Nie wieder Fernsehen!

flourish103/ Mai 19, 2016/ Aktuell, Medien, Meine Meinung!, Webtipps/ 0Kommentare

Die Snapchatter unter euch wissen es schon: Ich habe letzte Woche einen Google Chromecast gewonnen. Alle Webinhalte streamen wann ich will und nie wieder Fernsehen! Oder?

Zumindest theoretisch stimmt das alles. Alle online verfügbaren Inhalte kann ich ganz einfach aus dem Chrome Browser auf den Fernseher streamen. Per WLAN, vollkommen legal, sehr schnell und ziemlich idiotensicher (das bedeutet, das kann sogar ich). Klingt zu schön um wahr zu sein? Für mich ist das perfekt, nach einem Wochenende Pfingsturlaub in einem Hotel mit eher schlechter WLAN-Verbindung, vielen Freizeitaktivitäten und nahezu rund um die Uhr wichtigerem, als das aktuelle TV-Programm. Chromecast scheint die perfekte Lösung zu sein:

  1. Für alle, die wissen möchten, wie die prominenten Tänzer am Freitag performt haben (TV Now)
  2. Für alle, die samstags nachmittags keine Zeit hatten, aber trotzdem die Bundesliga-Konferenz in voller Länge und Atmosphäre erleben möchten (Sky Go)
  3. Für alle, die den Tatort verpasst haben, aber nicht auf dem Labtop-Monitor ansehen wollen (ARD Mediathek)

Um nur mal drei Beispiele zu nennen. Drei unterschiedliche Sendungen, drei unterschiedliche Plattformen, deren Tauglichkeit ich gleich mal ausprobiert habe.
Um es vorweg zu nehmen: Ich brauche auch weiterhin einen TV-Anschluss!

Bevor es losgehen kann, muss erstmal Google Chrome auf dem PC installiert werden. Nur mit dem hauseigenen Browser kann die Google Software auch genutzt werden. Gesagt, getan, Google bietet den Browser kostenlos auf der eigenen Website an – ein Kinderspiel. Genauso leicht ist es, Chromecast zu installieren. Die Anweisungen auf der Website sind vollständig, eindeutig und alles funktioniert reibungslos. Nun also zur Nutzung. Nacheinander streame ich die Inhalte der verschiedenen Streaming-Portale via Chromecast auf den Fernseher. Here is, what happened:

  • TV Now

Das noch recht neue, zusammengefasste Streaming-Angebot der RTL-Sendergruppe ist so umfassend wie unübersichtlich. Zwar sind die einzelnen Sender auf der Startseite anwählbar, eine vollständige Übersicht über die abrufbaren Sendungen sucht man auf den zugehörigen Unterseiten aber vergebens (über die Navigation ist eine Liste „Alle Sendungen“ aufrufbar). Die aktuellen Folgen der erfolgreichsten und bekanntesten Sendungen werden oben auf der Seite beworben, ältere Folgen dieser Sendungen sind von der Startseite aus nicht mit einem Klick zu erreichen. Nicht sehr viel weiter unten finden sich dann doch wieder Sendungen der anderen Sender, die ohne erkennbare Ordnung (z.B. nach Themen, Alphabet, Chronologie, Sender) oder Reihenfolge vorgeschlagen werden. Wer also zum Beispiel die zweite Folge der aktuellen Staffel von Sing meinen Song – Das Tauschkonzert oder das letzte Wochenfinale von Shopping Queen sucht, muss ein paarmal klicken, bis er fündig wird – wenn überhaupt. Welche Sendungen wie lange abrufbar sind, welche kostenlos und welche gegen Bezahlung, lässt sich auf der Startseite nicht ohne Weiteres herausfinden.
Immerhin – die Suche funktioniert gut, auch auf Stichworte erhält man verfügbare Sendungen als Vorschlag und gelangt per Klick auf die dazugehörige Unterseite.

Aber ich habe ja Glück. Die Folge Let’s Dance von Freitag ist prominent auf der Startseite platziert und mit nur einem Klick kann ich den Player öffnen und die Sendung startet. Nun ja, zunächst startet der Werbeblock aus drei Spots, die weder angehalten noch übersprungen werden können. Immerhin bleibt mir währenddessen genug Zeit, den Labtop auf Seite zu stellen und es mir auf dem Sofa so richtig gemütlich zu machen.
Der Ankündigungsspot läuft („Diese Sendung wird Ihnen präsentiert von…“), es kann losgehen, und dann… nichts! Der Player stoppt, wird beendet und es öffnet sich eine neue Seite. Man wird darauf hingewiesen, dass es in Einzelfällen vorkommen kann, dass Beiträge wegen Benutzereinstellungen oder technischen Gegebenheiten im Browser nicht abgespielt werden können.

Interessantes Konzept, den Kunden erst Werbung ansehen zu lassen, um ihm danach mitzuteilen, dass er die für ihn relevanten Inhalte aus technischen Gründen sowieso nicht ansehen kann. Folgt man der Aufforderung, sich nach möglichen Lösungen zu erkundigen, erhält man keine wirklich relevanten weiteren Informationen, sondern lediglich schon bekanntes in anderem Wortlaut. Das Hilfsangebot bleibt eine Erklärung schuldig, welche Einstellungen genau geändert werden müssten oder gar, wie genau das geht. Auch nach mehrmaligem neu laden der Seite sind die einzigen Veränderungen, dass andere Werbespots gezeigt werden, oder der Player auch nach mehrminütigem Laden nicht startet. Das heißt zwar keine Werbung, aber eben auch kein Hinweis darauf, dass das Angebot nicht abrufbar ist.

Übrigens: In anderen Browsern (Firefox, Safari, sogar Opera) funktioniert der Player perfekt. Nur sind diese nicht für Chromecast nutzbar. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Nun gut, wenn schon kein Tanzen, dann eben anderer Sport! Schließlich stieg am Wochenende das (mehr oder weniger) dramatische Saisonfinale in der höchsten deutschen Fußball-Liga.

  • Sky Go

Das Streaming-Angebot des großen Bezahlsenders ist ohnehin schon nicht ohne Tücken. Zum Abspielen der einzelnen Sendungen setzt Sky auf den Silverlight-Player von Microsoft. Dieses erfordert für alle vernünftigen Browser zunächst die Installation des entsprechenden Plug-Ins. Darüber wird allerdings erst nach der recht umfangreichen Einrichtung des Sky Go-Accounts (einfaches Anmelden mit Kundennummer und Sky-PIN reicht nicht aus), dem darauffolgenden Einloggen, der Suche nach der richtigen Sendung und dem Klick auf Starten informiert. Einen Link stellt Sky hierfür nicht bereit.
Da ich bereits Nutzer von Sky Go bin, habe ich das Plug-In für andere Browser installiert, Chrome übernimmt es bei der Installation automatisch. Zumindest theoretisch. Seit Version 42 unterstützt der Browser die Nutzung dieses Plug-Ins nicht mehr, seit Version 45 ist es auch nicht mehr möglich, diese Barriere mit einem Trick manuell zu umgehen. Aktuell ist Version 50 verfügbar. Auf den Punkt gebracht: Das Streaming-Angebot von Sky ist mit dem Chrome-Browser nicht nutzbar. Dementsprechend auch kein Chromecast.

Sky bietet einen Systemcheck zur Überprüfung möglicher Fehlerquellen an und macht tatsächlich die Browsereinstellungen als Ursache aus. Einen Hinweis auf konkrete Gründe und/oder mögliche Lösungen gibt es aber auch hier nicht. Besonders bemerkenswert daran ist, dass beim Versuch, das Angebot mit Opera zu nutzen, durchaus der Hinweis erscheint, dass das Abspielen in diesem Browser nicht möglich ist und auf die Nutzung anderer Browser als Alternativen verwiesen wird. Da das Problem in vielen Foren beschrieben wird und bei der inzwischen fortgeschrittenen Version von Chrome auch ganz offensichtlich nicht erst seit kurzer Zeit bekannt ist, sollte ein Hinweis auch auf Chrome also möglich sein. Im Idealfall sogar direkt auf der Startseite, sofern man das Angebot mit einem nicht-kompatiblen Browser aufsucht. Und eben nicht erst, nachdem man sich angemeldet und durch diverse Unterseiten geklickt hat.

Mir bleibt eine letzte Hoffnung. Das öffentlich-rechtliche Streaming-Angebot (ausgerechnet).

  • ARD Mediathek

Optisch völlig unterschiedlich, erinnert der strukturelle Aufbau der Mediathek durchaus an das RTL-Angebot. Aktuelle und populäre Sendungen aller ARD-Sender sind hervorgehoben, zusätzlich auch die verfügbaren gerade laufenden Sendungen aller Sender. Einen Überblick über alle Sendungen und Sendetermine gibt es nur durch Klick auf den entsprechenden Reiter in der Navigation.
Aber auch hier habe ich wieder Glück, denn der Tatort ist ja erst wenige Tage alt und dementsprechend von der Startseite aus erreichbar. Zumindest ab 20 Uhr. Aus Jugendschutzgründen. Denn nach 20 Uhr nutzt schließlich kein Kind in Deutschland mehr unbeaufsichtigt das Internet. Na ja. Aber ich will mich ja (zumindest jetzt) nicht mit Sinn und Unsinn angebotener Sendungen beschäftigen. Denn das Erfreuliche ist: Bei einem Klick auf die Sendung öffnet sich der Player, die Titelmelodie erklingt und ich kann von da an den Tatort in voller Länge und (anders als bei den oben genannten Angeboten) auch im Web ganz ohne Werbeunterbrechung sehen. Dank Chromecast nun sogar auf dem Fernseher. Und wenn ich doch mal eine Pause brauche, klicke ich auf Pause und kann ganz unproblematisch an derselben Stelle wieder einsteigen.

Für langsame Verbindungen oder bei Darstellungsproblemen bietet die ARD-Mediathek auch eine HTML-Version ihrer Website an. Ist in den meisten Fällen und auch in meinem Fall nicht nötig, war aber bisher bei der Nutzung des TV-Browsers eine ziemlich nützliche Sache.

Womit wir auch schon beim entscheidenden Nachteil der ganzen Sache sind: Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kann ich auch ganz einfach und bequem über den Browser meines TV-Geräts aufrufen und abspielen. Der Umweg über PC und Chromecast ist schlichtweg überflüssig. Gleiches gilt für Online-Portale wie Netflix, Maxdome oder auch Deezer und YouTube. 7TV, die Mediathek der ProSieben-Sat.1-Gruppe, funktioniert wunderbar mit Chromecast, hat aber ebenfalls eine App auf meinem Fernsehgerät. Insofern ist der Chromecast allenfalls eine Erleichterung beim Streamen via Handy und um Dateien von anderen Websites abzuspielen – etwa bereitgestellte Urlaubsvideos und -fotos von meinem Pfingsturlaub. Die sehen nämlich auf dem großen Fernseher auch wirklich viel besser aus, als auf dem Labtop oder Smartphone. Richtig gelesen – vom Smartphone (auch Apple- und Windows-Geräte) funktioniert Chromecast natürlich auch – die genannten Einschränkungen bleiben aber bestehen. Hinzu kommt, dass Sky Go für die meisten mobilen Geräte gar nicht angeboten wird (ausschließlich iOS und einige Android-Geräte von Samsung).

Fazit: Gute Idee, aber wenn ich TV-Sendungen auf dem TV sehen will, nehme ich mir weiterhin während der Sendezeiten nichts vor. Oder ich kaufe mir doch einen Festplattenreceiver…

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