Oscars 2020 – Die Prognose

Once upon a time in Hollywood…

Ladies & Gentlemen, es ist wieder soweit. Hier kommt meine Oscarvorhersage für die Academy Awards 2020.

Weniger als sonst sind die aktuellen Wochen meines Lebens geprägt vom wichtigsten Filmpreis der Welt von Hollywood. Natürlich möchte ich alles gesehen haben, was es zu sehen gibt – aber in diesem Jahr ist das vergleichsweise einfach: Insgesamt ist genau ein Film mehr nominiert als letztes Jahr, aber viele davon waren auch schon früh in Deutschland verfügbar. Außerdem scheint meine Vorahnung besser zu werden, welche Filme in den Nominierungslisten landen könnten. Mein Eindruck von einem Film, ein bisschen Erfahrung aus den vergangenen Jahren und etwas mehr Recherche bringen mich zum Ergebnis: Wer hat den Oscar verdient? Wer wird ihn bekommen? Wie in den Jahren zuvor muss das auch bei den Oscars 2020 nicht dasselbe sein.

Es gibt also wieder einige Infos, ob zur Vorbereitung auf die Verleihung oder zur Anreicherung von unnützem Wissen. Vielleicht für die diesjährige Pickliste oder auch als Recherche die eigene Oscar-Prognose. Und in der Night of the Oscars werden wir dann erfahren, ob die Quote bei den Oscars 2020 ähnlich gut bleibt, wie in den letzten Jahren (jeweils 17 aus 24 2018 und 2019). Hier kommt die Liste meiner Tipps für die Oscars 2020*. Wie immer mit meinem persönlichen Senf dazu garniert. Mit einem Klick landet ihr auf der ausführlicheren Begründung der Prognose – ICYMI.

*nach „Film“ in alphabetischer Reihenfolge der Originalbezeichnungen. Ähnlich wie die (meiner Meinung nach großartigen) Herren Gonzalez und Henderson in ihren Vorhersagen für Slant, unterteile ich bei meiner Vorhersage in die Kategorien „wird“, „könnte“ und „sollte“ gewinnen. Natürlich ganz nach meiner subjektiven und absolut nicht fehlerfreien Meinung. Mitraten, meine Prognose kommentieren oder mir (unwahrscheinlicherweise) einfach nur zustimmen? Ich freue mich wie immer auf Kommentare und Mails!

Film (Picture):

Nominiert: 1917, Ford v Ferrari, Jojo Rabbit, Joker, Little Women, Marriage Story, Once Upon A Time… In Hollywood, Parasite, The Irishman

Ob Spike Lee die Auszeichnung von Parasite als Fortschritt begrüßen würde, nachdem sein BlacKkKlansman letztes Jahr scheiterte ist mir nicht bekannt. Doch der immer wieder aufkommende, nie enden wollende Konflikt, die Academy verschmähe die besten Filme, die schwierige, afroamerikanische Themen in den Vordergrund stellen, wird sich angesichts der diesjährigen Nominierungslisten sowieso nicht auflösen können. Und es ist nicht die einzige: Man darf gespannt sein, wie viele Oscar-Preisträgerinnen es außerhalb der vorgegebenen Kategorien geben wird. Es wäre jedenfalls keine Überraschung, wenn es weniger als zwei blieben. Der Rest: Weiße Männer. Amerika 2020. Da hilft auch die Berücksichtigung von Bombshell in drei Kategorien nicht. Nun ja, machen wir das beste aus dem, was wir haben.

Gleich vier Filme sind mindestens zehnmal nominiert. Wie soll man da einen eindeutigen Favoriten ausmachen? Normalerweise sind die Regeln hierfür einfach: Gibt es einen Film, der Aspekte verschiedener Lager vereint, also gewissermaßen den kleinsten gemeinsamen Nenner der Academy-Mitglieder bildet? Gibt es einen Film, bei dem eine allseits beliebte und anerkannte Person sich verwirklicht und ihm mehr als jemals zuvor einen Stempel aufgedrückt hat? Gibt es einen Film, in dem das hochkarätig besetzte Ensemble, inspiriert von Regie und Drehbuch, eine herausragende schauspielerische Leistung vollbringt? Die Antwort auf die wichtigen Fragen zur Ermittlung eines Favoriten auf den Film-Oscar ist für keinen der in dieser Kategorie nominierten Filme ein klares und zweifelsfreies Ja. Selten war das Rennen so kurz vor der Verleihung so offen, wie bei den Oscars 2020.

Freilich, Überraschungen gab es auch in den letzten Jahren immer wieder. Meistens lässt sich aber doch das Feld zumindest auf drei oder vier Filme eingrenzen. Dieses Jahr aber lässt sich für jedes einzelne der nominierten Werke mindestens jeweils ein Argument für und gegen eine Auszeichnung als bester Film finden. Eine Auszeichnung von Ford v Ferrari wäre nicht nur wegen „nur“ vier Nominierungen sicher die größte Überraschung. Und was sagen die Zahlen? Welchen Film liebt das Publikum? The Irishman ist sogar auf Netflix zu sehen. Aber auch wenn alle drei meistausgezeichneten Filme ebenfalls die Drei-Stunden-Marke knackten: Die Bild- und Erzählgewalt der Blockbuster Ben Hur, Titanic und ja, sogar Die Rückkehr des Königs hat er einfach nicht.

Die Academy liebt Filme, die Kriege zum Thema haben. Insbesondere dann, wenn ein solcher zu den am meisten nominierten Werken gehört, also auch schon vor dem Feststehen der Auszeichnungen ein anerkannt guter Film ist. 1917 trifft einen Nerv, auch bei Menschen, die nicht der Elite Hollywoods angehören. Es wäre der langersehnte Schulterschluss mit dem Kinopublikum, endlich wieder ein bester Film, der auch im Kino für Aufsehen sorgt. Letzteres trifft auch durchaus auf Parasite zu, den Kritiken und Publikum gleichermaßen feiern. Aber auch wenn die Kategorie von fremdsprachigem zu internationalem Film umbenannt wurde: Es gehört eben doch sehr viel Mut dazu, einen Film aus dem Ausland an den Top-Produktion Hollywoods vorbei zu hieven. Mut, den die Academy bisher nie hatte. Spike Lee weiß, wie sich das anfühlt.

Wird gewinnen: 1917
Könnte gewinnen: Parasite
Sollte gewinnen: Parasite

Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role):

Nominiert: Antonio Banderas (Pain And Glory), Leonardo DiCaprio (Once Upon A Time… In Hollywood), Adam Driver (Marriage Story), Joaquin Phoenix (Joker), Jonathan Price (The Two Popes)

Die nominierten Darsteller bilden in diesem Jahr eine wahrlich bunte Mischung. Und das hat nichts mit dem größten Favoriten auf die Auszeichnung zu tun. Antonio Banderas zeigt eine schauspielerische Leistung, wie ich sie von ihm noch nicht zuvor gesehen habe. Jonathan Pryce lässt mich mehrere Minuten lang überlegen, ob The Two Popes nun eine Doku oder ein Spielfilm ist. Und dann gibt es da noch Leonardo DiCaprio. Vor Monaten schon war ich überrascht, dass er ausgerechnet für eine Tarantino-Produktion zum ersten Mal nach seinem Oscar-Triumph wieder vor der Kamera stehen wird. Ein Comeback nach so langer Zeit und nach einem solchen Erfolg birgt einige Gefahren – denen er mit dieser Wahl und dieser Leistung ganz sicher erfolgreich ausgewichen ist.

Die für mich größte Überraschung: Adam Driver. Als Star Wars-Antagonist blieb er für mich blass (pun intended), trotz vieler überzeugender Wutausbrüche. Marriage Story lässt nicht zuletzt wegen dieser erahnen, dass das am wenigsten seine eigene Schuld sein könnte. Und so heimst er im zweiten Jahr nacheinander eine Oscar-Nominierung ein, diesmal sogar als Hauptdarsteller. Und wäre nicht nur berechtigt, sondern hätte durchaus Siegpotenzial – in einem anderen Jahr. Denn es gibt schließlich noch Joker Phoenix. Sehr selten ist ein Film so sehr auf eine Person zugeschnitten. Man könnte meinen, Joker sei einzig und allein dazu gemacht worden, Phoenix nach jahrelanger Abstinenz seinen Oscar zu bescheren. Seine Reputation ist unbestritten, seine Beliebtheitswerte steigen sogar und eine winzige Hommage an Heath Ledger schimmert durch, ohne dass ein völlig eigener, neuer Stil des Jokers bestreitbar wäre.

Wird gewinnen: Joaquin Phoenix (Joker)
Könnte gewinnen: Joaquin Phoenix (Joker)
Sollte gewinnen: Joaquin Phoenix (Joker)

Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role):

Nominiert: Tom Hanks (A Beautiful Day In The Neighborhood), Anthony Hopkins (The Two Popes), Al Pacino (The Irishman), Joe Pesci (The Irishman), Brad Pitt (Once Upon A Time… In Hollywood)

Ich habe nicht recherchiert, wann die nominierten Nebendarsteller zuletzt so alt und weiß waren, wie bei den Oscars 2020. Ja, richtig, 2020. Diese Nominierungsliste hätte auch 1995 niemanden überrascht. Ein Plädoyer für mehr Vielfalt und einen Aufbruch in eine neue Ära ist das zwar nicht gerade, es drängte sich aber in dieser Kategorie auch einfach niemand auf. Der einzige in dieser Runde, der bislang tatsächlich noch nicht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ist Brad Pitt. Gleichzeit ist er, gerade einmal ein paar Jahre in seinen Fünfzigern, auch der jüngste Nominierte dieses Jahr. Die perfekte Gelegenheit also, einem jungen, aufstrebenden Künstler seinen ersten Oscar zu geben.

Die Rechnung war schon mal schwieriger: Zwei Darsteller spielen in ihrem Film praktisch gegeneinander und dürften Fans des Films unter sich aufteilen. Wenn nicht, wird es vielleicht doch Joe Pesci. Einer wurde schon so oft nominiert und ausgezeichnet, dass er dieses Jahr einen Golden Globe für sein Lebenswerk bekam – das muss ja wohl genug sein. Es birgt eine gewisse Ironie, dass Anthony Hopkins, berühmt für seine Rolle als menschenfressender Psychopath, nun für eine Rolle nominiert ist, in der er Papst Franziskus geradezu menschlich erscheinen lässt. Er zeigt Selbstzweifel und Reue und spricht viele verschiedene Sprachen. Nur ein einziges Mal klingt durch, dass Deutsch eben nicht seine Muttersprache ist. Ja, die Academy hat eine Schwäche für die Darstellung berühmter, realer Persönlichkeiten. Doch hier hat sie die Chance, dem jüngsten Nominierten, der einen Stuntman im guten alten Hollywood spielt, einen vermeintlichen Underdog unter Ihresgleichen, seinen ersten Oscar zu geben. Eine unschlagbare Kombination.

Wird gewinnen: Brad Pitt (Once Upon A Time… In Hollywood)
Könnte gewinnen: Joe Pesci (The Irishman)
Sollte gewinnen: Anthony Hopkins (The Two Popes)

Hauptdarstellerin (Actress in a Leading Role):

Nominiert: Cynthia Erivo (Harriet), Scarlett Johansson (Marriage Story), Saoirse Ronan (Little Women), Charlize Theron (Bombshell), Renée Zellweger (Judy)

Die Oscars sind auch nicht mehr das… Ein Satz, den man immer wieder hört, gilt für weniges so sehr, wie für diese schon wieder Meryl Streep-lose Nominierungsliste. Immerhin, nachdem letztes Jahr schon nach der Bekanntgabe der Nominierten feststand, dass es eine Premiere geben würde, finden sich bei den Oscars 2020 immerhin zwei Oscar-Preisträgerinnen in dieser Kategorie ein. Beide liefern eine im wahrsten Sinne herausragende Performance – ihre Filme leben fast ausschließlich von ihrem Spiel, Judy noch mehr als Bombshell. Und doch spricht vieles für den zweiten Premieren-Oscar in Folge in dieser Kategorie.

Saoirse Ronan ist so etwas wie eine verfluchte Glücksbringerin für Filme, in denen sie mitspielt: Häufig, fast immer, werden sie in mehr als einer Kategorie nominiert und nur selten, fast nie, gewinnen sie auch. Das wird sich auch in diesem Jahr nicht ändern. Und das in dieser Kategorie durchaus nicht zu unrecht. Zu stark ist das Spiel von Scarlett Johansson in Marriage Story, bei dem sie den ebenfalls starken Adam Driver beinahe an die Wand und sich mit Laura Dern gegenseitig in einen Rausch spielt. Und weil es schlichtweg unfair wäre, wenn Johansson der letztgenannten ausgerechnet bei den Nebendarstellerinnen den Award wegschnappen würde, wäre der Weg frei für die Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin.

Angesichts der weißen, männlichen Oscar-Verleihung dieses Jahr erscheint Cynthia Erivo in dieser Kategorie fast schon wie eine Quoten-Nominierung. Das wird ihrer schauspielerischen Leistung natürlich nicht gerecht. Dank Mary J. Blige wissen wir, dass gutes Spiel und eindrucksvoller Gesang durchaus eine Kombination abgeben, die einen Oscar bescheren kann. Aber erstens geht es hier um die Hauptrolle, zweitens liebt die Academy in den letzten Jahren kaum etwas so sehr, wie die Darstellung historischer Personen. Noch dazu aus dem Showbiz selbst. Einmal mehr – und anders als im Vorjahr – scheinen die Golden Globes Vorbote für die Schauspiel-Oscars zu sein. Vieles bleibt eben auch bei den Oscars 2020 das, was es war…

Wird gewinnen: Renée Zellweger (Judy)
Könnte gewinnen: Scarlett Johansson (Marriage Story)
Sollte gewinnen: Scarlett Johansson (Marriage Story)

Nebendarstellerin (Actress in a Supporting Role):

Nominiert: Kathy Bates (Richard Jewell), Laura Dern (Marriage Story), Scarlett Johansson (Jojo Rabbit), Florence Pugh (Little Women), Margot Robbie (Bombshell)

Scarlett Johansson ist die derzeit beste aller Schauspielerinnen. Zumindest, wenn man nach den Nominierungslisten bei den Oscars 2020 geht. Gleich zweimal taucht sie unter den Schauspielerinnen auf. Und in beiden Kategorien ist sie durchaus nicht chancenlos. Was, wenn sie in ihrer Nebenrolle in Jojo Rabbit sogar noch besser ist, als in Marriage Story? Und was, wenn aber Laura Dern eben in Marriage Story so gut ist, dass sie Johansson erst zu ihrer oscarreifen Leistung pushte? Dann ist wohl zumindest über die Chancen aller anderen Nominierten das meiste gesagt. Es wird ihren Leistungen nicht gerecht, so zu tun, als würde der Oscar nur zwischen den beiden ausgetragen. Trotzdem, wenn man den Trends folgt und die vorangegangenen Awards berücksichtigt, kann der Preis nur an Laura Dern gehen. Ihn hier an Johansson zu geben – und als Hauptdarstellerin womöglich auch noch – wäre ihr gegenüber schlichtweg unfair.

Wird gewinnen: Laura Dern (Marriage Story)
Könnte gewinnen: Scarlett Johansson (Jojo Rabbit)
Sollte gewinnen: Laura Dern (Marriage Story)

Animationsfilm (Animated Feature):

Nominiert: How To Train Your Dragon: The Hidden World (Drachenzähmen leicht gemacht: Die geheime Welt), I Lost My Body (Ich habe meinen Körper verloren), Klaus, Missing Link (Mister Link), Toy Story 4 (A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando)

Wie immer sind die Arten von Filmen in dieser Kategorie sehr unterschiedlich. Das gilt für die Machart, wie auch für die Art des Publikums, für die sie gemacht sind. Bei nur einem von ihnen gehöre ich nicht dazu. Toy Story 4 ist so offensichtlich die Durchfütterung einer Kuh, die zu melken sich auch bisher immer gelohnt hat, dass ich schon nach 20 Minuten eigentlich gar nicht mehr wissen will, wie er denn nun ausgeht. Zu dumm, dass er der einzige verbleibende Beitrag des Klassenprimus (und Academy-Lieblings) in dieser Kategorie ist. Noch dazu einer, dessen Vorgänger schon häufig und zum Teil überraschend ausgezeichnet wurden.

I Lost My Body ist so anders als alle Animationsfilme, die ich zuvor gesehen habe, dass er schon allein deshalb die Nominierung verdient und keine Chance auf den Oscar hat. Klaus erzählt eine tolle, witzige und kreative Version der Geschichte von Santa Claus – und die Oscars finden nun mal nicht an Weihnachten statt. Missing Link ist der aufwendigste, detailreichste und beste Stop-Motion-Film, den ich bisher gesehen habe. Doch traditionell bekommt der beste klassische Animationsfilm den Oscar. Und da die Saga mit den Drachen nicht von Disney stammt, besteht nur eine geringe Chance, dass die Stimmen unter den beiden verbleibenden Kandidaten aufgeteilt werden, wie es mutmaßlich bei den Golden Globes (zwischen Toy Story und Frozen) einen verdienten Preisträger ermöglichte.

Wird gewinnen: Toy Story 4
Könnte gewinnen: Missing Link
Sollte gewinnen: Missing Link

Kamera (Cinematography):

Nominiert: 1917, Joker, Once Upon A Time… In Hollywood, The Irishman, The Lighthouse (Der Leuchtturm)

Natürlich wurde bei allen fünf nominierten Filmen herausragende Arbeit an der Kamera geleistet. Aber es besteht keine Chance auf eine Quoten-Auszeichnung, da keine Frau nominiert ist und irgendwann muss ich ja hiermit auch nochmal fertig werden, deshalb fasse ich mich kurz. Denn nur zwei der fünf Werke heben sich durch auffällig gute Kameraarbeit hervor. Einer davon schaffte es deshalb zu den Oscars, obwohl er ansonsten vollkommen durch jegliches Raster fällt. Was zugleich auch der Grund dafür ist, dass The Lighthouse zwar von den Fachleuten in Sachen Kamera-Arbeit nominiert, aber von der Mehrzahl der Mitglieder wohl nicht als ernsthafter Kandidat betrachtet werden dürfte.

Stattdessen gibt es einen Veteranen an der Kamera, dessen Stil 1917 erst so richtig zum Gesprächsthema in allen möglichen Kreisen werden ließ. Ein Film wie ein Computerspiel, der so gut wie ohne Schnitte auszukommen scheint, obwohl er ständig die Orte des Geschehens und den Blickwinkel darauf verändert. Die Stilistik, die schon Birdman zum Oscar-Gewinner machte, gepaart mit Elementen aus The Revenant, die die Kriegslandschaft von 1917 einfangen und näherbringen, als man vielleicht eigentlich möchte, kopiert zwar keine zuvor ausgezeichnete Leistung, knüpft aber nahtlos an sie an. Viel lauter kann man gar nicht „Gebt uns einen Oscar für die Kamera“ schreien.

Wird gewinnen: 1917
Könnte gewinnen: The Irishman
Sollte gewinnen: The Lighthouse

Kostümdesign (Costume Design):

Nominiert: Jojo Rabbit, Joker, Little Women, Once Upon A Time… In Hollywood, The Irishman

Ja, ich wiederhole mich oft, aber es bleibt nun mal dabei: Manche Dinge ändern sich nicht. Die favorisierten Filme in dieser Kategorie bekamen in den letzten Jahren immer auch die Auszeichnung. Und immer waren es Kostümfilme, die auch als Bester Film nominiert war. Das hilft in diesem Jahr nur bedingt weiter, denn alle fünf nominierten Film sind auch Anwärter auf den besten Film bei den Oscars 2020. Bei der Handlung von vier der fünf nominierten Filme stehen Männer im Mittelpunkt der Handlung. Der Joker trägt nicht gerade typische Männerkleidung. Authentische Uniformen aus lange vergangenen Kriegen sind immer gern gesehen (was die Frage aufwirft, warum 1917 ausgerechnet in dieser Kategorie in der Nominierungsliste fehlt). Manche Filme bringen erst durch die konsequente Umsetzung aller Outfits die Epoche, in denen sie spielen, zur Geltung – unabhängig von den Hauptfiguren.

Doch einer der nominierten Filme unterscheidet sich maßgeblich von allen anderen. Little Women zeigt die Kostüme von Frauen Mitte des 19. Jahrhunderts. Detailreich, aber nicht übertrieben, unauffällig, aber nicht langweilig. Letzteres trifft bei allen anderen nominierten Filmen wenn überhaupt noch auf The Irishman zu. Nur steht dort, wie bei allen anderen, die Kleidung von Männern im Vordergrund. Die unterschiedlichen Kleidungsstile im Wandel der Zeit an Männern, die dennoch ihrem persönlichen Stil treu bleiben, muss man auch erst einmal überzeugend und konsequent umsetzen. Einen Oscar für Kostümdesign bekommt man aber eben normalerweise am ehesten mit einem Kostümfilm.

Wird gewinnen: Little Women
Könnte gewinnen: The Irishman
Sollte gewinnen: 1917 / Little Women

Regie (Directing):

Nominiert: Bong Joon Ho (Parasite), Sam Mendes (1917), Todd Philips (Joker), Martin Scorsese (The Irishman), Quentin Tarantino (Once Upon A Time… In Hollywood)

Wenn du deinen Hauptdarsteller dazu bringst, absoluter Favorit in seiner Kategorie zu sein, muss der restliche Film schon eine ziemliche Katastrophe sein, damit du nicht für deine Regie unter den Oscar-Nominierten landest. Und überhaupt: Stell dir vor, du führst Regie bei einem Film, der für 10 oder mehr Oscars nominiert ist, und landest selbst nicht einmal auf der Nominierungsliste. Undenkbar! Auch 2020. Vier Filme sind für 10 oder mehr Oscars nominiert, alle ihre Regisseure ebenfalls. Dazu kommt der Überraschungshit Parasite, einer von vier Filmen mit 6 Nominierungen. Und der einzige von ihnen ohne Berücksichtigung in der Schauspiel-Kategorie.

Spricht es für oder gegen einen Regisseur, wenn er sein Ensemble nicht zu herausragendem Spiel antreibt, aber dennoch einen der besten Filme des Jahres zustandebringt? Die Frage ist für gleich zwei Nominierte interessant. Und unwichtig. Die Academy wird Parasite auszeichnen. Und vielleicht keine Notwendigkeit sehen, das ausgerechnet in dieser Kategorie zu tun. Dass 1917 ohne Oscar nach Hause geht, ist undenkbar. Und irgendjemand ist eben verantwortlich für den wohl letztendlich am meisten ausgezeichneten Film bei den Oscars 2020.

Es bleiben zwei Filme mit zwei Schauspiel-Nominierungen. Vielleicht erhält Martin Scorsese Anerkennung für die Leistung, einen mehr als dreistündigen Film mit großartig aufgelegten Altstars und kompliziert zu vermittelnden Handlungssprüngen unterhaltsam umzusetzen. Auch Once Upon A Time… In Hollywood trägt eine eindeutige Handschrift: Farbgebung, Story, Spiel, Witz, Atmosphäre – alles schreit Tarantino. Reicht das für den ersten Regie-Oscar für das Enfant Terrible, einen der ganz großen in Hollywood, der aber bisher nur als Drehbuchautor ausgezeichnet ist?

Ein Film trägt unverkennbar die Handschrift der Person, die Regie führt und ist ebenfalls in zwei Schauspiel-Kategorien (darunter beste Hauptfigur) nominiert. Doch fünf Männer wurden eben Greta Gerwig vorgezogen.

Wird gewinnen: Sam Mendes (1917)
Könnte gewinnen: Bong Joon Ho (Parasite) | Quentin Tarantino (Once Upon A Time… In Hollywood)
Sollte gewinnen: Greta Gerwig (Little Women)Martin Scorsese (The Irishman)

Dokumentation (Documentary Feature):

Nominiert: American Factory, For Sama, Honeyland, The Cave, The Edge Of Democracy

Für alle, die nicht alle Dokumentarfilme gesehen haben, könnte eine einfache Rechnung funktionieren: Nominierung als Dokumentarfilm + Nominierung als Internationaler Film = Oscar als Dokumentarfilm. Und zu den Menschen, die nicht alle Dokumentarfilme gesehen haben, zählen erfahrungsgemäß auch einige Mitglieder der Academy. Insofern kann man es sich auch bei der Entscheidung für einen Tipp in dieser vermeintlich schwer einschätzbaren Kategorie in einfach machen – und eben auch bei der Prognose. Politisch und emotional motivierte Stimmberechtigte könnten andererseits auch für die beiden Kriegsdokus aus Syrien For Sama und The Cave oder die erste Obama-Produktion American Factory stimmen. Und wenn sie das tun, teilen sie womöglich ihre Stimmen (insbesondere zwischen den erstgenannten) so auf, dass alle leer ausgehen.

In Zeiten des Trump-Impeachments könnte The Edge Of Democracy kurz vor der Entscheidung noch einmal mehr Aufmerksamkeit bekommen, als vielleicht zunächst gedacht. Er zeigt unter anderem, wie ein Misstrauensvotum in die exakt andere Richtung ausschlagen und ein Land und sein System verändern kann. Vor allem aber zeigt er die Schwachstellen (junger) demokratischer Systeme auf. Ein mahnender Zeigefinger in Richtung einer Politik, die Netzwerke, Schlupflöcher und Korruption zum Machterhalt nutzt. Letztes Jahr wurde mit RBG ein Film nicht ausgezeichnet, der im eigenen Land spielte. Kann das für einen Film anders ausgehen, der im fernen Brasilien spielt?

Wird gewinnen: Honeyland
Könnte gewinnen: The Edge Of Democracy
Sollte gewinnen: For Sama

Dokumentarischer Kurzfilm (Documentary Short):

Nominiert: In The Absence, Learning To Skateboard In A Warzone (If You’re A Girl), Life Overtakes Me, St. Louis Superman, Walk Run Cha-Cha

Was haben Donald Trump, Harvey Weinstein und Charlize Theron mit den Kurz-Dokus bei den Oscars 2020 zu tun? In manchen Kategorien hilft einem auch noch so viel Erfahrung jedes Jahr aufs Neue nicht weiter. Und die Königin unter ihnen ehrt den dokumentarischen Kurzfilm. In den letzten Jahren haben ich mich deshalb auch immer wieder mal auf eine alte Weisheit unter Award-Prognostikern berufen: Wenn man keine Ahnung hat, im Zweifel immer auf den Film mit dem längsten Titel setzen! Und weil es in diesem Jahr wieder sehr viel schwieriger war, alle nominierten Kurz-Dokus anzusehen (unter anderem, weil Netflix dieses Mal nur mit einem Film vertreten ist), bleibt mir fast nichts anderes übrig, als auf das zu vertrauen, wozu die Academy-Mitglieder immer wieder mal verleitet werden.

Ganz so einfach mache ich es mir natürlich nicht. Zumindest über Thema, Handlung und Umsetzung der nominierten Filme lässt sich einiges herausfinden – wie auch über die bisherigen Kritiken. Ed Gonzalez schreibt für Slant:

Learning To Skateboard In A Warzone (If You‘re A Girl) erzählt die Geschichte einer Schule in Kabul, die jungen Mädchen das Skateboarden beibringt und, darüber hinaus, das Patriarchat herauszufordern. „Ich will nicht erwachsen werden, damit ich für immer skaten kann“ sagt ein Mädchen an einem Punkt.“
Die Diskussion um eine von Männern beherrschte Gesellschaft und Domäne, die auch bei den Oscars deutlicher als in den letzten Jahren hervortritt, wird (neben dem mit Abstand längsten Titel) wohl ihr übriges tun, zumal der eine Film, der sich dieser Thematik sogar ernsthaft annimmt, zwar nicht vollkommen unberücksichtigt, aber wohl unausgezeichnet bleiben wird. Schließlich hat man in dieser Kategorie die Chance, diesem Thema Anerkennung zu zollen. Und das sogar mit einer Dokumentation über wahre Ereignisse, keinem Spielfilm.

Wird gewinnen: Learning To Skateboard In A Warzone (If You’re A Girl)
Könnte gewinnen: In The Absence
Sollte gewinnen: Learning To Skateboard In A Warzone (If You’re A Girl)

Filmbearbeitung (Film Editing):

Nominiert: Ford v Ferrari, Jojo Rabbit, Joker, Parasite, The Irishman

Ich war in den letzten beiden Jahren ein Fan der Idee, dass ein Film den von mir so getauften Technik-Hattrick, also Film- und Tobearbeitung und Tonmischung holt. In den vergangenen Jahren lag ich mit diesen Tipps (zum Teil auch widerwillig) ganz gut, in diesem Jahr kämen dafür Joker und Ford v Ferrari in Frage. Nur einer von beiden ist ein Film, bei dem ich auch tatsächlich zwischendurch dachte: Der Schnitt kann sich sehen lassen. Ford v Ferrari ist ein Rennfilm. Und diese werden immer wieder gern ausgewählt, wenn man eigentlich nicht so recht weiß, worin jetzt die tatsächlichen Leistungsunterschiede der nominierten Filme bestehen.

Einiges ist bei den Oscars 2020 aber tatsächlich anders als in den letzten Jahren. Es gibt da diesen Lieblingsfilm, der, gäbe es nicht den absoluten Favoriten auf die meisten Oscars (einschließlich Bester Film), vermutlich in allen sechs Kategorien abräumen würde, für die er nominiert ist. Wie es der Zufall(?) will, ist 1917 aber ausgerechnet für den besten Schnitt nicht nominiert (es gibt ja vermeintlich kaum einen), sodass Parasite hier die Nase vorn haben könnte, wenn man davon ausgeht, dass auch beim Filmschnitt eben sehr viel wichtiger ist, wie der Film an sich ist, als der tatsächliche Schnitt.

Wird gewinnen: Ford v Ferrari
Könnte gewinnen: Parasite
Sollte gewinnen: Parasite

Internationaler Film (International Feature Film):

Nominiert: Corpus Christi, Honeyland, Les Misérables, Pain And Glory, Parasite

Es gibt in diesem Jahr sehr viel schwierigere Entscheidungen für einen Tipp als in der umbenannten Kategorie Bester Internationaler Film. Die Umbenennung eröffnet die Möglichkeit, auch (teilweise) englischsprachige Filme zu nominieren, die keine rein englischsprachigen Produktionen sind. Dass es nicht mehr auf die (Fremd-)Sprache reduziert wird, ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Soweit, so egal. Bis auf die Namen könnte ich hier einfach den Text aus dem letzten Jahr kopieren.

Zwei Filme sind nur in dieser Kategorie nominiert, zwei in einer weiteren (Hauptdarsteller bzw. Dokumentation). Als Dokumentarfilm überhaupt als Bester (Internationaler) Film nominiert zu sein ist schon eine Kunst. Und die schauspielerische Leistung von Antonio Banderas allein wird auch nicht ausreichen. Da Parasite aber ohnehin inzwischen mehr als nur noch ein Geheimtipp auf den Besten Film und Liebling von Publikum, Kritiken und Jurys gleichermaßen zu sein scheint, bilden die vier weiteren (durchaus zurecht) nominierten Filme eigentlich nur den Rahmen für die sichere Auszeichnung mit dem Oscar. Und Parasite verdient das Prädikat „Oscar-prämiert“ ganz ohne Zweifel.

Wird gewinnen: Parasite
Könnte gewinnen: Parasite
Sollte gewinnen: Parasite

Makeup & Frisuren (Makeup & Hairstyling):

Nominiert: 1917, Bombshell, Joker, Judy, Maleficent: Mistress Of Evil Letztes Jahr landete ich endlich einen Treffer und könnte frohen Mutes an die Prognose gehen. Weit gefehlt. Zum ersten Mal, seitdem ich mich ausführlich mit den Oscars beschäftige, gibt es in dieser Kategorie nicht nur drei sondern auch fünf Nominierte. Das erschwert die Prognose schon rein prozentual. Und auch die Stimmen werden bei einem breiteren, starken Feld wohl breiter gestreut. Welcher Stil, welche Art Film, welche Arbeitsweise vereint die meisten Fans hinter sich? Die letzten Auszeichnungen beachtend wären Bombshell und Judy favorisiert. Immer wieder wird honoriert, wenn Makeup & Frisuren das Aussehen des Ensembles an das prominenter Personen anpassen. Aber es kommen unweigerlich Erinnerungen an Suicide Squad auf, nicht nur weil es einen Joker gib. Bunt, schrill, zum Teil abgewrackt, aber durchaus authentisch dargestellte fiktive Charaktere, die man zuvor gezeichnet kannte. Das mag auch auf Maleficent zutreffen, aber in Joker bekommen seelischer Verfall und körperliche Qualen des Protagonisten eine Tiefe, die letztlich auch dem Spiel von Joaquin Phoenix noch mehr Wirkung verleiht Hier stehen sich also genau die zwei Stile gegenüber, die von der Academy in den letzten Jahren immer ausgezeichnet wurden. 1917 ist anders. Spuren von Krieg, Kampf, Angriffen ziehen sich durch den Film und die Gesichter der Personen. Was, wenn wegen zweier konkurrierender Lager der dritte Stil das Rennen macht? Noch dazu, wenn der Film noch gleich neun weitere Male nominiert und Mitfavorit auf den besten Film ist. Glücklicherweise ist die Arbeit in 1917 so gut, dass das kein Affront wäre. Bei allem Für und Wider unterschiedlicher Stile und allem Kalkül, das eine solche Preisverleihung mit sich bringt, wird eben doch immer mal wieder auch einfach die beste Leistung verdient ausgezeichnet. Wird gewinnen: Joker Könnte gewinnen: 1917 Sollte gewinnen: 1917

Soundtrack (Original Score):

Nominiert: 1917, Joker, Little Women, Marriage Story, Star Wars Episode IX: The Rise Of Skywalker (Der Aufstieg Skywalkers) Die ganze Zeit über, während ich Star Wars IX ansehe, fühle ich mich musikalisch in der Zeit zurückversetzt und freue mich, dass John Williams endlich wieder ein typischer Skywalker-Sound gelungen ist. Die Nominierung ist eine würdige Honorierung. Nun aber zu ernsthaften Kandidaten: Der Soundtrack für Marriage Story ist großartig, aber so anders und der ganze Film so untypisch dafür, dass er für den Soundtrack ausgezeichnet wird, dass die Chance dafür verschwindend gering ist. 1917 brauchte einen schweren, spannungsgeladenen Soundtrack, den Thomas Newman so gut umsetzte, dass es zum Oscar reichen könnte. Aber nicht dieses Jahr. Denn es gibt gleich zwei Filme, deren Soundtrack an sich ein Unterhaltungsereignis ist. Alexandre Desplat wurde für Shape Of Water mit dem Oscar ausgezeichnet und erzählt auch in Little Women mit seinem Soundtrack eine ganz eigene Geschichte, unterlegt die Komplexität der Geschichte federleicht und bringt noch dazu einen wiedererkennbaren, eigenen Stil in der Musik unter. Wow! Und dennoch gingen diverse Preise in diesem Jahr an Joker. Wohl auch, weil die Musik diesem Film Tiefe, Dramatik, Spannung gibt, die er sonst schlicht nicht hätte. Und es schadet wohl in diesem Zweikampf nicht, dass sie von der einzigen in dieser Kategorie und einer der überhaupt nur sehr wenigen nominierten Frauen stammt. Wird gewinnen: Joker Könnte gewinnen: Little Women Sollte gewinnen: Little Women

Song (Original Song):

Nominiert: (I‘m Gonna) Love Me Again (Rocketman), I‘m Standing With You (Breakthrough – Zürck ins Leben), Into The Unknown (Frozen II – Die Eiskönigin 2), Stand Up (Harriet), I Can‘t Let You Throw Yourself Away (Toy Story 4) Traditionell werden hier zwei Arten von Songs ausgezeichnet: Von Superstars interpretierte oder Songs aus Disney-Filmen. Kein Wunder war also, dass Elton John damals für König der Löwen ausgezeichnet wurde. In diesem Jahr kommen beide ohne gemeinsame Nominierung aus. Und Elton John hat die auch gar nicht nötig. Schließlich hat er die Gelegenheit, erstmals auch mit seinem kongenialen Partner Bernie Taupin einen Oscar zu bekommen – und das sogar für einen Film über seine und ihre Geschichte. Wie herzlos wäre die Academy ihnen das zu verwehren. Noch dazu, wo der gesamte Film in allen anderen Kategorien sträflich missachtet wurde. (Ein weiterer Beweis dafür, dass ein Golden Globe eben noch lange keinen Oscar-Favoriten macht.) Nun ja, ähnlich herzlos wie damals, als Remember Me dem epischen This Is Me aus Greatest Showman vorgezogen wurde. Doch der war eben nicht von einem Superstar gesungen und nicht von Disney. Insofern könnten in diesem Jahr eigentlich nur zwei Songs dem Golden Globe-Gewinner noch gefährlich werden. Doch auch wenn der vierte Toy Story-Ableger viel zu schwach ist, um ernsthaft eine Stimmteilung mit Let It Go II aus Frozen II herbeizureden ist auch dieser oder zumindest dessen Hintergrundgeschichte eigentlich nicht stark genug. Beide Disney-Nominierte sind schon mehrfach ausgezeichnet, sodass ein weiterer Überraschungserfolg von beiden diesmal unwahrscheinlich ist. Wird gewinnen: (I’m Gonna) Love Me Again (Rocketman) Könnte gewinnen: Into The Unknown (Frozen II) Sollte gewinnen: (I’m Gonna) Love Me Again (Rocketman)

Produktionsdesign (Production Design):

Nominiert: 1917, Jojo Rabbit, Once Upon A Time… In Hollywood, Parasite, The Irishman

Ein Blick zurück in die gute, alte Zeit tut doch immer gut. Und zwar werfen auch 1917 und Jojo Rabbit einen Blick zurück, aber eine gute Zeit zeigen sie dabei nun wirklich nicht. Stellt man aber diese beiden Filme, die trotz einiger Jahre die zwischen den Handlungszeiten liegen, vergleichbare Anforderungen an das Produktionsdesign stellen, kann die Wahl nur auf 1917 fallen. Einen ähnlichen Vergleich erlauben auch Once Upon A Time… In Hollywood und The Irishman, obwohl die Stilistik der Ausstattung sich stark voneinander unterscheidet. Und auch hierbei kann es nur einen Sieger geben, schließlich spielt einer der beiden Filme in Hollywood.

Da waren es nur noch drei. Und ich erwähnte es schon: Parasite ist in jeder Kategorie, in der er nominiert ist, mindestens Geheimfavorit – wenn er nicht gegen 1917 antritt. Sollte es tatsächlich Fans beider Filme geben, dies mit so großer Überzeugung sind, dass sie ihnen auch hier ihre Stimme geben, dürfte spätestens das endgültig Quentin Tarantinos Film zum Oscar-Gewinner machen. Alle seine Filme haben eine bestimmte Ästhetik, die ihnen einen Wiedererkennungswert geben, völlig egal in welcher Zeit und an welchem Ort sie spielen. Das mit der detailverliebten Ausstattung zu kombinieren, die Zeit und Ort des Geschehens auch authentisch wiedergeben, kann schon mal eine Auszeichnung wert sein.

Wird gewinnen: Once Upon A Time… In Hollywood
Könnte gewinnen: 1917
Sollte gewinnen: Once Upon A Time… In Hollywood

Animierter Kurzfilm (Short Film Animated):

Nominiert: Daughter, Hair Love, Kitbull, Mémorable, Sister

Normalerweise gewinnt in dieser Kategorie immer der Disney-/Pixar-Film. Doch davon gibt es in diesem Jahr eben keinen (Kitbull aus einem Pixar-Tochterstudio mal ausgenommen). Inzwischen habe ich hier so oft danebengelegen, ich könnte genauso gut losen. Oder ich schaue eben weiterhin alle Filme, die auch fast alle immer toll anzusehen sind und entscheide mich dann für meinen Lieblingsfilm. Zu oft lag ich mit den Argumenten vollkommen daneben, welche Stimmberechtigten unter welchen Umständen wie abstimmen könnten. Und dieses Jahr kann ich sogar, wenn ich das wirklich so mache, den Favoritenkreis eigentlich auf zwei Filme eingrenzen.

Hair Love ist der Film, der in seiner Machart und Story dem typischen Disney-Stil am ähnlichsten sieht. Es schadet sicher auch nicht, dass er bei einer so weißen Oscarverleihung wie lange nicht mehr ins Rennen geht. Er vertauscht Geschlechterklischees, spielt mit moderner Mediennutzung und kreiert sogar einen emotionalen Wendepunkt am Ende. Wirklich in die Tiefe geht er in der Kürze der Zeit allerdings nicht. Mémorable schafft in einer sehr kurzen Zeit sehr viel Tiefgang und beschäftigt sich in eindrucksvoller Weise mit Demenz und ihren Folgen. Das ginge kaum besser, als in dem Stil in dem der Film animiert wurde. Doch genau dieser ist auch sein größter Schwachpunkt. Denn die Academy hat immer schon (zum Beispiel auch im letzten Jahr) den klassischen, Disney-artigen Animationsstil bevorzugt.

Wird gewinnen: Hair Love
Könnte gewinnen: Mémorable
Sollte gewinnen: Mémorable

Kurzfilm (Short Film Live Action):

Nominiert: Brotherhood, Nefta Football Club, Saria, Sister, The Neighbor’s Window

Die Kurzfilm-Kategorien unterscheiden sich in meinen Erfolgschancen nicht wesentlich. Zwar lande ich durchaus schon mal den ein oder anderen Treffer, wirklich sicher bin ich mir aber bei meinen Prognosen nie. Ich persönlich habe auch Schwierigkeiten damit, Filme, die gerade einmal etwa zehn Minuten dauern mit solchen zu vergleichen, die über eine halbe Stunde Zeit haben, ihre Geschichte zu erzählen. Klar, auch lange Filme haben unterschiedliche Längen, schwierig finde ich es dennoch.

Umso beeindruckender ist aber, wenn einer der kürzeren Filme es dann schafft, sogar eine politische Aussage zu machen und so sehr in die Tiefe zu gehen, dass er mich verstört zurücklässt – obwohl ich die gesprochene Sprache gar nicht verstehe. Die Academy nutzt die vermeintlich weniger großen Kategorien durchaus häufig für größere politische Statements als in den Hauptkategorien. Was für 1917 gut ist, hilft auch einigen Nominierten in der Kurzfilm-Sparte. Allen voran Brotherhood bietet die Möglichkeit, dem Kampf gegen religiöse Vorurteile und Rassendiskriminierung eine Stimme zu geben.

Wird gewinnen: Brotherhood
Könnte gewinnen: Nefta Football Club
Sollte gewinnen: Brotherhood

Tonbearbeitung (Sound Editing):

Nominiert: 1917, Ford v Ferrari, Joker, Once Upon A Time… In Hollywood, Star Wars Episode IX: The Rise Of Skywalker

Nicht nur ich würde die Ton-Kategorien gerne in eine zusammenfassen, auch die Academy denkt ernsthaft darüber nach. Das würde natürlich meinen schönen „Technik-Hattrick“ zerstören, denn ich glaube nicht, dass sich beispielsweise Visuelle Effekte da hinzufügen ließe. Obwohl… Dieses Jahr will ich nicht so recht daran glauben, das ein Film für Film- und Tonschnitt sowie Tonbearbeitung ausgezeichnet wird. Nichtsdestotrotz: Beide Ton-Oscars für einen Film sind sehr wohl möglich, zumal vier Filme in beiden Kategorien nominiert sind und zumindest ausgerechnet Star Wars IX sicher nicht den ersten Oscar in dieser Kategorie für das Franchise holen wird.

In Tonkategorien sind Musicals oder Musikfilme grundsätzlich immer favorisiert. Dicht gefolgt von lauten, actiongeladenen Filmen. Da wir Star Wars bereits ausgeschlossen haben spricht das für ein Rennen zwischen 1917 und Ford v Ferrari. Letzterer könnte in diesem Fall sogar einen Vorteil daraus ziehen, in den großen Kategorien einschließlich Bester Film allenfalls Außenseiterchancen zu haben. Denn es gibt sie eben doch, die Trost-Oscars, die durchaus besonders gern in diesen Kategorien vergeben werden. Doch das auch nur, wenn die Übermacht und Beliebtheit eines alles überstrahlenden – oder in diesem Fall übertönenden – Film nicht zu groß ist.

Wird gewinnen: 1917
Könnte gewinnen: Ford v Ferrari
Sollte gewinnen: Ford v Ferrari

Tonmischung (Sound Mixing):

Nominiert: 1917, Ad Astra, Ford v Ferrari, Joker, Once Upon A Time… In Hollywood

Nur einen Unterschied gibt es in der Nominierungsliste zwischen Tonmischung und Tonbearbeitung. Der zeigt, dass die für die Nominierungen zuständigen Personen durchaus die Unterschiede zwischen diesen beiden Kategorien kennen. Aber wie viele Mitglieder der gesamten Academy ihn kennen und wie viele davon auch tatsächlich danach und nicht nach Sympathie oder Begeisterung für einen Film bleibt alljährlich ein Rätsel. Deshalb ist es weiterhin durchaus möglich, dass in beiden Kategorien einfach der gleiche Film gewinnt. Aber bei den Oscars weiß man eben nur sicher, dass nichts sicher ist. Weder, welcher Film das sein wird, noch ob es wirklich derselbe ist.

Wird gewinnen: 1917
Könnte gewinnen: Ford v Ferrari
Sollte gewinnen: Ad Astra

Visuelle Effekte (Visual Effects):

Nominiert: 1917, Avengers: Endgame, The Lion King (Der König der Löwen), Star Wars Episode IX: The Rise Of Skywalker, The Irishman

Bei den Oscars 2020 stehen sich, wenn man so will, zwei unterschiedliche Lager gegenüber: Auf der einen Seite Effekthascherei, Action und gewaltiges Spektakel, bei dem man ganz genau weiß – ohne visuelle Effekte läuft hier nichts! Auf der anderen Seite Filme, bei denen man sich doch fragt, wo denn hier eigentlich die visuellen Effekte sein sollen. So gut funktioniert in gleich zwei Filmen die Bearbeitung von Gesichtern um entweder unterschiedliches Alter oder sehr schnell wechselnde Gemüts- und Gesundheitszustände darzustellen.

Machen wir es kurz: Die besten visuellen Effekte sind die, die man nicht sieht. Diese goldene Regel gilt seit einigen Jahren mindestens wenn es darum geht, den Oscar in dieser Kategorie abzuräumen. Und da ein jugendliches Gesicht auf einem Körper, der ganz offensichtlich einem Mann in den Siebzigern gehört, eben doch irgendwie sichtbar ist, kann unter den beiden Vertretern dieses Lagers eigentlich nur ein Film gewinnen. Wie fast immer bleibt ansonsten die Möglichkeit des lachenden Dritten, der nach dem Erfolg von The Jungle Book erneut der „Realfilm“ aus dem Hause Disney sein könnte.

Wird gewinnen: 1917
Könnte gewinnen: The Lion King
Sollte gewinnen: 1917

Adaptiertes Drehbuch (Writing: Adapted Screenplay)

Nominiert: Jojo Rabbit, Joker, Little Women, The Irishman, The Two Popes

Greta Gerwig geling für Little Women ein Meisterwerk. Mehrere Handlungsstränge, Zeitsprünge, verschiedene Geschichten, die total kompliziert ineinander greifen, werden so zusammengestellt, dass sie sogar für diejenigen, die die Buchvorlagen gelesen haben, spannend und überraschend sind. Geht man danach kann es in dieser Kategorie eigentlich nur ein Ergebnis geben. Doch irgendwie scheint Greta Gerwig nicht gerade ein Liebling der Academy zu sein.

Das unterscheidet sie von Jojo Rabbit, der sensationelle sechs Nominierungen einheimst, ohne in irgendeiner Kategorie wirklich favorisiert zu sein. Und das wiederum gibt ihm eine Chance, für das Drehbuch ausgezeichnet zu werden. Denn die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass wenn ein Film voraussichtlich nicht viele Chancen auf Oscars hat, er einen wichtigen, wenn auch nicht unbedingt den wichtigsten dann eben doch bekommt. Solange die Story verrückt und außergewöhnlich genug ist, ist alles möglich.

Wird gewinnen: Jojo Rabbit
Könnte gewinnen: Little Women
Sollte gewinnen: Little Women

Orginaldrehbuch (Writing: Original Screenplay)

Nominiert: 1917, Knives Out (Mord ist Familiensache), Marriage Story, Once Upon A Time… In Hollywood, Parasite

Drehbücher von Quentin Tarantino haben immer eine Chance auf einen Oscar, so viel ist klar. Sogar eine größere, als dass er tatsächlich auch einmal mit einem Regie-Oscar ausgezeichnet wird. Alles aus einer Hand zu machen kann eben auch seinen Preis haben. Doch solange er Favorit in dieser Kategorie bleibt, dürfte ihm das letzten Endes recht sein.

Nur gibt es in diesem Jahr einen Film, der sogar eine Tarantino-Story noch an Verrücktheit überbietet. Und Parasite ist ein Liebling bei Publikum, Kritikern und bisherigen Award-Jurys. Wenn er schon nicht der beste Film werden kann und wohl auch bei den Regisseuren den kürzeren zieht, kann er zumindest für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet werden. Tarantino ist dann einfach beim nächsten Mal wieder dran.

Wird gewinnen: Parasite
Könnte gewinnen: Once Upon A Time… In Hollywood
Sollte gewinnen: Once Upon A Time… In Hollywood

 

Originaldrehbuch (Writing, Original Screenplay):

Nominiert: Roma, The Favourite, Vice, Green Book, First Reformed

Drehbücher von Quentin Tarantino haben immer eine Chance auf einen Oscar, so viel ist klar. Sogar eine größere, als dass er tatsächlich auch einmal mit einem Regie-Oscar ausgezeichnet wird. Alles aus einer Hand zu machen kann eben auch seinen Preis haben. Doch solange er Favorit in dieser Kategorie bleibt, dürfte ihm das letzten Endes recht sein. Nur gibt es in diesem Jahr einen Film, der sogar eine Tarantino-Story noch an Verrücktheit überbietet. Und Parasite ist ein Liebling bei Publikum, Kritikern und bisherigen Award-Jurys. Wenn er schon nicht der beste Film werden kann und wohl auch bei den Regisseuren den kürzeren zieht, kann er zumindest für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet werden. Tarantino ist dann einfach beim nächsten Mal wieder dran.

Wird gewinnen: Parasite
Könnte gewinnen: Once Upon A Time… In Hollywood
Sollte gewinnen: Once Upon A Time… In Hollywood

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