Proud to be gay – warum eigentlich?

Hirschfeld-Tage. Runder Tisch der Aidshilfe NRW 2014. Über zwanzig Menschen, deren Alter, Herkunft, Fachgebiet und Meinung zum Teil völlig unterschiedlich ist, diskutieren einen ganzen Samstag lang über Existenz und Zukunft von Szene. Am Ende stehen viele Ergebnisse. Warum eines davon Wurst ist. Warum dabei die Begriffsklärung “Szene” nur bedingt funktioniert. Und warum vielleicht gerade das eine Erklärung ist: Ein Aufarbeitungsversuch in mehreren Akten.

10.05.2014.
Wer oder was ist Szene eigentlich? Vorträge, Diskussionen darüber, die Erkenntnis „Mut zum Wandel braucht Visionen“ und vier Tische, Thesen und Themen im Worldcafé beschäftigen sich mit dieser Frage, zu der sich eine weitere nach den Erfahrungsberichten von Georg Roth hinzugesellt hat: Stolz darauf, schwul zu sein – warum eigentlich?

Diskussionsrunde beim Runden Tisch 2014

Schwule finden es komisch, ja unmöglich, sogar homophob, wenn jemand stolz darauf ist, heterosexuell zu sein. Die Reaktion auf derartige Äußerungen ist oft: „Das geht gar nicht!“ Ebenso finden Schwule es komisch, ja unverständlich, und erst recht homophob, wenn Heterosexuelle es komisch finden, dass man stolz darauf ist, schwul zu sein. Ja, Schwule sind wirklich so. Und an dieser Stelle muss, egal von welcher Seite man die Sache betrachtet, die Frage erlaubt sein, wieso es gut oder schlecht sein soll, auf etwas stolz zu sein, für das man gar nichts kann.

Kann man das überhaupt? Klar kann man, bei jeder Fußball-WM ist ja plötzlich auch so mancher Schwuler stolz darauf, Deutscher zu sein. Aber auch das kann man gut oder schlecht finden, ohne für seine Meinung und Einstellung allein plötzlich in eine Ecke gestellt zu werden.
Wieso also nicht auch beim Thema Sexualität? Und zwar von allen Seiten!
„Schwule Vielfalt oder Einheitsbrei? Chancen und Risiken der gesellschaftlichen Integration (und/oder szeneinternen Ausdifferenzierung)“ lautet das etwas sperrig anmutende Thema, bei dessen Betrachtung diese Gedanken aufkommen. Erst auf den zweiten Blick wird hierbei der Zusammenhang klar:
Von den immer weiter ausdifferenzierten Bereichen der schwulen Szene war bereits die Rede. Der eine Schwule mag Kaffeekränzchen, Shopping Queen und hört Helene Fischer*, der andere ist Fußball-Fan, Biertrinker und im Herzen Punk**. Manch einer setzt dem ganzen freilich die Krone auf und mag gleich alles davon. Gelebte Vielfalt eben. Aber jeder für sich sucht seinen Schutzraum, innerhalb der Gesellschaft, wie auch innerhalb der Szene. Das war nicht immer so. In den Jahren und Jahrzehnten politischer und gesellschaftlicher Verfolgung und Ausgrenzung war schon die Szene an sich der Zufluchtsort und Schutzraum schwuler Männer, die nur hier, auf der Flucht vor dem Alltag, sein konnten wie und wer sie sind. Schwulsein an sich reichte aus, um willkommen zu sein in der Szene, ja, ein Teil von ihr zu sein. Man war „unter sich“ und stolz auf die Gemeinschaft, die gemeinsame Identität, die gemeinsame Szene. Man war stolz, schwul zu sein. Heute, wo Schutzräume anders definiert werden müssen als früher, schwindet auch bei einigen der Stolz. Jemand, der an einem der Tische im Worldcafé diskutiert, bringt es auf den Punkt: „Schwul sein allein reicht nicht mehr“ um Teil der Gemeinschaft zu sein, in die man sich begibt. Und schon gar nicht, damit man gegenseitig stolz ist, aufeinander. Es gibt eben auch innerhalb der Szene immer mehr Extreme. Die Anhänger des „David Bergerismus“ wie Dirk Ludigs sie nennt: Schwule, die eine feste und eingetragene Partnerschaft eingehen, Kinder adoptieren und als normale, spießbürgerliche Familie in der Gesellschaft untergehen integriert sind. Und eben jene, die gar nicht für die endgültige Öffnung der Ehe und das volle Adoptionsrecht streiten wollen, sondern dafür, genau so anders sein zu dürfen, wie es ihnen gefällt. Ob mit Handtasche und dem obligatorischen gebrochenen Handgelenk, mit wechselnden, mehreren und womöglich aus unterschiedlichen Generationen stammenden Partnern oder eben mit langen Haaren, Bart und Kleid im Rampenlicht. Auch gegenseitig macht man sich in der Szene übereinander lustig, kritisiert sogar die jeweilige Einstellung, das Lebensmodell des anderen. Hier wird ganz sicher und schon lange nicht mehr mit einer Stimme gesprochen. Man meidet sich gegenseitig. Die Jungen die Alten, die Dünnen die Dicken und eben die Familienmenschen die Partyhuschen.***

„Was braucht die kommerzielle Szene, um attraktiv zu bleiben?“ Ein weiteres Thema im Worldcafé, das an die Diskussion geradezu nahtlos anknüpft. Denn natürlich muss die Szene, in all ihren Facetten, eben auch dem kommerziellen Teil, den Cafés und Clubs, Saunen und Shops, attraktiv bleiben, damit sie existieren kann. Attraktiv für alle, wenn es nur irgendwie möglich ist. Wieder wird der Bedarf an Schutzräumen deutlich. Schutzräumen für jeden innerhalb der Szene. Die ein Ort der Identitätsfindung und Gemeinsamkeit, sowie der Vielfalt gleichermaßen sein müsse. „Willkommenskultur“ ist das herausragende Stichwort bei der Antwortsuche.
Man müsse Marktforschung betreiben, auf Seiten der Anbieter wie auch der Nutzer kommerzieller Szeneangebote. Was sind die Anforderungen an die kommerzielle Szene? Und welche Folgen und Konsequenzen ergeben sich daraus? Für diejenigen, die dem gerecht zu werden versuchen, aber auch diejenigen, die Forderungen und Ansprüche stellen. Ganze zwei Vertreter der kommerziellen Szene sind als Gäste zum Runden Tisch erschienen. Beide mischen sich rege in die Gespräche ein und helfen, ihre Sicht der Dinge zu verstehen. Man kann nicht ausschließlich Erwartungen an ein bestehendes und sich möglichst immer erweiterndes Angebot haben. Jeder einzelne muss bereit sein, seinen Teil zur Willkommenskultur zu leisten. Wer Teil der kommerziellen Szene ist, sollte und müsste Verantwortung durch soziales Engagement in der gesamten Szene übernehmen. Im Gegenzug darf nicht von jedem Event und jeder Kneipe erwartet werden, dass alle persönlichen individuellen Ansprüche erfüllt werden.
Dabei fallen Parallelen und Verstrickungen zum vorigen Thema auf. Szene müsse schließlich nicht abgrenzend sein und sich selbst schon aus Prinzip vom Rest der Gesellschaft abschotten. Warum könne es nicht einen Träger geben, der sich um Senioren- und Jugendarbeit kümmere. Unter schwullesbische und sonstigen gesellschaftlichen Aspekten. „Dann dürfen uns gerne auch die Katholiken ihre Kinder bringen.“ Hier könnte die kommerzielle Szene viel leisten: Ein solcher Träger könne und brauche Unabhängigkeit von öffentlicher Förderung und staatlicher Hand, die oft viel zu stark differenziere und dadurch schon von vornherein Chancen zur Vielfalt verhindere.
Ein Beispiel für solch einen Fall ist das Jugendzentrum anyway. Eine Anlaufstelle für junge Menschen, die Orientierung suchen, sexuell und gesellschaftlich. Jährlich erhält das anyway viele öffentliche Fördermittel und Subventionen, ohne die eine derart erfolgreiche Arbeit nicht möglich wäre. Das bringt aber auch Vorgaben mit sich, die zu erfüllen sind. Mit dem bewusst auf Schwule und Lesben gesetzten Fokus zieht man ganz automatisch eine Grenze zu allen, die sich nicht direkt oder indirekt als Teil dieser Zielgruppe sehen. So kann ein Schutzraum auch gleichzeitig Ausgrenzung sein. Keine Frage: Dies macht das anyway nicht weniger wichtig. Hier wird seit Jahren hervorragende Arbeit geleistet und das Zentrum, seine Mitarbeiter und Projekte sind nicht ohne Grund mehrfach ausgezeichnet. Jürgen Piger, Sozialarbeiter im anyway ist als Repräsentant des Jugendzentrums aufgrund seiner Arbeit für die schwule Szene zurzeit nominiert für den Knuddel-Award. Auch er ist Teilnehmer der Diskussionsrunde und berichtet von seinen Erlebnissen mit Szene und Community. Preise innerhalb der Szene sind keine Seltenheit. Oft sind Personen aus sehr unterschiedlichen Bereichen der Szene nominiert und jeder fordert sein persönliches näheres Umfeld auf, ihn zu unterstützen. Eigentlich aber, ist es doch egal, für wen man abstimmt. Wichtig ist, das Engagement und Leistung anerkannt werden.

Präsentation Oliver Schubert
Oliver Schubert, Geschäftsführer von Herzenslust, bei der Präsentation eines Worldcafé-Themas

Dass Arbeit vor Ort, ob kommerziell oder ehrenamtlich, wichtig ist, zeigt das nächste Thema im Worldcafé: „Internet als Szene. Risiko für die Stadt, Chance für das Land?“ Natürlich, wer außerhalb von großen Ballungsräumen Anschluss sucht, dem bleibt oft nichts anderes, als auf Kontaktportalen im Web nach Seinesgleichen zu suchen. Den persönlichen Kontakt ersetzt das aber oft nicht. Auch bietet die Anonymität des Webs natürlich Gelegenheit zur Täuschung, schlimmstenfalls mit kriminellem Hintergrund. Man weiß eben erst, wen man trifft, wenn er vor einem steht. Oft genug dränge sich in diesem Moment die Frage auf „wer ist das denn auf dem Bild, dass du mir gezeigt hast?“
In Städten wie Köln und Berlin, die an diesem Tag immer wieder als Beispiele dienen, sorgt die im Gegensatz zu Zeiten vor dem globalen Siegeszug des WWW deutlich erleichterte Kontaktaufnahme per Chat für eine sichtbare Veränderung. Schon früher am Tag wurde ja angesichts der inflationären Nutzung mobiler Empfangsgeräte zur Kommunikation selbst in Kneipen und Cafés der Ruf nach mehr Taschendieben in der Szene laut. Aber oft verhindern soziale Netzwerke, dass ein Treffen an den öffentlichen Orten der Szene überhaupt erfolgt. Man geht nicht mehr wie früher in DIE Kneipe, weil man weiß, dass dort jeder ist und schaut dort, was man aus dem Abend macht. Es ist nicht mehr nötig, etwas dem Zufall zu überlassen, weil man gleich auswählen kann, was man wo und mit wem unternehmen möchte. Und ausschließen, wen man nicht dabei haben will.
Dennoch bietet das Web auch Chancen, nicht nur für das Land. Anlaufstellen wie anyway, Rubicon, Aidshilfe und Herzenslust, jeder einzelne Teil der Szene, für den Kontakt mit der Zielgruppe, den Mitgliedern der Szene, so wichtig ist, müssen in Zukunft hier aktiver werden. Wer vom Land nach Köln kommt, hat womöglich Hemmungen, mit der Szene in Kontakt zu treten. Das schon erklärte Problem, dass Schutzräume für Schwule eben auch nach Außen deutlich als solche erkennbar sind, trägt hierzu sicherlich einen Teil bei. Dennoch besteht für Auswärtige eine geringere Chance, erkannt zu werden. Wer aber schon in der Stadt lebt, ist nicht anonym. Diese Chance bieten Angebote zur Kontaktaufnahme über das Web. Nur müssten diese nicht von kommerziellen Seiten kommen, deren Angebote ausschließlich auf private Kommunikation der User untereinander ausgelegt sind. Stattdessen braucht es Anlaufstellen, die Austausch und Kommunikation untereinander ermöglichen, wie sie auch in den Beratungsstellen vor Ort erfolgen.

Eine von vielen Ideen und Visionen für die Zukunft. Denn an solchen mangelt es nicht. Einmal angefangen, kann jeder der Anwesenden einen Beitrag leisten zur „Szene 2024 – eine Utopie…“, am verbleibenden Tisch im Worldcafé. Der „Mut zum Wandel“ ist erkennbar da, genau wie die dazu benötigten „Visionen“. Doch auch in der Einigkeit ist man sich uneinig. Denn was für die gesamte Szene gilt, macht sich spätestens an diesem Punkt unter den Anwesenden bemerkbar. So stehen sich auch in der utopischen Szene der Teilnehmer die beiden Extreme gegenüber: Die Ausdifferenzierung der unendlichen Bereiche der Szene auf der einen Seite, der Wunsch nach gesellschaftlicher Integration und Anpassung an heteronormative Lebensmodelle auf der anderen. Und so können die vielen genannten Ideen je nach Sichtweise positiv oder negativ bewertet, aber vor allem völlig unterschiedlich gemeint sein. Eine „Fokussierung auf Zentren und Großstädte“ und „Professionalisierung der Szene“, die attraktiv ist „für alle“ klingt in der Tat so allgemein, dass es vielleicht gar nicht unwahrscheinlich ist. Doch durch Professionalisierung und Technisierung droht auch der Verlust von Vielfalt in der Gruppe. Schon heute wählt man über Webformulare aus, zu wem man Kontakt möchte und irgendwann trifft sich womöglich nur noch, wer völlig gleiche Ansichten hat. Da wird dann doch auch am Tisch der Wunsch nach einer gemeinsamen Identität laut. Nicht nur als queere, große Szenelandschaft, auch unter schwulen Männern, die eben doch anders sind, als Heterosexuelle, als Lesben, Transidente und alle, die eben nicht nur einfach schwule Männer sind. Eine Rückbesinnung auf das Bewusstsein, eine Minderheit zu bleiben, deren Kultur gepflegt und erhalten werden muss. Weil es eine ideale Regenbogenwelt nicht geben wird. Weder 2024, noch sonst irgendwann.

Reinhard Klenke, stellv. Landesvorsitzender Aidshilfe NRW
Reinhard Klenke, stellv. Landesvorsitzender Aidshilfe NRW

Es herrscht eine Aufbruchstimmung am Endes eines langen Tages. Auf eine positive Art war er anstrengend. Abwechslungsreich, obwohl das Thema doch eigentlich immer das gleiche war. Die Szene als Begriff stellt sich als so vielschichtig und komplex heraus, wie zu Beginn vermutet. Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was Szene in Zukunft ausmachen wird. Was er sich wünscht und was es dazu braucht. Jeder kommt aus einem unterschiedlichen Bereich der Szene. Kommerziell, Ehrenamt, Aufklärung, heteronormative Familie, Dorf fernab der Großstadt, Journalismus, diese Liste müsste mehr Punkte haben, als Personen anwesend sind. Das alles gehört also dazu, das alles meint man, wenn man „Szene“ sagt. „Szene hat mehr als drei Säulen“ steht auf einer der vielen farbigen Karten, die an die Wand gepinnt sind. Weit mehr! „Wir brauchen alle diese verschiedenen Ebenen und müssen auch alle miteinander vernetzen.“ Zum Abschluss bekommt noch einmal jeder die Gelegenheit, sein ganz persönliches Feedback zu geben. „Was waren meine Erwartungen an die Veranstaltung?“, „Was nehme ich nun für mich mit?“ Es fallen Begriffe wie „Motivation“, „Solidarität“ und ja, tatsächlich, „Stolz“. Stolz, ein Teil dieser Runde, dieser Szene zu sein.

Reinhard Klenke fasst ganz am Ende seiner abschließenden Erklärung alles das zusammen, was das Gefühl des Augenblicks ausmacht:  „Viel Spaß heute Abend beim ESC. Drückt den richtigen die Daumen! Es geht um die Wurst!“ Und bei allem Augenzwinkern mit dem er das sagt, schwingen in seiner Stimme Solidarität und Überzeugung.
Am späten Abend des 10. Mai 2014 gewinnt Conchita Wurst aus Österreich, mit Bart, langen Haaren und Abendkleid den größten Gesangswettbewerb der Welt. Und irgendwie ist man stolz.

We are unity. And we are unstoppable!

Conchita Wurst

* Nein, das ist nicht die Ausschlachtung brutaler und überzogener Klischees, sondern schlichtweg die Realität.
** Hierfür gilt selbstverständlich gleiches.
*** Wer an dieser Stelle mit dem Vorwurf der Pauschalierung und Übertreibung aufwartet, liegt selbstverständlich richtig. Kommentare und offene Kontroverse sind ausdrücklich erwünscht!

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