Oscars 2020 – Die Prognose

flourish103/ Februar 9, 2020/ #FlourishingFilms, Film, Medien

Once upon a time in Hollywood

Oscars 2020 – Meine Prognose

Ladies & Gentleman, es ist wieder soweit. Hier kommt meine Oscarvorhersage für die Academy Awards 2020.

Weniger als sonst sind die aktuellen Wochen meines Lebens geprägt vom wichtigsten Filmpreises der Welt von Hollywood. Natürlich möchte ich alles gesehen haben, was es zu sehen gibt – aber in diesem Jahr ist das vergleichsweise einfach: Insgesamt ist genau ein Film mehr nominiert als letztes Jahr, aber viele davon waren auch schon früh in Deutschland verfügbar. Außerdem scheint meine Vorahnung besser zu werden, welche Filme in den Nominierungslisten landen könnten. Mein Eindruck von einem Film, ein bisschen Erfahrung aus den vergangenen Jahren und etwas mehr Recherche bringen mich zum Ergebnis: Wer hat den Oscar verdient? Wer wird ihn bekommen? Wie in den Jahren zuvor muss das auch bei den Oscars 2020 nicht dasselbe sein.

Es gibt also wieder einige Infos, ob zur Vorbereitung auf die Verleihung oder zur Anreicherung von unnützem Wissen. Vielleicht für die diesjährige Pickliste oder auch als Recherche die eigene Oscar-Prognose. Und in der Night of the Oscars werden wir dann erfahren, ob die Quote bei den Oscars 2020 ähnlich gut bleibt, wie in den letzten Jahren (jeweils 17 aus 24 2018 und 2019). Hier kommt die Liste meiner Tipps für die Oscars 2020*. Wie immer mit meinem persönlichen Senf dazu garniert. Mit einem Klick landet ihr auf der ausführlicheren Begründung der Prognose – ICYMI.

*nach „Film“ in alphabetischer Reihenfolge der Originalbezeichnungen. Ähnlich wie die (meiner Meinung nach großartigen) Herren Gonzalez und Henderson in ihren Vorhersagen für Slant, unterteile ich bei meiner Vorhersage in die Kategorien „wird“, „könnte“ und „sollte“ gewinnen. Natürlich ganz nach meiner subjektiven und absolut nicht fehlerfreien Meinung. Mitraten, meine Prognose kommentieren oder mir (unwahrscheinlicherweise) einfach nur zustimmen? Ich freue mich wie immer auf Kommentare und Mails!

Film (Picture):

Nominiert: 1917, Ford v Ferrari, Jojo Rabbit | Joker | Little Women | Marriage Story | Once Upon A Time… In Hollywood | Parasite | The Irishman

Ob Spike Lee die Auszeichnung von Parasite als Fortschritt begrüßen würde, nachdem sein BlacKkKlansman letztes Jahr scheiterte ist mir nicht bekannt. Doch der immer wieder aufkommende, nie enden wollende Konflikt, die Academy verschmähe die besten Filme, die schwierige, afroamerikanische Themen in den Vordergrund stellen, wird sich angesichts der diesjährigen Nominierungslisten sowieso nicht auflösen können. Und es ist nicht die einzige: Man darf gespannt sein, wie viele Oscar-Preisträgerinnen es außerhalb der vorgegebenen Kategorien geben wird. Es wäre jedenfalls keine Überraschung, wenn es weniger als zwei blieben. Der Rest: Weiße Männer. Amerika 2020. Da hilft auch die Berücksichtigung von Bombshell in drei Kategorien nicht. Nun ja, machen wir das beste aus dem, was wir haben.

Gleich vier Filme sind mindestens zehnmal nominiert. Wie soll man da einen eindeutigen Favoriten ausmachen? Normalerweise sind die Regeln hierfür einfach: Gibt es einen Film, der Aspekte verschiedener Lager vereint, also gewissermaßen den kleinsten gemeinsamen Nenner der Academy-Mitglieder bildet? Gibt es einen Film, bei dem eine allseits beliebte und anerkannte Person sich verwirklicht und ihm mehr als jemals zuvor einen Stempel aufgedrückt hat? Gibt es einen Film, in dem das hochkarätig besetzte Ensemble, inspiriert von Regie und Drehbuch, eine herausragende schauspielerische Leistung vollbringt? Die Antwort auf die wichtigen Fragen zur Ermittlung eines Favoriten auf den Film-Oscar ist für keinen der in dieser Kategorie nominierten Filme ein klares und zweifelsfreies Ja. Selten war das Rennen so kurz vor der Verleihung so offen, wie bei den Oscars 2020.

Freilich, Überraschungen gab es auch in den letzten Jahren immer wieder. Meistens lässt sich aber doch das Feld zumindest auf drei oder vier Filme eingrenzen. Dieses Jahr aber lässt sich für jedes einzelne der nominierten Werke mindestens jeweils ein Argument für und gegen eine Auszeichnung als bester Film finden. Eine Auszeichnung von Ford v Ferrari wäre nicht nur trotz „nur“ vier Nominierungen sicher die größte Überraschung. Und was sagen die Zahlen? Welchen Film liebt das Publikum? The Irishman ist sogar auf Netflix zu sehen. Aber auch wenn alle drei meistausgezeichneten Filme ebenfalls die Drei-Stunden-Marke knackten: Die Bild- und Erzählgewalt der Blockbuster Ben Hur, Titanic und ja, sogar Die Rückkehr des Königs hat er einfach nicht.

Die Academy liebt Filme, die Kriege zum Thema haben. Insbesondere dann, wenn ein solcher zu den am meisten nominierten Werken gehört, also auch schon vor dem Feststehen der Auszeichnungen ein anerkannt guter Film ist. 1917 trifft einen Nerv, auch bei Menschen, die nicht der Elite Hollywoods angehören. Es wäre der langersehnte Schulterschluss mit dem Kinopublikum, endlich wieder ein bester Film, der auch im Kino für Aufsehen sorgt. Letzteres trifft auch durchaus auf Parasite zu, den Kritiken und Publikum gleichermaßen feiern. Aber auch wenn die Kategorie von fremdsprachigem zu internationalem Film umbenannt wurde: Es gehört eben doch sehr viel Mut dazu, einen Film aus dem Ausland an den Top-Produktion Hollywoods vorbei zu hieven. Mut, den die Academy bisher nie hatte. Spike Lee weiß, wie sich das anfühlt.

Wird gewinnen: 1917
Könnte gewinnen: Parasite
Sollte gewinnen: Parasite

Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role):

Nominiert: Antonio Banderas (Pain And Glory), Leonardo DiCaprio (Once Upon A Time… In Hollywood), Adam Driver (Marriage Story), Joaquin Phoenix (Joker), Jonathan Price (The Two Popes)

Die Nominierten Darsteller bilden in diesem Jahr eine wahrlich bunte Mischung. Und das hat nichts mit dem größten Favoriten auf die Auszeichnung zu tun. Antonio Banderas zeigt eine schauspielerische Leistung, wie ich sie von ihm noch nicht zuvor gesehen habe. Jonathan Pryce lässt mich mehrere Minuten lang überlegen, ob The Two Popes nun eine Doku oder ein Spielfilm ist. Und dann gibt es da noch Leonardo DiCaprio. Vor Monaten schon war ich überrascht, dass er ausgerechnet für eine Tarantino-Produktion zum ersten Mal nach seinem Oscar-Triumph wieder vor der Kamera stehen wird. Ein Comeback nach so langer Zeit und nach einem solchen Erfolg birgt einige Gefahren – denen er mit dieser Wahl und dieser Leistung ganz sicher erfolgreich ausgewichen ist.

Die für mich größte Überraschung: Adam Driver. Als Star Wars-Antagonist blieb er für mich blass (pun intended), trotz vieler überzeugender Wutausbrüche. Marriage Story lässt nicht zuletzt wegen dieser erahnen, dass das am wenigsten seine eigene Schuld sein könnte. Und so heimst er im zweiten Jahr nacheinander eine Oscar-Nominierung ein, diesmal sogar als Hauptdarsteller. Und wäre nicht nur berechtigt, sondern hätte durchaus Siegpotenzial – in einem anderen Jahr. Denn es gibt schließlich noch Joker Phoenix. Sehr selten ist ein Film so sehr auf eine Person zugeschnitten. Man könnte meinen, Joker sei einzig und allein dazu gemacht worden, Phoenix nach jahrelanger Abstinenz seinen nächsten Oscar zu bescheren. Seine Reputation ist unbestritten, seine Beliebtheitswerte steigen sogar und eine winzige Hommage an Heath Ledger schimmert durch, ohne dass ein völlig eigener, neuer Stil des Jokers bestreitbar wäre.

Wird gewinnen: Joaquin Phoenix (Joker)
Könnte gewinnen: Joaquin Phoenix (Joker)
Sollte gewinnen: Joaquin Phoenix (Joker)

Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role):

Nominiert: Tom Hanks (A Beautiful Day In The Neighborhood), Anthony Hopkins (The Two Popes), Al Pacino (The Irishman), Joe Pesci (The Irishman), Brad Pitt (Once Upon A Time… In Hollywood)

Ich habe nicht recherchiert, wann die nominierten Nebendarsteller zuletzt so alt und weiß waren, wie bei den Oscars 2020. Ja, richtig, 2020. Diese Nominierungsliste hätte auch 1995 niemanden überrascht. Ein Plädoyer für mehr Vielfalt und einen Aufbruch in eine neue Ära ist das zwar nicht gerade, es drängte sich aber in dieser Kategorie auch einfach niemand auf. Der einzige in dieser Runde, der bislang tatsächlich noch nicht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ist Brad Pitt. Gleichzeit ist er, gerade einmal ein paar Jahre in seinen Fünfzigern, auch der jüngste Nominierte dieses Jahr. Die perfekte Gelegenheit also, einem jungen, aufstrebenden Künstler seinen ersten Oscar zu geben.

Die Rechnung war schon mal schwieriger: Zwei Darsteller spielen in ihrem Film praktisch gegeneinander und dürften Fans des Films unter sich aufteilen. Wenn nicht, wird es vielleicht doch Joe Pesci. Einer wurde schon so oft nominiert und ausgezeichnet, dass er dieses Jahr einen Golden Globe für sein Lebenswerk bekam – das muss ja wohl genug sein. Es birgt eine gewisse Ironie, dass Anthony Hopkins, berühmt für seine Rolle als menschenfressender Psychopath, nun für eine Rolle nominiert ist, in der er Papst Franziskus geradezu menschlich erscheinen lässt. Er zeigt Selbstzweifel und Reue und spricht viele verschiedene Sprachen. Nur ein einziges Mal klingt durch, dass Deutsch eben nicht seine Muttersprache ist. Ja, die Academy hat eine Schwäche für die Darstellung berühmter, realer Persönlichkeiten. Doch hier hat sie die Chance, dem jüngsten Nominierten, der einen Stuntman im guten alten Hollywood spielt, einen vermeintlichen Underdog unter Ihresgleichen, seinen ersten Oscar zu geben. Eine unschlagbare Kombination.

Wird gewinnen: Brad Pitt (Once Upon A Time… In Hollywood)
Könnte gewinnen: Joe Pesci (The Irishman)
Sollte gewinnen: Anthony Hopkins (The Two Popes)

Hauptdarstellerin (Actress in a Leading Role):

Nominiert: Cynthia Erivo (Harriet), Scarlett Johansson (Marriage Story), Saoirse Ronan (Little Women), Charlize Theron (Bombshell), Renée Zellweger (Judy)

Die Oscars sind auch nicht mehr das… Ein Satz, den man immer wieder hört, gilt für weniges so sehr, wie für diese schon wieder Meryl Streep-lose Nominierungsliste. Immerhin, nachdem letztes Jahr schon nach der Bekanntgabe der Nominierten feststand, dass es eine Premiere geben würde, finden sich bei den Oscars 2020 immerhin zwei Oscar-Preisträgerinnen in dieser Kategorie ein. Beide liefern eine im wahrsten Sinne herausragende Performance – ihre Filme leben fast ausschließlich von ihrem Spiel, Judy noch mehr als Bombshell. Und doch spricht vieles für den zweiten Premieren-Oscar in Folge in dieser Kategorie.

Saoirse Ronan ist so etwas wie eine verfluchte Glücksbringerin für Filme, in denen sie mitspielt: Häufig, fast immer, werden sie in mehr als einer Kategorie nominiert und nur selten, fast nie, gewinnen sie auch. Das wird sich auch in diesem Jahr nicht ändern. Und das in dieser Kategorie durchaus nicht zu unrecht. Zu stark ist das Spiel von Scarlett Johansson in Marriage Story, bei dem sie den ebenfalls starken Adam Driver beinahe an die Wand und sich mit Laura Dern gegenseitig in einen Rausch spielt. Und weil es schlichtweg unfair wäre, wenn Johansson der letztgenannten ausgerechnet bei den Nebendarstellerinnen den Award wegschnappen würde, wäre der Weg frei für die Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin.

Angesichts der weißen, männlichen Oscar-Verleihung dieses Jahr erscheint Cynthia Erivo in dieser Kategorie fast schon wie eine Quoten-Nominierung. Das wird ihrer schauspielerischen Leistung natürlich nicht gerecht. Dank Mary J. Blige wissen wir, dass gutes Spiel und eindrucksvoller Gesang durchaus eine Kombination abgeben, die einen Oscar bescheren kann. Aber erstens geht es hier um die Hauptrolle, zweitens liebt die Academy in den letzten Jahren kaum etwas so sehr, wie die Darstellung historischer Personen. Noch dazu aus dem Showbiz selbst. Einmal mehr – und anders als im Vorjahr – scheinen die Golden Globes Vorbote für die Schauspiel-Oscars zu sein. Vieles bleibt eben auch bei den Oscars 2020 das, was es war…

Wird gewinnen: Renée Zellweger (Judy)
Könnte gewinnen: Scarlett Johansson (Marriage Story)
Sollte gewinnen: Scarlett Johansson (Marriage Story)

Nebendarstellerin (Actress in a Supporting Role):

Nominiert:
Kathy Bates (Richard Jewell), Laura Dern (Marriage Story), Scarlett Johansson (Jojo Rabbit), Florence Pugh (Little Women), Margot Robbie (Bombshell)

Scarlett Johansson ist die derzeit beste aller Schauspielerinnen. Zumindest, wenn man nach den Nominierungslisten bei den Oscars 2020 geht. Gleich zweimal taucht sie unter den Schauspielerinnen auf. Und in beiden Kategorien ist sie durchaus nicht chancenlos. Was, wenn sie in ihrer Nebenrolle in Jojo Rabbit sogar noch besser ist, als in Marriage Story? Und was, wenn aber Laura Dern eben in Marriage Story so gut ist, dass sie Johansson erst zu ihrer oscarreifen Leistung pushte? Dann ist wohl zumindest über die Chancen aller anderen Nominierten das meiste gesagt. Es wird ihren Leistungen nicht gerecht, so zu tun, als würde der Oscar nur zwischen den beiden ausgetragen. Trotzdem, wenn man den Trends folgt und die vorangegangenen Awards berücksichtigt, kann der Preis nur an Laura Dern gehen. Ihn hier an Johansson zu geben – und als Hauptdarstellerin womöglich auch noch – wäre ihr gegenüber schlichtweg unfair.

Wird gewinnen: Laura Dern (Marriage Story)
Könnte gewinnen: Scarlett Johansson (Jojo Rabbit)
Sollte gewinnen: Laura Dern (Marriage Story)

Animationsfilm (Animated Feature):

Nominiert: How To Train Your Dragon: The Hidden World, I Lost My Body, Klaus, Missing Link, Toy Story 4

Wie immer sind die Arten von Filmen in dieser Kategorie sehr unterschiedlich. Das gilt für die Machart, wie auch für die Art des Publikums, für die sie gemacht sind. Bei nur einem von ihnen gehöre ich nicht dazu. Toy Story 4 ist so offensichtlich die Durchfütterung einer Kuh, die zu melken sich auch bisher immer gelohnt hat, dass ich schon nach 20 Minuten eigentlich gar nicht mehr wissen will, wie er denn nun ausgeht. Zu dumm, dass er der einzige verbleibende Beitrag des Klassenprimus (und Academy-Lieblings) in dieser Kategorie ist. Noch dazu einer, dessen Vorgänger schon häufig und zum Teil überraschend ausgezeichnet wurden.

I Lost My Body ist so anders als alle Animationsfilme, die ich zuvor gesehen habe, dass er schon allein deshalb die Nominierung verdient und keine Chance auf den Oscar hat. Klaus erzählt eine tolle, witzige und kreative Version der Geschichte von Santa Claus – und die Oscars finden nun mal nicht an Weihnachten statt. Missing Link ist der aufwendigste, detailreichste und beste Stop-Motion-Film, den ich bisher gesehen habe. Doch traditionell bekommt der beste klassische Animationsfilm den Oscar. Und da die Saga mit den Drachen nicht von Disney stammt, besteht nur eine geringe Chance, dass die Stimmen unter den beiden verbleibenden Kandidaten aufgeteilt werden, wie es mutmaßlich bei den Golden Globes (zwischen Toy Story und Frozen) einen verdienten Preisträger ermöglichte.

Wird gewinnen: Toy Story 4
Könnte gewinnen: Missing Link
Sollte gewinnen: Missing Link

Kamera (Cinematography):

Nominiert: 1917, Joker, Once Upon A Time… In Hollywood, The Irishman, The Lighthouse

Natürlich wurde bei allen fünf nominierten Filmen herausragende Arbeit an der Kamera geleistet. Aber es besteht keine Chance auf eine Quoten-Auszeichnung, da keine Frau nominiert ist und irgendwann muss ich ja hiermit auch nochmal fertig werden, deshalb fasse ich mich kurz. Denn nur zwei der fünf Werke heben sich durch auffällig gute Kameraarbeit hervor. Einer davon schaffte es deshalb zu den Oscars, obwohl er ansonsten vollkommen durch jegliches Raster fällt. Was zugleich auch der Grund dafür ist, dass The Lighthouse zwar von den Fachleuten in Sachen Kamera-Arbeit nominiert, aber von der Mehrzahl der Mitglieder wohl nicht als ernsthafter Kandidat betrachtet werden dürfte.

Stattdessen gibt es einen Veteranen an der Kamera, dessen Stil 1917 erst so richtig zum Gesprächsthema in allen möglichen Kreisen werden ließ. Ein Film wie ein Computerspiel, der so gut wie ohne Schnitte auszukommen scheint, obwohl er ständig die Orte des Geschehens und den Blickwinkel darauf verändert. Die Stilistik, die schon Birdman zum Oscar-Gewinner machte, gepaart mit Elementen aus The Revenant, die die Kriegslandschaft von 1917 einfangen und näherbringen, als man vielleicht eigentlich möchte, kopiert zwar keine zuvor ausgezeichnete Leistung, knüpft aber nahtlos an sie an. Viel lauter kann man gar nicht „Gebt uns einen Oscar für die Kamera“ schreien.

Wird gewinnen: 1917
Könnte gewinnen: The Irishman
Sollte gewinnen: The Lighthouse

Kostümdesign (Costume Design):

Nominiert: Jojo Rabbit, Joker, Little Women, Once Upon A Time… In Hollywood, The Irishman

Ja, ich wiederhole mich oft, aber es bleibt nun mal dabei: Manche Dinge ändern sich nicht. Die favorisierten Filme in dieser Kategorie bekamen in den letzten Jahren immer auch die Auszeichnung. Und immer waren es Kostümfilme, die auch als Bester Film nominiert war. Das hilft in diesem Jahr nur bedingt weiter, denn alle fünf nominierten Film sind auch Anwärter auf den besten Film bei den Oscars 2020. Bei der Handlung von vier der fünf nominierten Filme stehen Männer im Mittelpunkt der Handlung. Der Joker trägt nicht gerade typische Männerkleidung. Authentische Uniformen aus lange vergangenen Kriegen sind immer gern gesehen (was die Frage aufwirft, warum 1917 ausgerechnet in dieser Kategorie in der Nominierungsliste fehlt). Manche Filme bringen erst durch die konsequente Umsetzung aller Outfits die Epoche, in denen sie spielen, zur Geltung – unabhängig von den Hauptfiguren.

Doch einer der nominierten Filme unterscheidet sich maßgeblich von allen anderen. Little Women zeigt die Kostüme von Frauen Mitte des 19. Jahrhunderts. Detailreich, aber nicht übertrieben, unauffällig, aber nicht langweilig. Letzteres trifft bei allen anderen nominierten Filmen wenn überhaupt noch auf The Irishman zu. Nur steht dort, wie bei allen anderen, die Kleidung von Männern im Vordergrund. Die unteschiedlichen Kleidungsstile im Wandel der Zeit an Männern, die dennoch ihrem persönlichen Stil treu bleiben, muss man auch erst einmal überzeugend und konsequent umsetzen. Einen Oscar für Kostümdesign bekommt man aber eben normalerweise am ehesten mit einem Kostümfilm.

Wird gewinnen: Little Women
Könnte gewinnen: The Irishman
Sollte gewinnen: 1917 / Little Women

Regie (Directing):

Nominiert: Bong Joon Ho (Parasite), Sam Mendes (1917), Todd Philips (Joker), Martin Scorsese (The Irishman), Quentin Tarantino (Once Upon A Time… In Hollywood)

Wenn du deinen Hauptdarsteller dazu bringst, absoluter Favorit in seiner Kategorie zu sein, muss der restliche Film schon eine ziemliche Katastrophe sein, damit du nicht für deine Regie unter den Oscar-Nominierten landest. Und überhaupt: Stell dir vor, du führst Regie bei einem Film, der für 10 oder mehr Oscars nominiert ist, und landest selbst nicht einmal auf der Nominierungsliste. Undenkbar! Auch 2020. Vier Filme sind für 10 oder mehr Oscars nominiert, alle ihre Regisseure ebenfalls. Dazu kommt der Überraschungshit Parasite, einer von vier Filmen mit 6 Nominierungen. Und der einzige von ihnen ohne Berücksichtigung in der Schauspiel-Kategorie.

Spricht es für oder gegen einen Regisseur, wenn er sein Ensemble nicht zu herausragendem Spiel antreibt, aber dennoch einen der besten Filme des Jahres zustandebringt? Die Frage ist für gleich zwei Nominierte interessant. Und unwichtig. Die Academy wird Parasite auszeichnen. Und vielleicht keine Notwendigkeit sehen, das ausgerechnet in dieser Kategorie zu tun. Dass 1917 ohne Oscar nach Hause geht, ist undenkbar. Und irgendjemand ist eben verantwortlich für den wohl letztendlich am meisten ausgezeichneten Film bei den Oscars 2020.

Es bleiben zwei Filme mit zwei Schauspiel-Nominierungen. Vielleicht erhält Martin Scorsese Anerkennung für die Leistung, einen mehr als dreistündigen Film mit großartig aufgelegten Altstars und kompliziert zu vermittelnden Handlungssprüngen unterhaltsam umzusetzen. Auch Once Upon A Time… In Hollywood trägt eine eindeutige Handschrift: Farbgebung, Story, Spiel, Witz, Atmosphäre – alles schreit Tarantino. Reicht das für den ersten Regie-Oscar für das Enfant Terrible, einen der ganz großen in Hollywood, der aber bisher nur als Drehbuchautor ausgezeichnet ist?

Ein Film trägt unverkennbar die Handschrift der Person, die Regie führt und ist ebenfalls in zwei Schauspiel-Kategorien (darunter beste Hauptfigur) nominiert. Doch fünf Männer wurden eben Greta Gerwig vorgezogen.

Wird gewinnen: Sam Mendes (1917)
Könnte gewinnen: Bong Joon Ho (Parasite) | Quentin Tarantino (Once Upon A Time… In Hollywood)
Sollte gewinnen: Greta Gerwig (Little Women)Martin Scorsese (The Irishman)

Dokumentation (Documentary Feature):

Nominiert: American Factory, For Sama, Honeyland, The Cave, The Edge Of Democracy

Für alle, die nicht alle Dokumentarfilme gesehen haben, könnte eine einfache Rechnung funktionieren: Nominierung als Dokumentarfilm + Nominierung als Internationaler Film = Oscar als Dokumentarfilm. Und zu den Menschen, die nicht alle Dokumentarfilme gesehen haben, zählen erfahrungsgemäß auch einige Mitglieder der Academy. Insofern kann man es sich auch bei der Entscheidung für einen Tipp in dieser vermeintlich schwer einschätzbaren Kategorie in einfach machen – und eben auch bei der Prognose. Politisch und emotional motivierte Stimmberechtigte könnten andererseits auch für die beiden Kriegsdokus aus Syrien For Sama und The Cave oder die erste Obama-Produktion American Factory stimmen. Und wenn sie das tun, teilen sie womöglich ihre Stimmen (insbesondere zwischen den erstgenannten) so auf, dass alle leer ausgehen.

In Zeiten des Trump-Impeachments könnte The Edge Of Democracy kurz vor der Entscheidung noch einmal mehr Aufmerksamkeit bekommen, als vielleicht zunächst gedacht. Er zeigt unter anderem, wie ein Misstrauensvotum in die exakt andere Richtung ausschlagen und ein Land und sein System verändern kann. Vor allem aber zeigt er die Schwachstellen (junger) demokratischer Systeme auf. Ein mahnender Zeigefinger in Richtung einer Politik, die Netzwerke, Schlupflöcher und Korruption zum Machterhalt nutzt. Letztes Jahr wurde mit RBG ein Film nicht ausgezeichnet, der im eigenen Land spielte. Kann das für einen Film anders ausgehen, der im fernen Brasilien spielt?

Wird gewinnen: Honeyland
Könnte gewinnen: The Edge Of Democracy
Sollte gewinnen: For Sama

Dokumentarischer Kurzfilm (Documentary Short):

Nominiert: In The Absence, Learning To Skateboard In A Warzone (If You’re A Girl), Life Overtakes Me, St. Louis Superman, Walk Run Cha-Cha

Was haben Donald Trump, Harvey Weinstein und Charlize Theron mit den Kurz-Dokus bei den Oscars 2020 zu tun? In manchen Kategorien hilft einem auch noch so viel Erfahrung jedes Jahr aufs Neue nicht weiter. Und die Königin unter ihnen ehrt den dokumentarischen Kurzfilm. In den letzten Jahren haben ich mich deshalb auch immer wieder mal auf eine alte Weisheit unter Award-Prognostikern berufen: Wenn man keine Ahnung hat, im Zweifel immer auf den Film mit dem längsten Titel setzen! Und weil es in diesem Jahr wieder sehr viel schwieriger war, alle nominierten Kurz-Dokus anzusehen (unter anderem, weil Netflix dieses Mal nur mit einem Film vertreten ist), bleibt mir fast nichts anderes übrig, als auf das zu vertrauen, wozu die Academy-Mitglieder immer wieder mal verleitet werden.

Ganz so einfach mache ich es mir natürlich nicht. Zumindest über Thema, Handlung und Umsetzung der nominierten Filme lässt sich einiges herausfinden – wie auch über die bisherigen Kritiken. Ed Gonzalez schreibt für Slant: „Learning To Skateboard In A Warzone (If You‘re A Girl) erzählt die Geschichte einer Schule in Kabul, die jungen Mädchen das Skateboarden beibringt und, darüber hinaus, das Patriarchat herauszufordern. „Ich will nicht erwachsen werden, damit ich für immer skaten kann“ sagt ein Mädchen an einem Punkt.“

Die Diskussion um eine von Männern beherrschte Gesellschaft und Domäne, die auch bei den Oscars deutlicher als in den letzten Jahren hervortritt, wird (neben dem mit Abstand längsten Titel) wohl ihr übriges tun, zumal der eine Film, der sich dieser Thematik sogar ernsthaft annimmt, zwar nicht vollkommen unberücksichtigt, aber wohl unausgezeichnet bleiben wird. Schließlich hat man in dieser Kategorie die Chance, diesem Thema Anerkennung zu zollen. Und das sogar mit einer Dokumentation über wahre Ereignisse, keinem Spielfilm.

Wird gewinnen: Learning To Skateboard In A Warzone (If You’re A Girl)
Könnte gewinnen: In The Absence
Sollte gewinnen: Learning To Skateboard In A Warzone (If You’re A Girl)

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