Oscars 2019 – Die Prognose

flourish103/ Februar 4, 2019/ #FlourishingFilms, Film, Medien

The Stars Are Born!

Oscars 2019 – Meine Prognose

Ladies & Gentleman, es ist wieder soweit. Hier kommt meine erste (und einzige) Oscarvorhersage für die Academy Awards 2019.

Wieder einmal stehen die aktuellen Wochen meines Lebens sehr im Zeichen der Verleihung des wichtigsten Filmpreises der Welt von Hollywood. Obwohl der Termin in diesem Jahr wieder deutlich früher liegt, versuche ich, alles zu sehen, was es zu sehen gibt – und das ist auch in diesem Jahr erstaunlicherweise ganz schön viel. Insgesamt sind ein paar Filme weniger nominiert und fast alle davon sind vor dem 24.2. mindestens in Originalfassung in Deutschland verfügbar. Addiert mit ein wenig Erfahrung und etwas mehr Recherche bilde ich mir eine Meinung: Wer hat den Oscar verdient? Wer wird ihn bekommen? Auch bei den Oscars 2019 muss das nicht zwangsläufig dasselbe sein.

Bevor ich am Abend der Verleihung wieder zur traditionellen, jährlichen Night of the Oscars in mein bescheidenes Heim einlade, können sich wieder alle einen Eindruck verschaffen, was sie in ihre Pickliste eintragen könnten, ihrerseits Infos für ihre eigene Oscar-Prognose holen – oder auch einfach nur überprüfen, ob ich mich auf die Oscars 2019 ähnlich gut vorbereitet habe, wie 2017 (14 aus 24) oder gar letztes Jahr (17 aus 24). Hier kommt die Liste meiner Oscar-Tipps für 2019*. Wie immer mit meinem persönlichen Senf dazu garniert. Mit einem Klick landet ihr auf der ausführlicheren Begründung der Prognose – ICYMI.

*nach „Film“ in alphabetischer Reihenfolge der Originalbezeichnungen Ähnlich wie die (meiner Meinung nach großartigen) Herren Gonzalez und Henderson in ihren Vorhersagen für Slant, unterteile ich bei meiner Vorhersage in die Kategorien „wird“, „könnte“ und „sollte“ gewinnen. Natürlich ganz nach meiner subjektiven und absolut nicht fehlerfreien Meinung. Wer Mitraten, meine Prognose kommentieren oder mir (unwahrscheinlicherweise) einfach nur zustimmen möchte, kann einfach in die Kommentare oder mir per Mail schreiben. Ich freue mich drauf!


Film (Picture):

Nominiert: A Star Is Born | Black Panther | BlacKkKlansman | Bohemian Rhapsody | Green Book (Eine besondere Freundschaft) | Roma | The Favourite (Intrigen und Irrsinn) | Vice (Der zweite Mann)

Shape Of Water war im Vergleich zu seinen Vorgängern als beste Filme noch eine vergleichsweise starke Annäherung an das Blockbusterkino, dass die Academy zur Zuschauer(rück)gewinnung gern mehr in den Fokus nehmen möchte. Nimmt man das als Grundlage für die Prognose, fallen gleich einige Nominierte aus dem Raster. Doch es gibt schlichtweg keinen Film, den Fans, Academy und Kritik gleichermaßen feiern und der als Konsens heraussticht. Wieder einmal bleibt nur, die bekannten Faktoren abzuwägen, zu recherchieren, alle bisherigen Preisverleihungen zu berücksichtigen und dann – zu raten!

In den letzten Jahren war es möglich, die Prognose für den besten Film häufig auf maximal zwei Favoriten einzugrenzen. Zu stark sind die Indizien, die vorherige Awards und auch die Kritiken liefern. Sofern es denn da Übereinstimmungen gibt. Das ist dieses Jahr nun mal so gar nicht der Fall. Nicht nur (aber vor allem auch) die Golden Globes liebten Bohemian Rhapsody (Bester Film), während er von den Kritiken entweder in Grund und Boden geschrieben oder müde belächelt wird. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte – die hat in dieser Kategorie aber schon lange niemanden mehr interessiert.

Klar, nicht alle der (nur) acht potenziell besten Filme des Jahres sind auch wirklich potenziell der beste Film des Jahres. Letztes Jahr ergab die Rechnung aus der Summer der meisten Nominierungen und Auszeichnungen am Ende den Sieg für Shape Of Water. Eine sehr andere Erklärung bleibt für diese Entscheidung eigentlich nicht übrig. Eben abgesehen davon, dass die Academy weg will von hochtrabenden, künstlerisch wertvollen Filmen, die sich niemand ansieht – schon gar nicht im Kino. Einige Nominierungen lassen keinen anderen Schluss zu. Bewahrheitet sich diese Ahnung, ist das das Ausschlusskriterium für Roma. Wird Cuarón persönlich mindestens zweimal ausgezeichnet, bahnt sich in dieser Kategorie eine Kompromisslösung an.

Das passt auch einfach zum gesamten Prozedere um die diesjährige Oscar-Verleihung. Auf der einen Seite haben wir das Lager, das alles neu und anders machen will. Nur noch Blockbuster sollen beste Filme werden können. Und Hollywood ist verliebt in Bohemian Rhapsody. Aber inzwischen möchte wohl niemand mehr, dass Bryan Singer persönlich die Dankesrede hält. Lange sah es danach aus, dass Bradley Cooper bei seinem Regiedebüt gleich einen Durchmarsch hinlegen könnte. Doch der so plötzlich und hell aufglühende Stern ist längst verblasst. Ganz anders kommt Roma daher. Das Aushängeschild des „alten“ Hollywoods. Schwarz-weiß, künstlerisch wertvoll – und genau nur so lange im Kino gelaufen, wie es nötig war um die Kriterien zu erfüllen.

Wenn es wirklich ein Film dieser beiden Extremseiten wird, dürfte die Diskussion um die Academy nach der Verleihung eher größer werden, als abflachen. Doch was bleibt dazwischen? Ein gemeinsamer Nenner, der immer (wieder) funktioniert hat, ist der mahnende Zeigefinger, der zugleich in die tiefe Wunde der Rassenthematik in den USA gelegt wird. Ein US-Präsident, der diesem Thema, das eigentlich längst erloschen sein sollte, immer wieder neues Feuer gibt, tut da sein übriges.

Wie es der Zufall will, stehen sich hier die beiden potenziellen Gewinner für die besten Drehbücher gegenüber. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass ein gutes Drehbuch noch lange nicht automatisch die Basis für den besten Film sein muss. Doch zu groß sind die Unterschiede im Hintergrund bei den anderen ernsthaften Kandidaten. Und warum auch nicht es sich einfach machen? Eine Thematik, die für einen besten Film taugt + das beste Drehbuch = der perfekte Kompromiss. Münden die Abwägungen in diesem Resultat, stellt sich nur noch eine letzte Frage: Die feinsinnige, leichte und beschwingte, aber sehr hintergründig mahnende Erzählweise oder die schmerzhafte und ohrenbetäubende Faust ins Gesicht? Ach ja – und Black Panther ist auch nominiert.

Wird gewinnen: Green Book
Könnte gewinnen: BlacKkKlansman | Bohemian Rhapsody | Roma
Sollte gewinnen: BlacKkKlansman | Green Book


Animationsfilm (Animated Feature):

Nominiert: Incredibles 2 (Die Unglaublichen 2) | Isle of Dogs (Ataris Reise) | Mirai (Das Mädchen aus der Zukunft) | Ralph Breaks The Internet (Chaos im Netz) | Spider-Man: Into The Spider-Verse (A New Universe)

Letztes Jahr fand ich die Nominierungsliste in dieser Kategorie gewöhnungsbedürftig. Preisträger Coco war nicht eben das bestes Meisterwerk, das Disney je hervorgebracht hat, aber der einzig logische Gewinner. Mein erster Gedanke, als ich die Nominierten 2019 sah: „Kann ich die Liste vom letzten Jahr nochmal sehen?“ Doch das wird den Filmen hier nicht gerecht. Auffällig ist, dass Disney zwar gleich zwei Nominierungen einheimst, beide aber für Fortsetzungen sind. Und wir können ja alle mal googlen, wie oft Sequels von Animationsfilmen schon Oscars gewonnen haben.

Nichtsdestotrotz sind in beiden Fällen die Vorgänger schon einige Jahre alt, weshalb sich beide Filme nicht wirklich wie Fortsetzungen anfühlen. Die Selbstironie gegenüber klassischen Disney-Filmen in Ralph Breaks The Internet allein hätte schon fast einen Oscar verdient. Aber den Oscar gibt es nun mal nicht für Selbstironie, sondern für den gesamten Film und die Story ist nicht gerade bahnbrechend. Ähnliches gilt auch für The Incredibles 2. Ja, der ist witzig, wurde lang erwartet und war auch kommerziell ein Erfolg. Wenn einer der Disney-Filme den Oscar holt, dann sicher dieser.

Aber in diesem Jahr gibt es, anders als zum Beispiel noch 2018, auch ernstzunehmende Konkurrenz für den Klassenprimus. Ich liebe Wes Andersons Art, Filme zu erzählen. Da macht auch Isle Of Dogs keine Ausnahme. Die Erzählweise, Animationstechnik und der Humor sind so typisch, dass man den Film als Fan einfach mögen muss. Aber diese Einzigartigkeit und typische Handschrift machen ihn meiner Meinung nach eben auch zu einem Geheimfavorit. Gesetzt den Fall, dass sich die Disney-Produktionen gegenseitig Stimmen klauen, könnte das was werden.

Könnte. Denn da gibt es diese Comic-Verfilmung, die – im Gegensatz zu einer anderen – in ihrer Kategorie wirklich ganz vorne mit dabei ist. Und wenn die Academy ein Zeichen für die Bedeutung der Comic-Verfilmungen für die Filmindustrie setzen will, folgt sie den zahlreichen vorigen Awards und macht das an dieser Stelle.

Wird gewinnen: Spider-Man: Into The Spider-Verse
Könnte gewinnen: Isle Of Dogs
Sollte gewinnen: Isle Of Dogs


Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role):

Nominiert: Christian Bale (Vice) | Bradley Cooper (A Star Is Born) | Willem Dafoe (At Eternity‘s Gate) | Rami Malek (Bohemian Rhapsody) | Viggo Mortensen (Green Book)

Was für eine Kandidatenliste! Und bei allem Streit zwischen Fans verschiedener Lager aus vor allem den beiden musikalisch herausragenden Filmen sind alle fünf Leistungen nicht zu vernachlässigen. Letztes Jahr sagten viele über Willem Dafoe, er sei für die Rolle seines Lebens (als bester Nebendarsteller) nominiert. Was sagt das über seine diesjährige Leistung aus? Viggo Mortensen spielte sich in Captain Fantastic Jahre nach seinem bedeutendsten Film in eine Liga, die ihn nun endgültig für oscarreife Produktionen zu qualifizieren scheint. Und Bradley Cooper ist ein Anlass, ein tolles, altes deutsches Wort zu verwenden: Tausendsassa!

Regie, Drehbuch, Produktion – und eben Hauptdarsteller: Gäbe es einen Oscar für den besten Allrounder, wäre das in diesem Jahr das Rennen zwischen Cooper und Cuarón. Doch anders als der Mexikaner, der das Gefühl bereits kennt, den Goldjungen in den Händen zu halten, ist Bradley Cooper nicht automatisch Favorit in den entsprechenden Kategorien. Wenn es blöd für ihn läuft, geht er auch bei seinem großangelegten Angriff auf die Trophäe und trotz eines Meisterwerks abermals leer aus.

Das liegt natürlich vor allem daran, wie die Konkurrenz performt. Um das Wort „Performance“ kommt man in diesem Jahr eben nicht herum, ob man will oder nicht. Rami Malek als Freddie Mercury begeistert – die Massen und die Abstimmungsberechtigten bei Filmpreisen. Die Kritiken sind da doch schon eher zurückhaltend (vorsichtig formuliert), auch und vor allem, weil der Film an sich eben weit hinter dem zurück bleibt, was mit der Musik und der Geschichte von Queen möglich gewesen wäre. Nichtsdestotrotz, beim Anschauen werden Erinnerungen wach, Mimik und Gestik erinnern so sehr an den Leadsänger, dass man zwischenzeitlich den Eindruck hat, Freddie Mercury spiele sich selbst.

Apropos sich selbst spielen: Wer spielt eigentlich Dick Cheney in Vice? Fast ein wenig unscheinbar hat sich Christian Bale in den letzten Jahren zu einer Universalgenie unter den Charakterdarstellern entwickelt. Es scheint, als gebe es nichts, dass er nicht für eine Rolle zu tun bereit ist. Training bis zum Kraftpaket, zum Blatt Papier herunterhungern – und jetzt eben bis zur Unkenntlichkeit verunstalten lassen. Das soll ja schon früher geholfen haben, einen Oscar zu gewinnen…

Wird gewinnen: Rami Malek (Bohemian Rhapsody)
Könnte gewinnen: Christian Bale (Vice)
Sollte gewinnen: Bradley Cooper (A Star Is Born)


Nebendarsteller (Actor in a Supporting Role):

Nominiert: Mahershala Ali (Green Book) | Adam Driver (BlacKkKlansman) | Sam Elliott (A Star Is Born) | Richard E. Grant (Can You Ever Forgive Me?) | Sam Rockwell (Vice)

Mehrmals während ich Green Book ansehe schießt mir durch den Kopf, wie gut Mahershala Ali das spielt. Es ist so völlig anders, ja, leichter, als die Rollen, ihn denen er bisher brillierte. Und doch mag das bei der Story, die in diesem Film mit Leichtigkeit zahlreiche Wendungen nimmt, gerade das schwierige sein. Es leicht aussehen zu lassen. Um dann, in den entscheidenden Momenten, die volle Wucht der Emotionen in Trauer, Wut, Erleichterung erst so richtig wirken zu lassen.

Can You Ever Forgive Me? Eine berechtigte Frage der Filmemacher, sollte Melissa McCarthy tatsächlich den Oscar als beste Hauptdarstellerin bekommen. Ein bisschen anders verhält sich das bei Richard E. Grant. Vor Jahren schon nominiert für die Goldene Himbeere (aber wer war das nicht alles schon), immer wieder in vor allem kleineren Produktionen zu sehen, aber auch schon im ganz großen Oscar-Kino (The Iron Lady). Klingt fast ein bisschen wie eine Wiederholung von Sam Rockwell im letzten Jahr. Dessen Leistung in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri war jedoch so herausragend, dass es schwer wird, das zu wiederholen. Für Grant, aber eben auch für Rockwell selbst mit seiner Performance als George W. Bush in Vice.

Wann ist eine schauspielerische Leistung herausragend? Wenn sie eben nicht herausragt? Oder wenn sie leicht wirkt? Wenn man vergisst, wen man da eigentlich sieht und dass das alles nur gespielt ist? Wie großartig die schauspielerische Leistung von Sam Elliott ist, sieht man gar nicht unbedingt, während man A Star Is Born schaut. Es wird vielmehr deutlich, wenn man Elliott außerhalb des Films sieht – und vor allem hört. Unsicher, ob das für einen Oscar reicht. Unsicher auch, ob es an der großartigen Leistung von Adam Driver liegt, dass ich nicht auch nur eine Sekunde an den durchaus athletischen, jungen Sith der aktuellen Star Wars-Trilogie denke, wenn ich ihm in BlacKkKlansman zusehe, an dem Setting, seinem Look als lässiger Cop und der Story des Films allgemein oder schlicht daran, dass die Maske die er trägt, diesmal weiß ist.

Wird gewinnen: Mahershala Ali (Green Book)
Könnte gewinnen: Richard E. Grant (Can You Ever Forgive Me?)
Sollte gewinnen: Mahershala Ali (Green Book)


Hauptdarstellerin (Actress in a Leading Role):

Nominiert: Yalitza Aparicio (Roma) | Glenn Close (The Wife – Die Frau des Nobelpreisträgers) | Olivia Colman (The Favourite) | Lady Gaga (A Star Is Born) | Melissa McCarthy (Can You Ever Forgive Me?)

In einer der bedeutendsten Kategorien steht uns dieses Jahr eine echt Sensation bevor: Meryl Streep ist nicht nominiert. Was ist denn da los? Stattdessen haben wir fünf noch oscarlose Nominierte. Da soll nochmal jemand sagen, die Oscars seien ja doch immer dasselbe! Eine Prognose anhand der schauspielerischen Leistung abzugeben ist hier schlichtweg unmöglich. Alle fünf hätten den Oscar verdient. Yalitza Aparicio spielt zum Sterben dramatisch, Melissa McCarthy spielt sich aus ihrer eigenen Nische und über Lady Gaga habe ich alles hinlänglich gesagt.

Wenn man die Namen der Nominierten liest, könnte man aber durchaus überrascht sein, dass wirklich noch keine der Schauspielerinnen je einen Oscar gewonnen hat. Zumindest das wird sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, bei der Verkündung der Preisträgerin bereits geändert haben, nachdem Lady Gaga ihren Award für Shallow entgegen genommen hat. Genau dieser ist womöglich einer der Gründe, warum es für den Gewinn in der Schauspiel-Kategorie aber nicht reicht. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass viele denken „Nun, sie hat ja jetzt schon einen“.

Die anderen Gründe sind Olivia Colman und Glenn Close. Die beiden diesjährigen Golden Globe-Preisträgerinnen als beste Schauspielerin (Drama und Komödie/Musical) sind als deutlich wahrscheinlichere Siegerinnen einzuschätzen, als ihre drei Kolleginnen, für die die erstmalige Nominierung bereits ein fantastischer Erfolg ist („Die Oscar-Nominierte Darstellerin aus Tammy und Mike & Molly“ – was für eine Formulierung!) und die Tür öffnen könnte für weitere Berücksichtigungen in den nächsten Jahren (dafür spricht das Beispiel des mehrfach nominierten Bradley Cooper, dagegen das Beispiel der bereits ausgezeichneten Jean Dujardin und Matthew McConaughey).

Auch für Olivia Colman ist es tatsächlich die erste Oscar-Nominierung überhaupt. Glenn Close dagegen kommt auf sage und schreibe sechs Nominierungen ohne Auszeichnung. (Wer ist Leonardo DiCaprio?) The Favourite ist Frontrunner, gleich zehnfach nominiert, The Wife nur exakt dieses eine Mal. Was steht höher in der Gunst der Academy? Der populäre Film oder die offensichtlich herausragende Einzelleistung? Lebensleistungen und bisherige Nichtberücksichtigungen können im Zweifel eben doch ausschlaggebend sein (siehe Gary Oldman im letzten Jahr). Das spricht für leichte Vorteile in einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Wird es wirklich endlich der erste Oscar für Glenn Close? Wie eingangs erwähnt, das wäre verdient.

Wird gewinnen: Glenn Close (The Wife)
Könnte gewinnen: Olivia Colman (The Favourite)
Sollte gewinnen: Glenn Close (The Wife)


Nebendarstellerin (Actress in a Supporting Role):

Nominiert: Amy Adams (Vice) | Marina de Tavira (Roma) | Regina King (If Beale Street Could Talk) | Emma Stone (The Favourite) | Rachel Weisz (The Favourite)

Hätte man in den vergangenen Jahren die Nominierungslisten der Schauspielerinnen miteinander verglichen, die dieses Jahr für einen Oscar nominiert sind, hätte man diese hier wohl für die Liste der Hauptdarstellerinnen gehalten. Ein prominenter Name neben dem anderen – nur einer fällt ab, was den internationalen Bekanntheitsgrad wie auch die Berücksichtigung bei vergangenen Oscar-Verleihungen betrifft. Damit ist über die Chancen von Marina de Tavira eigentlich auch alles gesagt.

Wenn gleich mehrere Namen in der Liste stehen, die man schon oft gelesen hat, ohne das einer davon in der Vergangenheit besonders herausstach, kann man einige der gängigen Indizien für eine Prognose über Bord werfen:
Es gewinnt die bekannteste Schauspielerin. Wer soll das in der Liste Weisz, Stone, Adams denn sein?
Es gewinnt die Darstellerin aus dem am häufigsten nominierten Film? Bleiben immer noch Emma Stone und Rachel Weisz. Wenn die sich mal nicht gegenseitig Stimmen klauen!
Das Gesamtwerk einer häufig nominierten, aber nie ausgezeichneten Darstellerin wird gewürdigt? Grundsätzlich – klar! Aber ob dieses Prinzip zweimal in einem Jahr funktioniert?

Einer der nominierten Filme thematisiert Probleme von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Als bester Film musste er sich einem krassen Ku Klux Klan-Spektakel und einer brillant erzählten Freundschaftsgeschichte beugen – und einer Comic-Verfilmung. Aber wenn sich alle anderen gängigen Faktoren gegenseitig ausschließen und Nominierte gewissermaßen torpedieren, kann bei einer politischen äh… rein leistungsbezogenen Abstimmung auch einmal etwas herauskommen, das ganz bestimmt ok ist, aber vielleicht nicht das beste, was es im vergangenen Jahr im Kino zu sehen gab. Dafür sprechen auch die Ergebnisse anderer Preisverleihungen in diesem Jahr, die beleibe nicht überwiegend an Regina King gingen, aber auch an nicht-oscarnominierte Schauspielerinnen. (Viele Grüße an Emily Blunt!) Und so stechen sich hier gegebenenfalls gleich drei große Namen aus zwei Filmen gegenseitig aus.

Wird gewinnen: Regina King (If Beale Street Could Talk)
Könnte gewinnen: Amy Adams (Vice)
Sollte gewinnen: Rachel Weisz (The Favourite)


Kamera (Cinematography):

Nominiert: A Star Is Born | Cold War (Der Breitengrad der Liebe) | Roma | The Favourite | Werk ohne Autor (Never Look Away)

Alfonso Cuarón ist einer der beiden Nominierten im diesjährigen Oscar-Rennen, der mir die Gelegenheit gibt, ein altes, kaum noch verwendetes, aber tolles, deutsches Wort zu verwenden: Er ist ein echter Tausendsassa. Nicht nur, das sein Film Roma als bester Film und (neben The Favourite) auch am häufigsten nominiert ist, es ist auch wirklich sein Film. Im letzten Jahr gewann Shape of Water die meisten Oscars (darunter bester Film) und sein Schöpfer Guillermo Del Toro war der beste Regisseur. Eben weil er diesen Film lebte und es für viele wirklich sein Ding war. Geht man nach diesem Kriterium, führt kein Weg vorbei an Roma, bei dem Cuarón nicht „nur“ Regie führte, sondern auch für die Kamera verantwortlich zeichnet.

Es ist auffällig und durchaus ein wenig irritierend, dass von fünf nominierten Filmen gleich drei fremdsprachig (und auch alle in der entsprechenden Kategorie nominiert) sind. Da fragt man sich doch, ob der Traumfabrik die Kameraleute ausgehen. Denn auch wenn die Academy Cuarón liebt (und ich auch – wer hätte gedacht, dass aus dem einstigen Horrorfilm- und Harry Potter-Regisseur einmal der Darling der Academy wird?), seine mexikanische Netflix-Produktion lief exakt so in den amerikanischen Kinos, dass es genau für die Nominierungs-Kriterien ausreichte.

Vollendet wird das Dilemma der überwiegend „ausländischen“ Nominierten dadurch, dass die Kategorie eine derjenigen ist, die nun aus Gründen der Attraktivität für ein breites Publikum in Werbepausen ausgezeichnet werden und nicht live im TV zu sehen sein sollen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Schon allein dafür sollte ein Blockbuster und Publikumsliebling hier gewinnen, der den Live-Zuschauern dann vorenthalten wird. Denn die Leistungen der Nominierten sind allesamt außergewöhnlich. Bei jedem dieser Filme spürt man förmlich, dass eine Nominierung für den Oscar angemessen ist – auch schon, wen man noch lange nicht weiß, dass es tatsächlich so kommt.

Zwei der fünf Machwerke heben sich aber optisch noch einmal erheblich ab, beide fremdsprachig. Es ist – sofern die Geschichte und die Gesamtkomposition es erlauben – immer eine gute Idee, mit Schwarz-Weiß-Bildern zu arbeiten, wenn man auf eine Auszeichnung bei den Oscars schielt. Und da Roma bereits als sicherer Sieger in der Fremdsprachen-Kategorie gilt und auch Cuarón sich berechtigte Hoffnungen auf mindestens den Award als Regisseur machen kann, steigen die Chancen für Cold War.

Dessen Kameramann Lukasz Zal gewann den Award der Kameraguilde, war bereits bei einem Oscar-Preisträger am Werk (und nominiert), ist also kein Unbekannter und noch dazu eben ein ausgewiesener Spezialist, kein Regisseur „der das auch mal ausprobiert“. Es ist eine sehr simple Rechnung und vielleicht strafen mich die Ergebnisse am Ende Lügen. Doch manchmal ist es wirklich so einfach: Schwarz-Weiß-Film + Außenseiter in anderen Kategorien + anerkannt in dieser Kategorie = Oscar. Die Verleihung eines Filmpreises ist eben doch zu einem gewissen Grad Mathematik.

Wird gewinnen: Cold War
Könnte gewinnen: Roma
Sollte gewinnen: A Star Is Born | Cold War


Kostümdesign (Costume Design):

Nominiert: Black Panther | Mary Poppins Returns (Mary Poppins Rückkehr) | Mary Queen Of Scots (Mary, Königin von Schottland) | The Ballad Of Buster Scruggs | The Favourite

Ich kann mir nicht helfen: Manche Dinge ändern sich nicht. Letztes Jahr gab es in dieser Kategorie einen klaren Favoriten, der auch das Rennen machte. Ein Kostümfilm, der auch als bester Film nominiert war, dort aber in den Prognosen nicht ganz vorn lag. Und siehe da: Dieses Jahr haben wir The Favourite. Zwar sind eigentlich alle anderen Nominierten (zumindest im weitesten Sinne) zur Kategorie Kostümfilme zu zählen, aber nur zwei vereinen die Nominierungen in dieser Kategorie und der Königsdisziplin. Und nachdem die Gewinnerin aus 2017, Colleen Atwood, für den zweiten Teil der Fantastic Beasts-Reihe nicht einmal nominiert ist, scheint der Weg damit geebnet zu sein.

Scheint? Ja. Denn ausgerechnet Sandy Powell ist gleich zweimal nominiert. Eben für The Favourite und ausgerechnet für Mary Poppins Returns. Diese beiden Filme sind es, die aufgrund ihrer Machart, der Optik und der Genres wohl gemeinsam mit Mary Queen Of Scots (Alexandra Byrne) das Rennen unter sich ausmachen. Die gut umgesetzten Looks des wilden Westens in allen Ehren, aber Adel, Königshäuser und fantastische Welten haben da einfach bessere Karten. Möglich aber, dass Alexandra Byrne am Ende strahlt, wenn die Fans der Arbeiten von Sandy Powell ihre Stimmen auf beide Werke verteilen – auch wenn die Entscheidung hier eigentlich nur für eines fallen kann. Ach ja – und Black Panther ist auch nominiert.

Wird gewinnen: The Favourite
Könnte gewinnen: Mary Queen Of Scots
Sollte gewinnen: The Favourite


Regie (Directing):

Nominiert: Pawel Pawlikowski (Cold War) | Alfonso Cuarón (Roma) | Yorgos Lanthimos (The Favourite) | Spike Lee (BlacKkKlansman) | Adam McKay (Vice)

Auch die Regie-Kategorie lässt auf frischen Wind in der Academy schließen. Es sind eben doch nicht immer wieder dieselben Namen. Weniger neu ist, dass kein Film, der auch beim Publikum beliebt war, in dieser Liste landet – auch nicht A Star Is Born, immerhin Regiedebüt von Academy-Liebling Bradley Cooper. Aber man kann eben nicht alles haben – neue Namen und Academy-Lieblinge. Möglicherweise liegt das sogar überwiegend an der Kampagne rund um den Film selbst. Lady Gaga konnte gar nicht oft genug betonen, wie sehr sie es Bradley Cooper zu verdanken habe, dass sie in ihrem Kinodebüt so gut ankommt. Das kann Stimmberechtigte überzeugen – oder die Aufmerksamkeit eben doch auf die Darstellerin lenken.

So könnte es am Ende dazu geführt haben, dass sich das Dreamteam aus dem Musik-Blockbuster des Jahres (einen anderen Musikfilm gab es nicht, oder?) am Ende selbst schlägt. Könnte. Denn auch bei einer Nominierung von Bradley Cooper wäre da immer noch die starke Konkurrenz. Auf der einen Seite der zweite große Academy-Liebling Alfonso Cuarón. Schwarz-weiß-Film, bewegende persönliche Geschichte vor historischem Hintergrund, ebenso eigen- wie feinsinnige Umsetzung bei dem er neben der Regie fast alles selbst macht. Das erinnert schon stark an den letztjährigen Gewinner Guillermo Del Toro.

Auf der anderen Spike Lee, seit Jahren im Geschäft und mit einer brillanten Idee im Rennen, die nicht minder brillant umgesetzt ist. BlacKkKlansman wird, da bin ich mir schon jetzt sicher, am Ende deutlich unter Wert aus der Vergabe der Oscars herauskommen. Und das schon nur, weil er für mehr hätte nominiert sein können, als er letzten Endes ist. Aber es bleibt eine Resthoffnung, dass diesmal vielleicht die rebellische Seite in vielen Stimmberechtigten in Einklang mit der Honorierung der bisherigen Leistung zu bringen ist.

Wird gewinnen: Alfonso Cuarón (Roma)
Könnte gewinnen: Spike Lee (BlacKkKlansman)
Sollte gewinnen: Bradley Cooper (A Star Is Born) | Spike Lee (BlacKkKlansman)


Dokumentarfilm (Documentary Feature):

Nominiert: Free Solo | Hale County This Morning, This Evening | Minding The Gap | Of Fathers And Sons (Kinder des Kalifats) | RBG

Wenn man einschätzen will, ob ein Film für den Academy Award in Frage kommt, sieht man ihn am besten an. In den Dokumentar-Kategorien ist das oft schwieriger, als in den anderen, weil einfach viele der Filme nicht in deutschen Kinos laufen. Wie verfährt man also? Zum Gkück haben wir 2019 und das Internet ist längst in der Filmindustie angekommen. Es ist längst keine Überraschung mehr, dass Netflix-Produktionen zu den heißesten Anwärtern auf die Goldjungen gehören – vor allem in den Dokumentarsparten, aber längst nicht mehr nur, was allein zehn Nominierungen für Roma sehr deutlich zeigen.

Aber auch abseits von Netflix gibt es gute Online-Angebote: Ich beginne meine Recherche bei Minding The Gap. Der Film über das Abenteuer, die Bedeutung und die Gefahren von Skateboarding in bestimmten Gesellschaftsschichten ist online verfügbar und leicht zu finden. Als nächstes widme ich mich Free Solo – bei dem es um das Klettern an einer Steilwand und die damit verbundenen Gefahren, Ängste und Folgen geht. Schon im letzten Jahr gewann mit Icarus (von Netflix) ein Film, der den Sport zum Zentrum seiner Handlung machte. Aber, gibt es auch noch anderes zu dokumentieren, als Sport?

Ein immer wieder gewählter Inhalt von Dokumentationen sind Krieg, Leid, Gewalt. Und auch die Academy ist (zurecht) immer wieder empfänglich für diese Inhalte. Die Art der Dokumentation im vom SWR co-produzierten Of Fathers And Sons ist neu. Und eindrucksvoll. Sich in eine radikale Familie einzuschleusen, sie über die eigentlichen Absichten zu täuschen und sich in Lebensgefahr zu begeben zeugt von der unbedingten Absicht, aufzuklären. Es entstehen beängstigende und lehrreiche Bilder einer Familie, die von sich und ihren Idealen ähnlich überzeugt ist, wie Familien in der westlichen Hemisphäre. Die Dokumentation liefert so nie dagewesene Einblicke in das Denken, die Philosophie und das Selbstverständnis von Terroristen, die ihre Kinder von Geburt an zu Soldaten des heiligen Kriegs erziehen. Aber um ehrlich zu sein: Ich kann einfach keine Kriegs- und Terrordokus mehr sehen!

„Ich habe gehört, sie macht 20 Push-Ups dreimal die Woche. Ich meine, wir kommen nicht mal vom Boden hoch. Wir kommen nicht mal auf den Boden runter!“

Ruth Bader Ginsburg – RBG –  ist Richterin am Obersten Gerichtshof. Aber sie ist eben mehr als das. Berühmte Persönlichkeit, Ikone, Frauenrechtlerin. Ihre Einstellung und Selbstlosigkeit macht sie zum Vorbild für viele Menschen – nicht nur Frauen. Insbesondere, da die Debatte um Falschbehandlung von Frauen in der Öffentlichkeit der USA nicht nur nicht abreißt, sondern auch auf politischer Ebene aktueller und präsenter ist denn je, ist der regelrechter Hype um „Notorious RBG“ entstanden. Ihr Kampf für Gleichstellung hat die USA verändert, hat die Welt verändert. Dieser Film muss gemacht werden, schon allein, weil es sie gibt.

Hale County This Morning, This Evening kommt mit einer ganz anderen Kraft daher. Nicht die Kraft, einer einzelnen Person, um die es geht, sondern der Film an sich strahlt so viel aus, dass er in Bann zieht und fesselt. Handwerklich, stilistisch, thematisch ist das einfach unfassbar gut. Dunkel, anders und aufklärerisch beschreibt er das Leben in einem sogenannten „schwarzen“ Gebiet ganz nah, authentisch, pur. Ein gewaltiger Film. Dennoch zählt, anders als in den meisten anderen Kategorien, einschließlich „Bester Film“ für den Doku-Oscar die Story oft mehr, als das Handwerk.

Wird gewinnen: RBG
Könnte gewinnen: Of Fathers And Sons
Sollte gewinnen: Hale County This Morning, This Evening


Dokumentarischer Kurzfilm (Documentary Short):

Nominiert: A Night At The Garden | Black Sheep | End Game (Endspiel) | Lifeboat | Period. End Of Sentence (Stigma Monatsblutung)

Es gibt einen simplen Grund dafür, warum ich mir mit die Prognose ausgerechnet in dieser Kategorie so spät erst abgebe: Netflix. Wie schon in den letzten Jahren bei den Dokumentationen präsent und auch in dieser gleich zweimal vertreten. Period. End Of Sentence war erst kurz vor der Verleihung der Awards in Deutschland verfügbar. Also wäre es, obwohl ich ansonsten erstmals alle anderen Dokus angesehen habe, an dieser Stelle wieder ein Ratespiel gewesen.

Eine alte Weisheit unter Award-Prognostikern lautet immer noch: Wenn man keine Ahnung hat, im Zweifel immer auf den Film mit dem längsten Titel setzen! Was im letzten Jahr funktioniert hat, würde in diesem Fall einen Oscar für A Night At The Garden bedeuten. Vor Augen geführt zu bekommen, wie damals eben auch Zehntausende US-Amerikaner die Philosophie und den Antisemitismus der Nazis nicht nur teilten sondern feierten, ist eine deutliche Botschaft gegen das Vergessen. Aber irgendwie ist mir das insgesamt einfach zu viel Nazi-/Rassen-Thematik dieses Jahr, um auch noch bei den Kurz-Dokus abzuräumen.

Damit wäre dann auch Black Sheep irgendwie gleich mit weg vom Fenster. So einfach ist das natürlich nicht. Denn in diesem Fall wird nicht einfach „nur“ etwas historisches mitgeschnitten, sondern auf neue, beängstigende Weise gezeigt, welche Unterschiede (und damit unterschiedlichen Probleme) Menschen unterschiedlicher Hautfarbe erleben. Es ist interessant aufgezogen, jedoch – für eine Dokumentation – auch arg konstruiert. Bei Dokumentationen gibt aber eben nicht (nur) die Machart, sondern (vor allem) das Thema oft den Ausschlag.

End Game begleitet Menschen, die wissen, dass sie sterben werden, und deren Angehörige und Pflegepersonen durch ihre letzten Tage. Sehr sachlich, nüchtern dokumentarisch, ja, klinisch. Aber ist solch ein Thema ein Oscar-Favorit? Ein ebenfalls medizinisches, aber noch viel mehr gesellschaftliches Thema hat Period. End Of Sentence. Die Menstruation von Frauen und Mädchen ist ein Tabuthema, auch in unserer Gesellschaft. Ein Film, der zeigt, wie sich das nun ausgerechnet in Indien ändern und für alle Beteiligten und insbesondere die Frauen in mehrfacher Hinsicht lohnen soll, hat meiner Meinung nach durchaus das Potenzial, Aufmerksamkeit zu bekommen, die das Thema verdient.

Wird gewinnen: Period. End Of Sentence
Könnte gewinnen: Black Sheep
Sollte gewinnen: Period. End Of Sentence


Filmbearbeitung (Film Editing):

Nominiert: BlacKkKlansman | Bohemian Rhapsody | Green Book | The Favourite | Vice

Normalerweise ist diese Kategorie ein Start-Ziel-Sieg für actiongeladene Gewalt- und/oder Kriegsfilme. Das Thema scheint die Academy aber in diesem Jahr mal so richtig Leid zu sein und schickt unter allen Nominierten in allen Kategorien wirklich gar nichts vergleichbares ins Rennen. Was mache ich denn jetzt? Letztes Jahr gab es den Technik-Hattrick (Filmbearbeitung, Tonbearbeitung, Tonmischung) für den populären Film, der nicht besser, aber in seinen anderen nominierten Kategorien chancenlos war. Und auch Filme mit dem Thema Musik hatten hier in der Vergangenheit gute Karten. Dieses Jahr ist überhaupt nur ein einziger Film in allen drei Kategorien nominiert: Bohemian Rhapsody. Ich möchte das nicht!

Ob in der Academy irgendjemanden interessiert, was ich möchte und finde, werden wir am 24. Februar herausfinden. Solange betone ich nochmal, dass mir Bohemian Rhapsody insgesamt auch gut gefallen und mich gut unterhalten hat, aber ich nicht im Kino saß und an irgendeiner Stelle dachte: Wow, das ist jetzt aber oscarreif geschnitten oder gemischt. Da ging es mir bei BlacKkKlansman ganz anders, der Bild und Ton, hell und dunkel und verschiedene Perspektiven so miteinander verbindet – und sie auseinander schneidet, dass seine ganze Dramaturgie dadurch noch einmal richtig an Fahrt gewinnt.

Mein persönlicher Lieblingsfilm erscheint mir dagegen chancenlos. Überraschungen, Ort- und Zeitsprünge und vor allem der hintergründige Humor, der sich durch Green Book zieht wie eine Konzertreise durch die Südstaaten, verleihen einem eigentlich schwierigen Thema eine fantastische Leichtigkeit. Erst Farb- und Bildwechsel auf unerwartete Weise und an unerwarteten Stellen lassen das Spiel der beiden Hauptdarsteller so leicht wirken, dass es ihnen die Nominierungen (zurecht) einbringt.

Wird gewinnen: Bohemian Rhapsody
Könnte gewinnen: BlacKkKlansman
Sollte gewinnen: Green Book


Fremdsprachiger Film (Foreign Language Film):

Nominiert: Capernaum (Stadt der Hoffnung) | Cold War | Roma | Shoplifters (Familienbande) | Werk ohne Autor

Man stelle sich vor, in der Kategorie „Fremdsprachiger Film“ wäre ein Film nominiert, der zugleich auch in einer anderen Kategorie nominiert ist. Würde ihn das nicht automatisch zum Favoriten machen? Dieser Logik folgend sind nur Capernaum und Shoplifters aus dem Rennen. Denn sowohl Werk ohne Autor von Florian Henckel von Donnersmark als auch Cold War sind in jeweils einer wichtigen anderen Kategorie (Kamera bzw. Regie) nominiert. Beide Regisseure gewannen außerdem bereits in dieser Kategorie und die Academy hat traditionell eine Schwäche für Filme mit Kriegshandlungen, insbesondere mit Nazi- und Holocaust-Bezug.

Aber nun stelle man sich vor, ein hier nominierter Film, wäre auch in zwei Schauspiel-Kategorien, für Regie und Kamera und in sechs weiteren Kategorien nominiert – einschließlich der für den besten Film. Sage und schreibe zehnmal ist Roma für den Oscar nominiert. Undenkbar, dass er leer ausgeht. Das ist auch bei dieser Anzahl Nominierungen schon vorgekommen (American Hustle 2014). Doch hier gibt es eben diese Kategorie, in der Roma gewissermaßen außer Konkurrenz der anderen großen Nominierten antritt. So kann man ihm hier den Oscar geben und kann sich in anderen Kategorien, zum Beispiel auch beim besten Film, anderweitig orientieren. Da spielt es fast schon keine Rolle, ob er wirklich auch der beste fremdsprachige Film ist. Das Beispiel von Shape of Water im letzten Jahr hat es gezeigt: Manchmal ist einfach die Summe der Nominierungen entscheidend, die den Mitgliedern der Academy ja auch vor der Abstimmung bekannt ist.

Wird gewinnen: Roma
Könnte gewinnen: Werk ohne Autor
Sollte gewinnen: Werk ohne Autor


Makeup & Hairstyling:

Nominiert: Border | Mary Queen Of Scots | Vice

Mein Kryptonit. Ausgehend von meinen letzten Prognosen steigen die Chancen auf einen Treffer, wenn man bei seinen Oscar-Tipps in dieser Kategorie nicht auf das setzt, was ich vermute. Nachdem Suicide Squad tatsächlich den Preis holte, ließ ich mich im letzten Jahr dazu verleiten, auf Wonder zu setzen – den eben nicht so prominenten und außerhalb der Kategorie nicht nominierten Film. Am Ende wurde es mit Darkest Hour ganz einfach der populärste Film – genau, wie ich es befürchtet hatte. Den Mut, dennoch auf einen anderen zu setzen, der es womöglich mehr verdient, habe ich in diesem Jahr nicht.

Schaut man sich die Leistungen in Sachen Makeup und Hairstyling bei Vice an, kommt unweigerlich der Vergleich zum letztjährigen Gewinner auf. Dazu ist der Film gleich in acht weiteren Kategorien nominiert – einschließlich bester Film und Hauptdarsteller – was ihm sogar einen noch größeren Favoritenstatus einräumt. Doch mit Mary Queen Of Scots schafft es auch ein Kostümfilm in den Dreierreigen. Für historische Frisuren und Looks haben die Mitglieder seit jeher eine Schwäche, was mich auch in diesem Jahr wieder zweifeln lässt, ob mein Tipp denn dieses Mal richtig sein wird.

Kein Zweifel besteht für mich daran, welcher der eigentlich würdigste Preisträger ist. Zumindest bei den Nominierungen hat die Academy offensichtlich eine Schwäche für schwedische Filme (zuletzt Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand). Aber er ist eben aus Schweden und auch sonst nirgendwo nominiert, weshalb schon die Nominierung allein wohl als Erfolg gewertet werden muss. Nichtsdestotrotz ist Border ein richtig geiler Film. Vor allem, aufgrund einer großartigen Maske. Aber was weiß ich schon?

Wird gewinnen: Vice
Könnte gewinnen: Mary Queen Of Scots
Sollte gewinnen: Border


Soundtrack (Original Score):

Nominiert: Black Panther | BlacKkKlansman | Isle of Dogs | If Beale Street Could Talk | Mary Poppins Returns

In diesem Jahr keine so leichte Aufgabe wie zuletzt. Eigentlich kann es hier nur einen Gewinner geben. Da A Star Is Born aber nicht nominiert ist, weil die Zusammenstellung der Songs nicht als „Score“ gilt, bleibt mir nichts anderes übrig, als aus den nominierten Soundtracks den besten herauszufinden. Wie geht man da vor? Golden Globe-Gewinner und La La Land-Schöpfer Dustin Hurwitz ist nicht berücksichtigt. Aber immerhin noch drei der fünf Nominierten der Golden Globes stehen auch bei den Oscars in der Liste. Und ich kann mir nicht helfen – auch die verbleibenden Nominierten finde ich wirklich gut. Sehr unterschiedlich, aber alle durchaus nicht zu Unrecht nominiert. Und das in einer Kategorie, in der – man höre und staune – auch Black Panther im Rennen ist.

Wie vergleicht man nun Musik, die der politischen Tragweite von BlacKkKlansman gerecht werden muss, mit der wahnwitzig-fröhlichen, disney-typischen Heiterkeit aus Mary Poppins Returns? Schon beim Ansehen der Filme gibt es einen riesigen Unterschied. BlacKkKlansman besticht durch Bilder, Dialoge, gutes Spiel, die Musik steht kaum im Vordergrund. Die Nominierung überrascht aber nur einen kurzen Moment lang. Losgelöst vom Film ist Terence Blanchard eine gute Komposition gelungen. Abwechslungsgreich verbindet er klassische und moderne Elemente und Melodien mit Wiedererkennungswert und dennoch so zurückgenommen, dass er die Story des Films trägt ohne dominant zu werden. Ganz anders bei Mary Poppins: Ohne diesen Soundtrack funktioniert der ganze Film nicht. Nach langer Zeit mal wieder ein Disney-Spielfilm, mit einem Soundtrack, der der Reihe der großartigen Vorgänger gerecht wird. Was auch für den Vorgänger dieses Films im Besonderen gilt.

Wir sind hier erneut in einer Kategorie, in der oft auch die Popularität entscheidet. Nur darauf bezogen hat dann Marc Shaiman mit einer Disney-Produktion traditionell die Nase ganz leicht vorn. Doch wenn es nur danach ginge, hätten wir eine sichere Titelverteidigung. Letztes Jahr gewann Alexandre Desplat völlig zurecht für Shape of Water. Das könnte allerdings auch den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben („Der war ja gerade schon.“), zumal der Film, wenn auch mit Chancen bei den Animationsfilmen nicht ansatzweise die Popularität hat, wie der letztjährige. Es ist gut möglich, dass sich die stilistisch ähnlichen und zu Filmen aus Außenseiter-Genres gehörenden Scores gegenseitig ausstechen.

Ach ja – Black Panther ist auch nominiert. Damit ist es aber diesmal nicht getan. Was Ludwig Göransson zusammengestellt hat, klingt wie ein gelungenes Re-Arrangement aus dem besten aller Star Wars-Filme und Mark Mancinas Score für Disneys Tarzan. Und wer mich kennt weiß, dass das ein Kompliment ist. Wenn Black Panther nicht komplett leer ausgehen soll, dann gibt es hier wirklich Chancen. Zumal Göransson kein unbeschriebenes Blatt ist. Und wer hört sich schon den Soundtrack von fünf Filmen wirklich im Detail an, wenn man auch einfach den populärsten Namen ankreuzen kann?

Stichwort Popularität: Wer ist Nicholas Britell? Nie gehört? Wie wäre es mit ein paar Stichworten: 12 Years A Slave, The Big Short, Moonlight, Vice – und eben If Beale Street Could Talk. Für beide Filme war er bei den Golden Globes nicht einmal nominiert. In diesem Fall vielleicht sogar ein Vorteil. Und dass er nicht mit beiden Schwergewichten gewissermaßen gegen sich selbst antritt, könnte auch durchaus helfen. Da könnte man durchaus auf die Idee kommen, dass es jetzt mal Zeit wird für den ersten Oscar. Wie? So funktioniert das nicht? Man bekommt den Preis für die beste Arbeit des letzten Jahres? Stimmt. Aber weiß das auch die Academy?

Wird gewinnen: If Beale Street Could Talk
Könnte gewinnen: Black Panther
Sollte gewinnen: A Star Is Born | Black Panther


Song (Original Song):

Nominiert: Shallow (A Star Is Born) | All The Stars (Black Panther) | The Place Where Lost Things Go (Mary Poppins Returns) | I‘ll Fight (RBG) | When A Cowboy Trades His Spurs For Wings (The Ballad Of Buster Scrugs)

Die vermeintlich einfachste Kategorie in diesem Jahr. Sogar dann, wenn man keinen der Filme gesehen und nicht einmal einen der Songs gehört hat, kann man hier eigentlich nur darauf tippen, dass Lady Gaga (endlich) ihren Oscar bekommt. Aber Achtung: Bester Song? Ein nominierter Disney-Film? War da nicht was? Richtig, im Zweifel gewinnt in dieser Kategorie eben immer der Disney-Song. Nur, dass es eben in diesem Jahr keine Zweifel gibt. Und das ist auch gut so. Ich persönlich fand Shallow nicht einmal den stärksten und wichtigsten Song in A Star Is Born, aber da er nun einmal der einzig nominierte ist, wird er es dann wohl auch werden.

Eigentlich ist das fast schon schade, denn ich hätte einigen der Nominierten den Goldjungen lieber überreicht, als Remember Me – dem Disney-Song aus dem letzten Jahr. Mit einem Country-Song aus einem Western die fünf Nominierungen voll machen? Kann man schon mal machen. Ein Lied aus einem Mary Poppins-Film ist auch wahrlich keine schlechte Idee für eine Oscar-Nominierung – und würde vermutlich auch fast immer zur Auszeichnung führen. Inzwischen fast eine sichere Bank, was eine Oscar-Nominierung angeht, sind Songs von Diane Warren. Dass All The Stars nominiert ist, kann eigentlich auch nur an den prominenten Interpreten liegen – deren Auftritt bei der Verleihung allerdings bis drei Wochen vor der Show noch nicht einmal bestätigt ist.

Anders als bei Shallow, den Lady Gaga und Bradley Cooper gemeinsam performen werden – wenn sie sowieso schon mal da sind. Dass beide auch in den Schauspiel-Kategorien nominiert sind, dürfte auch kein Nachteil sein, zumal nicht unwahrscheinlich ist, dass insbesondere Lady Gaga, die den Oscar als Songwriter auch tatsächlich bekäme, in der Schauspiel-Kategorie leer ausgeht.

Wird gewinnen: Shallow (A Star Is Born)
Könnte gewinnen: The Place Where Lost Things Go (Mary Poppins)
Sollte gewinnen: Always Remember Us This Way (A Star Is Born) | Shallow (A Star Is Born)


Produktionsdesign (Production Design):

Nominiert: Black Panther | First Man (Aufbruch zum Mond) | Mary Poppins Returns | Roma | The Favourite

Oscarreifes Produktionsdesign, oder auch: Fantasiewelten mit der Realität verschmelzen zu lassen und ganze Städte und Länder, aber auch einzelne kleine Orte innerhalb davon so darzustellen, dass sie sowohl aussehen, wie nicht von dieser Welt, als auch, als könne es sie dennoch wirklich geben: Ja, dafür kann man schon mal zurecht für einen Oscar nominiert werden. Es ist nur eben kein Alleinstellungsmerkmal unter den Nominierten – und wie so oft, könnte das lachende Dritte bedeuten.

Liebe zum Detail, im Großen wie im Kleinen, verhalf Shape Of Water im letzten Jahr zu Oscars auch in weniger populären Kategorien. Und so kann man in diesem Jahr getrost davon ausgehen, dass die Academy sich treu bleibt und den häufig nominierten Film auszeichnet, dessen Szenenbilder von pompösem und prunkvollem Ausmaß sind, das im Großen wie im Kleinen bis ins letzte Detail inszeniert werden. Und selbst dann ist fraglich, ob Oscars für Kostüme und Szenenbild den Begriff „Desaster“ für einen 10-fach nominierten Film vermeidbar machen. Nicht auszudenken, wenn es nicht einmal die gäbe.

Gewaltige Weiten des Weltraums, die Mondoberfläche, Ausrüstung, Maschinen, Wohneinrichtungen aus den 60er-Jahren: Mangelnde Detailtreue und Abwechslung kann man auch in First Man wirklich nicht beklagen. Lange war ich sicher, The Favourite in dieser Kategorie stünde fest. Die Kunst, diesen modernen Film wie einen modernen Film aussehen zu lassen und dennoch durchgängig das Gefühl zu erwecken, die Mondlandung zu ihrer Original-Zeit noch einmal live mitzuerleben, lässt zumindest aber eine (kleine) Überraschung durchaus möglich erscheinen. Ach ja – und Black Panther ist auch nominiert.

Wird gewinnen: The Favourite
Könnte gewinnen: First Man
Sollte gewinnen: First Man


Animierter Kurzfilm (Short Film Animated):

Nominiert: Animal Behaviour | Bao | Late Afternoon | One Small Step | Weekends

Was für eine Enttäuschung war das letztes Jahr! Mein absoluter Favorit nicht einmal nominiert (erfüllte die Kriterien nicht), meine favorisierten Filme allesamt ausgebootet von einer pathetischen Basketballgeschichte eines amerikanischen Idols. Ich hätte es besser wissen müssen! Aber glücklicherweise ist dieses Jahr nicht nur kein Raum für Patriotismus, es sind gleich fünf wunderbare Kurzfilme nominiert. Und weil ich in den letzten Jahren in (meiner Meinung nach) knappen Kategorien oft nicht den Mut hatte, auf meine persönlichen Lieblinge zu setzen (die dann nicht selten das Rennen machten), mache ich das dieses Jahr einfach mal anders.

Was für ein süßer Film ist bitte One Small Step? Der Traum vom Trip ins Weltall ist nicht nur in Deutschland zurzeit wieder allgegenwärtig (Ich feier mich noch immer für diese Wortspielerei), mit First Man ist auch ein Real-Spielfilm zum Thema Mondlandung im Oscar-Rennen. Aber ob „süß gemacht“ am Ende für einen Academy Award reicht, hängt vor allem in dieser Kategorie oft davon ab, wie stark die Konkurrenz ist. Animal Behaviour liefert ein Gag-Feuerwerk mit einer Therapiesitzung, an der verschiedene Tiere mit ihren typischen Verhaltensweisen teilnehmen. Ob (zum Teil) schwarzer Humor ausreicht, hängt genauso von dem ab, was sonst geboten wird.

Fast immer ist einer der Filme, die in den Kinos vor den sogenannten abendfüllenden Animationsfilmen von Disney und Pixar gezeigt werden, auch in dieser Kategorie vertreten. Dieses Jahr ist das Bao. Und wer keinen der Filme gesehen hat kann immer guten Gewissens auf den Disneyfilm setzen – Chancen gibt es da immer. Handwerklich sind die Filme fast immer auf oberstem Niveau und die Animationen lassen die Umsetzung der zuvor genannten Filme wie Kinderzeichnungen aussehen. Trotzdem ist auch in dieser Kategorie die Story viel wichtiger als das Handwerk allein. Die Tatsache, dass Bao nicht nur einfach ganz niedlich ist, sondern ein paar sogar eher verstörende Elemente enthält, kann die Chance erhöhen und zunichte machen gleichermaßen.

Auch Late Afternoon ist optisch nicht unbedingt das, was man State of the Art nennt. Aber ähnlich wie One Small Step punktet er auf der emotionalen Schiene – und doch ganz anders. Die Leiden einer mit Demenz kämpfenden Frau sind nicht gerade der klassische Inhalt für einen animierten Kurzfilm und auch an anderer Stelle noch Thema dieser Oscar-Verleihung. Wenn der dortige Kandidat nicht ausgezeichnet wird, könnte das die Siegchancen im Gegensatz zu den Mitbewerbern erhöhen – einerseits. Andererseits ist da eben noch Weekends, das die Perspektiven aus Erwachsenen- und Kinderaugen verbindet und niedlich, ermahnend, traurig und viele weitere Emotionstrigger auspackt. Scheidungskinder werden diesen Film nicht nur verstehen, sondern anerkennen, dass er gut ist. Wie viele Scheidungskinder es in der Academy gibt? Vielleicht können wir das besser beurteilen, wenn im Dolby Theatre der entsprechende Umschlag geöffnet wird.

Wird gewinnen: Weekends
Könnte gewinnen: Bao
Sollte gewinnen: Weekends


Kurzfilm (Short Film Live Action):

Nominiert: Detainment | Fauve | Madre (Mother) | Marguerite | Skin

Wenn Skin einen Oscar gewinnt, sind BlacKkKlansman und Green Book wohl auch endgültig die Favoriten als bester Film – oder gerade nicht (mehr). Das Thema Hautfarbe nimmt außergewöhnlich viel Präsenz ein bei der diesjährigen Verleihung. Und das auf andere, ich würde sagen – bessere – Art und Weise als zuletzt. Wenn man die Nominierungslisten durchsieht, reicht es jedenfalls nicht, Black Panther als Zugeständnis an die #OscarsSoWhite-Lobby zu verstehen. Dafür gibt es deutlich zu viele andere, gute Anwärter.

In der Kurzfilm-Sparte ist Skin jedoch der einzige. Gleich vier der fünf Nominierten handeln von Kindern, die in mehr oder weniger unmittelbare Notsituationen geraten. Grundsätzlich sind Kinder in Kurzfilmen eine Art Lieblingsthema der Academy. Da wäre es eine Überraschung, wenn Marguerite, der eine demente, alte Frau thematisiert, das Rennen macht. Mother ist durchaus innovativ und stellt ein Kind ins Zentrum der Handlung, das nie zu sehen ist. Und er war so erfolgreich, dass es inzwischen sogar eine Langfilm-Fassung gibt. Detainment sorgte vor der Verleihung bereits für Schlagzeilen, da der Vater eines getöteten Kindes massiv gegen den Film vorzugehen versuchte, der die Täter – damals ebenfalls noch Kinder – portraitiert. Unwahrscheinlich, dass die Academy einen so kontrovers diskutierten und kritisierten Film wirklich an erste Stelle setzt, wenn es gute Alternativen gibt.

Mein persönlicher „Liebling“ ist Fauve, der mit einfachsten Mitteln und nur wenig handelnden Personen ein bewegendes Drama zeichnet, dass sich mehrmals anbahnt, abgewendet wird und schlussendlich eben doch seinen Lauf nimmt. Ein Film, wie eine fesselnde Kurzgeschichte, der ohne Kontext beginnt und dessen endgültiger Ausgang offen gehalten wird. Doch der ständige Wechsel zwischen Lebensgefahr und Erleichterung lässt den Atem über die gesamte Zeit stocken. Nicht ohne auch einen deutlichen, aber nie ausgesprochenen mahnenden Zeigefinger zu heben, was das Sozialverhalten von Kindern aber auch Menschen allgemein untereinander betrifft.

Der einzige der Filme, der neben Kindern auch noch das Thema Rassismus und Hautfarbe in den Vordergrund stellt, ist Skin. Auch hierfür ist bereits eine Langfassung in Produktion. Betrachtet man das Spektrum der Nominierungen in diesem Jahr, muss man wohl zu dem Schluss kommen, dass allein die Thematik den Film zum Favoriten in dieser Kategorie macht. Doch nicht nur das: Wenn er gewinnt, dann nicht völlig zu Unrecht, denn wie schmerzhaft, unverständlich und problematisch das Aufwachsen eines Kindes in einem rassistischen Umfeld ist, könnte man nicht viel authentischer zeichnen. Insbesondere in einer Zeit, in der die USA in dieser Sache ihre Position zwischen Zukunft und Vergangenheit suchen, ein mutiger, plakativer und guter Film.

Wird gewinnen: Skin
Könnte gewinnen: Fauve
Sollte gewinnen: Fauve


Tonbearbeitung (Sound Editing):

Nominiert: A Quiet Place | Black Panther | Bohemian Rhapsody | First Man | Roma

Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass es fast egal ist, welche Filme neben Bohemian Rhapsody nominiert sind, weil es einfach nur darum geht, dem Film möglichst viele Oscars zuzuschustern und dabei dennoch möglichst weit weg von Bryan Singers Kompetenzbereich zu bleiben. Musikfilme haben traditionell gute Karten bei der Honorierung von Tonbearbeitung. Und hier wird dann auch gleich die alte Musik von Queen neu aufgelegt und mit dem modernen Sound eines Blockbusters von 2018 vermischt (äh, Moment, ist das jetzt nicht eher Tonmischung?), der klingen soll wie die vergangenen Jahre, in denen er spielt.

Völlig egal, welche anderen Filme nominiert sind, den Oscar in dieser Kategorie verdient einzig und allein A Quiet Place. Es ist eine Schande, dass der Film überhaupt nur in dieser einen Kategorie nominiert ist – und damit meine ich nicht (nur), dass er bei der Tonmischung fehlt. (Abermals viele Grüße an Emily Blunt!) Ich habe nie einen Film gesehen, der mehr von seinem Sound lebt. Oder eben auch dem Sound, den er nicht macht. Feinste, kleine Geräusche wie das Rascheln von Mais und das Gehen über Holztreppen klingen wie ohrenbetäubender Lärm. Und laute Geräusche werden zur Unerträglichkeit. Und genau das ist es, was diesem Film Leben gibt. Wenn hier nicht nach Popularität des Films sondern nach tatsächlicher Arbeit bei der Tonbearbeitung entschieden wird, kann es nur einen Sieger geben. Ach ja – und Black Panther ist auch nominiert.

Wird gewinnen: Bohemian Rhapsody
Könnte gewinnen: A Quiet Place
Sollte gewinnen: A Quiet Place


Tonmischung (Sound Mixing):

Nominiert: A Star Is Born | Black Panther | Bohemian Rhapsody | First Man | Roma

Machen wir uns nichts vor, spätestens an dieser Stelle wird es ein Ratespiel. Ja, ich bin ein Fan davon, dass ein Film eine so runde Gesamtleistung zeigt, dass er alle drei Kategorien der Bearbeitung abräumt. Solange dieser Film eben nicht Bohemian Rhapsody ist. Nicht, dass hier schlecht gearbeitet wurde oder ich es besser könnte – aber es ist einfach keine herausragende Arbeit zu erkennen, die den anderen Nominierten in diesen Kategorien etwas voraus hat. Aber im Zweifel wird es gerade in den Ton-Kategorien eben der Musikfilm. Ein Glück gibt es hier noch einen anderen Musikfilm.

Für A Star Is Born spricht genau dieser Punkt. Dagegen spricht, dass er in der anderen Ton-Kategorie nicht nominiert ist, obwohl die ja eigentlich niemand so recht auseinander halten kann. Academy-Liebling ist eindeutig Roma, mit insgesamt 10 Nominierungen. Doch da der auch in den Top 8 sehr gut vertreten ist und vermutlich auch abräumen wird, stehen die Chancen ganz gut, dass er in den Tonkategorien etwas vernachlässigt wird. Zugunsten von Filmen, die deutlich mehr von einem guten Ton leben. Das wäre A Quiet Place, da der nicht nominiert ist, aber zum Beispiel auch First Man, der das klappern von Flugkörpern in den 60er-Jahren und die Stille des Weltraums zu einer authentischen Geräuschkulisse vermischt. Ach ja – und Black Panther ist auch nominiert.

Wird gewinnen: Bohemian Rhapsody
Könnte gewinnen: A Star Is Born
Sollte gewinnen: A Quiet Place | First Man


Visuelle Effekte (Visual Effects):

Nominiert: Avengers: Infinity War | Christopher Robin | First Man | Ready Player One | Solo: A Star Wars Story

Sinn und Unsinn der Kategorie visuelle Effekte lässt sich in jedem Jahr neu diskutieren. Auch und gerade anhand der Filme, die ausgezeichnet werden. Streng genommen gibt es den Oscar für Fortschritte, Leistungen im Bereich visuelle Effekte (Achievements in Visual Effects). Also müssen gar nicht alle Effekte im Film in der Summe die besten sein, sondern es kann auch eine bestimmte Umsetzung so gut sein, dass der Oscar dafür vergeben wird. Sieht man sich die letzten beiden Preisträger an, ergibt das durchaus Sinn: Jungle Book hat einige Schwächen, aber die Umsetzung der Tiere ist fantastisch. Und falscher Regen sah wohl noch nie so echt aus, wie in Blade Runner 2049.

Passend dazu ist Black Panther trotz Effektfeuerwerk ausgerechnet in dieser Kategorie nicht nominiert. Unpassend dazu Avengers: Infinity War aber schon. Will man jetzt mit Oscars für mehrere Comic-Blockbuster die (augenscheinliche) Akzeptanz dieses Genres demonstrieren? Da wird es dann wohl eher das viel, aber vielleicht eigentlich nicht genug beachtete Biopic First Man. Eher Drama als Sci-Fi oder (gar) Familienfilm, aber (bei Kritikern) populärer als alle anderen Nominierten. Und die Umsetzung der (falschen) Außenaufnahmen des Mondes und des Fluges dorthin in der Optik der 60er Jahre kommen schon ziemlich realistisch daher. Man wird einfach nicht schlau daraus, welche Faktoren denn nun wichtig sind und was genau hier eigentlich bewertet wird. Vielleicht die Hauptursache für schwindende Oscar-Begeisterung: Mangelnde Transparenz.

Neben dem obligatorischen Star Wars-Ableger (den ich wegen dieser Nominierung dann nun doch noch ansehen musste – vielen Dank auch) ist auch ein Film nominiert, der inhaltlich und optisch so gar nicht in die Reihe passen will: Christopher Robin begeistert mit der Animation von Winnie Puh und seinen Freunden, die wie echte, lebendige Kuscheltiere aussehen. Aber genau – Tiere hatten wir vor zwei Jahren schon. Doch sieht man die Nominierungsliste durch, findet sich nicht wirklich ein Film, der durch offensichtliche, bahnbrechende Neuerungen überzeugen kann. Da sticht noch am ehesten Ready Player One heraus, der die Vermischung von realer Welt und Videospielgrafik perfektioniert und die Grenzen verschmelzen lässt. Im Film, aber eben auch optisch. Nur war der eben einfach (im Verhältnis) kein Erfolg – weder bei Kritikern, noch kommerziell.

Wird gewinnen: First Man
Könnte gewinnen: Ready Player One
Sollte gewinnen: Ready Player One


Adaptiertes Drehbuch (Writing, Adapted Screenplay):

Nominiert: A Star Is Born | BlacKkKlansman | Can You Ever Forgive Me? | If Beale Street Could Talk | The Ballad Of Buster Scruggs

Weil ich es so gerne mache, wiederhole ich mich an dieser Stelle schon wieder, in dieser Kategorie sogar zum zweiten Mal: Als Zuschauer eines Films ist es schwierig, zu beurteilen, welchen Anteil ein adaptiertes Drehbuch an der tatsächlichen Umsetzung des Filmes hatte. Ich sehe mir die Story an, welche Ecken sie macht, welche Überraschungen sie zu bieten hat, wie unterhaltsam sie ist. Und dann kommt ein Film wie The Ballad Of Buster Scruggs, der einfach eine Reihe von Kurzgeschichten hintereinander hängt und sie nur dadurch verbindet, dass in einem imaginären Buch eine weitere Seite aufgeschlagen wird. Ich werde gut unterhalten, doch diese Art Film ist einfach zu wenig Big Player, als dass ich hier Chancen sehe.

A Star Is Born erobert zum wiederholten Mal die Kinoleinwand. Die Geschichte ist bekannt und dennoch für die aktuelle Version stark verändert und auf die heutige Zeit bezogen. Brutaler, direkter, aggressiver greift er die Kernthemen auf und treibt sie so stark voran, dass am Ende definitiv mehr hängen bleibt, als gute Musik. Bezeichnenderweise könnte es bei den Oscars aber anders laufen. If Beale Street Could Talk teilt dieses Schicksal – bis auf den Unterschied, dass seine herausragende Darstellerin nicht gegen Glenn Close in den Ring steigen muss.

Es zu schaffen, dass gleich zwei Darsteller ihre Nischen verlassen und aus dem Schatten treten, um verdientermaßen im Rampenlicht des wichtigsten Filmpreises von Hollywood zu stehen, erfordert ein gutes Drehbuch. Deshalb ist es nicht überraschend, dass Can You Ever Forgive Me? auch in dieser Kategorie auftaucht. Alle genannten Filme eint, dass sie bei der Nominierung dennoch Glück haben, nicht mit den ganz großen Favoriten schwimmen zu müssen (die alle für das Originaldrehbuch nominiert sind).

Es läuft auf den Zweikampf zwischen den Drehbüchern hinaus, die eine Grundlage für einen Film bilden, der auch als bester Film nominiert ist. BlacKkKlansman ist womöglich in einigen Fällen unglücklicher Zweitplatzierter, aber die aberwitzigen Dialoge, die einem dramatischen Film gleichermaßen Witz, Überraschung und Tiefgang verleihen, entspringen einer feineren, stilistisch markanteren Feder, als jede noch so starke Bemühung, in einer bekannte Geschichte neue und unerwartete Elemente unterzubringen.

Wird gewinnen: BlacKkKlansman
Könnte gewinnen: A Star Is Born
Sollte gewinnen: BlacKkKlansman


Originaldrehbuch (Writing, Original Screenplay):

Nominiert: First Reformed | Green Book | Roma | The Favourite | Vice

Für fünf Oscars nominiert, darunter „Bester Film“ und trotzdem eher Außenseiter in dieser Kategorie: Das muss man auch erstmal schaffen. Ein leichtes, wenn drei der vier am häufigsten nominierten Filme auf Originaldrehbüchern basieren. Und dennoch muss genau das kein Nachteil sein für Green Book. Er ist nicht so populär, dass man fürchten muss, er könne der Aufteilung von Stimmen unter den populärsten Filme zum Opfer fallen. Aber eben deutlich populärer als First Reformed, der als einziger der Nominierten nur in dieser Kategorie berücksichtigt wurde. Das bekam schon meinem letztjährigen Liebling The Big Sick nicht gut.

In fast allen Kategorien, für die Roma nominiert ist, hat es mehr als Außenseiterchancen. Die Geschichte steigert sich kontinuierlich und wer nach den ersten 20 Minuten noch nicht eingeschlafen ist, erlebt einen spannenden, einen guten Film. Und was an dieser Stelle noch viel wichtiger ist: Auch einen gut erzählten. Es ist derselbe Witz, der hier und da in einer dramatischen Geschichte auftaucht, wie er auch Green Book zu einem auf allen Ebenen unterhaltsamen Film macht. Es gibt absurde Situationen, Hang zur Übertreibung, unerwartete Wendungen und herausragende Dialoge.

Hollywood will näher an die Bevölkerung, die Ottonormalkinogänger. Dass sich das als schwieriger herausstellt, als womöglich zunächst gedacht, zeigt das große Hin und Her rund um die Oscarverleihung und die Diskussionen um mögliche Blockbuster-Kategorien. Ein Blockbuster ist wahrlich keiner der hier nominierten Filme. Und die letzten Jahre haben gezeigt, dass der beste Film eben noch lange nicht das beste Drehbuch zur Grundlage haben muss – aber durchaus kann. Vice und The Favourite drohen – gemessen an den Nominierungen – wahre Desaster, was die Anzahl der Auszeichnungen anbelangt. Der Blick auf die Konkurrenz macht hier keine Hoffnung.

Die Prognose ist ebenso kompliziert wie, eigentlich, einfach: Wenn sich eine große Zahl derjenigen einig ist, die in dieser Kategorie auf die großen drei gehen, kann die Wahl eigentlich nur auf Roma fallen. Zu präsent ist der Film in den Köpfen, zu stark ist seine Dominanz in den anderen Kategorien, als dass die Mehrheit dann ausgerechnet hier das Kreuz woanders macht, wenn es nicht (nur) um die Story als solche geht. Können sich viele nicht auf einen dieser drei festlegen, dürfte Green Book der größte gemeinsame Nenner sein. Und das wäre nicht das schlechteste, was in dieser Nominierungsliste passieren kann – auch nicht aus Sicht der „normalen“ Leute.

Wird gewinnen: Green Book
Könnte gewinnen: Roma
Sollte gewinnen: Green Book

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