt, sondern dass es so gemeint war. Was stimmt denn nun? Zur Überprüfung führe ich einmal ein anderes Beispiel an. Nicht nur Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, sondern auch Ablehnung und Bekämpfung von Homosexualität sind in diesen Tagen immer wieder ein Thema.
Wenn auf einem gewöhnlichen deutschen Schulhof nun ein Kind ein anderes als schwul bezeichnet, ist das dann eine Beleidigung? Und wenn ja, warum? Weil der Bezeichnende es als Beleidigung meint oder weil der Bezeichnete es als solche versteht? Es gibt sehr viele verschiedene mögliche Ursachen für eine solche Situation.
Angenommen, ein Kind wächst mit dem Wissen und Selbstverständnis auf, dass schwul sein nichts besseres oder schlechteres ist als nicht schwul sein, es also auch keinen Grund gibt, sich dafür zu schämen oder damit zu brüsten. Dann weiß dieses Kind, dass manche Menschen schwul sind und andere nicht. Also kann es womöglich annehmen, dass ein Mitschüler schwul ist und äußer diese Annahme auch. Ist das nun eine Beleidigung? Wird dasselbe Kind andererseits von einem Mitschüler als schwul bezeichnet, kann es diese Äußerung dann als Beleidigung auffassen? Nicht höchstens gegebenenfalls als falsch? Ich bin ja auch nicht beleidigt, wenn jemand mich als heterosexuell bezeichnet. Klar, natürlich kann ein Schüler, der eine andere Auffassung der Thematik hat, das Wort „schwul“ auch als Beleidigung auffassen. Sowohl wenn er es gebraucht, als auch wenn er so bezeichnet wird. Das ist ganz eindeutig eine Frage der Bildung. Wohlgemerkt, nicht Intelligenz, sondern Bildung. Letztere ist auch für all jene wichtig, die den Unterschied nicht kennen.

Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich darüber geschrieben, dass PONS in seinem Jugendwörterbuch das Wort „gay“ (engl: schwul) mit „dumm“ übersetzt hat. Sogar für Beschreibung „dumm“ könnte man womöglich die gleich eRegel anwenden, wie im vorangegangenen Beispiel. Aber der Vergleich hinkt natürlich. Schon allein, weil „dumm“, wenn man es synonym zu „ungebildet“ verwendet, eben kein unveränderlicher Zustand ist. „Schwul“ dagegen schon. Aber in diesem Fall ist die Sachlage eindeutig: „Schwul“ synonym für „dumm“ zu gebrauchen ist, vollkommen unabhängig von allen moralischen Bedenken, sachlich falsch. Es gibt dumme Menschen die schwul sind und heterosexuelle Menschen die dumm sind. Ich schätze, darüber kann man sich schnell einig werden. Aber dieses Beispiel zeigt, wie Ressentiments entstehen und sich eine Gesellschaft entwickeln kann, in der man sehr gut überlegen muss, wen man mit „wir“ eigentlich meint. Alle, die das Wörterbuch nicht gelesen haben? Alle, die es gelesen haben? Alle, die es gelesen haben und denen dieser Fehler aufgefallen ist? Alle die es nicht gelesen haben, denen der Fehler aber aufgefallen wäre? Das lässt sich beinahe endlos so fortsetzen. Entscheidend ist aber etwas anderes: Der Verlag hat, nachdem er darauf aufmerksam gemacht wurde, den Fehler eingestanden und will bei der Erstellung des Wörterbuchs in Zukunft Dinge ändern. Diese Veränderung entstand einzig und allein durch den Dialog. In diesem Fall durch einen Leserbrief und Diskussionen in sozialen Netzwerken.

Offener Dialog – konsequent!

Aber auch hier war es wichtig, nicht einfach nur zu sagen, dass etwas falsch war, sondern auch, warum. „Ihr seid alle schlecht!“ kann als Argument auf beiden Seiten nicht funktionieren. Und es ist ebenfalls sachlich falsch. Niemand ist automatisch ein schlechter Mensch, weil er das, was er aufgrund seiner Sozialisierung, seines Bildungsstands, seiner Vorstellungen von Werten und Moral für richtig hält, durchzusetzen, ja, zu verteidigen versucht. Gegen eine Gesellschaft, die ihm vorschreiben will, wie er zu empfinden hat. Das gilt für Verfechter aller Positionen. Den aus dem Ausland nach Deutschland kommenden Muslim, der sich in der Auslebung seines Glaubens eingeschränkt fühlt. Den Schwulen, der seine Gefühle nicht verstecken und nicht ihretwegen weniger Rechte haben möchte. Und auch für denjenigen, der vielleicht nicht das Glück hatte, durch eigene Erfahrungen, Sozialisierung, Bildung zu verstehen, warum genau diese beiden keine Gefahr für seine Freiheit darstellen.
Natürlich gibt es unter den beschriebenen Menschen auch solche, bei denen nicht mangelnde Bildung das Problem ist. Hierzu fällt mir ein Filmzitat ein:

Some men are not looking for anything logical, like money. (…) Some men just want to watch the world burn.
aus The Dark Night

Aber um die geht es hierbei nicht. Denn ohne die breite Masse an Menschen, die ihnen nur folgen, weil sie die „andere Seite“ nicht verstehen, nehmen wir ihnen die Macht. Das Attentat von Orlando wurde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von jemandem verübt, der einfach nur Schaden anrichten wollte, sondern von jemandem, der die Welt, in der lebte nicht mehr verstand, oder zumindest einen Teil davon. Wenn ich mit bestimmten Wertevorstellungen aufwachse, die entweder niemand infrage stellt oder deren Fehler mir niemand erklärt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, sie sich im Verlauf meines Lebens ändern. Das passt zu beiden schon genannten Beispielen:

Wenn nach allem was ich weiß, Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe nicht nur minderwertig sind, sondern auch gefährlich, insbesondere wenn sie keinen christlichen Glauben haben, dann ist verständlich, dass ich sie nicht in meiner Nähe, meinem Land haben will. Es wäre sogar erstaunlich, wenn ich mich nicht vor ihnen fürchte. Erst Recht, wenn ich mitbekomme, dass immer mehr von ihnen in meine Heimat kommen. Und wenn nach meinem Kenntnisstand Homosexualität eine Lebenseinstellung ist, die nicht nur unnatürlich und falsch ist, sondern deren Anhänger sie verbreiten wollen und sie damit womöglich sogar gefährlich für die Menschheit ist, dann ist auch verständlich, dass ich nicht verstehen kann, warum Menschen ihre Homosexualität offen ausleben. Warum sie das dürfen. Dann (und nur dann) ist der Begriff Homophobie zutreffend. Vielleicht macht mir das sogar soviel Angst, dass ich hingehe, und sie erschieße.

Beidem kann man nicht entgegentreten, indem man Themen tabuisiert und Gedanken stigmatisiert. Sondern nur indem man sie zulässt und offen darüber diskutiert. Eine offene Gesellschaft ist nicht, dass verboten ist, was nach Ansicht der oberen Bildungsschicht nicht mehr zeitgemäß ist. Eine offene Gesellschaft ist nicht, jemanden auszuschließen, nur weil er etwas richtig findet, das ich falsch finde. Das gilt in beide Richtungen. Klar, es ist schwierig, zu argumentieren, wenn eine Seite diese Argumente gar nicht hören will. Niemand hat gesagt, dass der Weg zu einer offenen, toleranten Gesellschaft ein einfacher ist. Aber Werte vorzuschreiben und vorauszusetzen, dass sie dadurch auch verinnerlicht werden kann nur scheitern. Zu erwarten, dass jeder einverstanden ist mit einer CSD-Feier und den damit verknüpften Veranstaltungen, ist einfach. Zu erklären, warum diese wichtig sind, ist weitaus schwieriger. Schon allein, weil einige Teilnehmer selbst das oft gar nicht so genau sagen können. Schließlich ist das, was sie tun, ja normal und damit richtig. Und alles andere ist falsch. Ist da noch wichtig, warum?

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