Mut zum Wandel braucht Visionen!

flourish103/ Mai 14, 2014/ Aktuell, Emotionen, Fotos, Meine Meinung!, Politik/ 0Kommentare

Hirschfeld-Tage. Runder Tisch der Aidshilfe NRW 2014. Über zwanzig Menschen, deren Alter, Herkunft, Fachgebiet und Meinung zum Teil völlig unterschiedlich ist, diskutieren einen ganzen Samstag lang über Existenz und Zukunft von Szene. Am Ende stehen viele Ergebnisse. Warum eines davon Wurst ist. Warum dabei die Begriffsklärung “Szene” nur bedingt funktioniert. Und warum vielleicht gerade das eine Erklärung ist: Ein Aufarbeitungsversuch in mehreren Akten.

10.05.2014.
„Mut zum Wandel braucht Visionen“. Nach den Vorträgen von Martin Reichert und Dirk Ludigs werden die von ihnen aufgestellten Thesen zum Teil kontrovers diskutiert. Im Anschluss daran sind die Diskussionsteilnehmer aufgefordert, ihre persönlichen Ergebnisse aus dem ersten Tagesabschnitt aufzuschreiben und an die Wand zu pinnen. Und eben dieser Satz sticht heraus.

Output

Ein Wort, das schon in beiden Vorträgen auftaucht und auch im Laufe der anschließenden Diskussion immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen genannt wird, ist „Schutzraum“.

Schwule suchen sich Orte, an denen sie sein können, wie sie wirklich sind. Ihre Sexualität, ihr Sein ausleben können, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie sie damit bei den anderen Anwesenden ankommen. Doch, da sind sich alle einig, es wird schwieriger solche bedingungslosen Schutzräume zu finden, auch innerhalb der Szene, ganz besonders aber fernab von großen Ballungsräumen. Berlin, von Reichert und Ludigs gleichermaßen als Beispiel angefügt, bietet für die doch zum Teil sehr unterschiedlichen Menschen der Schwulenszene viele solcher Schutzräume. Es gibt Läden, in denen jeder grundsätzlich willkommen ist, ganz gleich wie verschieden zu allen anderen er ist. Und es gibt auch für nahezu alle unterschiedlichen Arten von Menschen, die schwul sind, unterschiedliche, eigene Bezugspunkte. Kneipen, Clubs und – wie sollte es anders sein, Keller. Aber schon einer der ersten Kommentatoren macht einen großen Unterschied aus zwischen Berlin und anderen Orten der Republik. Schon in Köln ist das Angebot solcher sehr individuell ausgerichteter Rückzugsorte deutlich geringer als in der Hauptstadt. Andere, kleinere Großstädte können von einem derartigen Vergleich nur träumen. Ganz zu schweigen von den vielen Dörfern in den ländlichen Gegenden Deutschlands. Hier wird die Bedeutung des Ausdrucks „Schutzraum“ wieder sehr viel deutlicher. Wer sich im Alltag doch noch häufig mindestens zu einem gewissen Grade verstellen muss, das Gefühl hat, über seine Orientierung nicht immer und zu jederzeit offen und selbstverständlich reden zu können, der braucht Schutzräume, um er selbst sein zu können. Fast jeder Schwule hat wohl schon erlebt, dass er in einer bestimmten Situation nicht unbedingt verleugnet, aber doch auch nicht offen heraus sagt, dass er schwul ist. Im Büro, beim Stammtisch oder auf der Straße.

Immer öfter und gehäufter gibt es aber auch innerhalb der Szene Situationen, in denen der ein oder andere nicht sein kann oder lieber nicht sein möchte, wie er wirklich ist. Die Diskussionsteilnehmer zählen hierfür Beispiele auf. HIV-positive werden gemieden, nicht nur in der heteronormativen, sondern auch in der schwulen Gesellschaft. „Ich habe ja nichts gegen die, aber…“ ist ein Satz, den jeder Schwule schon gehört hat, aber eben auch von Mitgliedern der Szene. Ähnliches gilt für alte Menschen, die schwul sind. Fast alle von ihnen haben entweder lange Jahre für Rechte gekämpft, die Schwule heute haben, oder erst sehr spät den Mut oder auch die Erkenntnis gefunden, offen schwul sein zu können. Dennoch steht auf gefühlt jedem zweiten Profil der wohl bekanntesten schwulen Kommunikationsplattform so etwas wie „bitte keine Alten“. Gemeint sind damit dann meist Männer ab 40. Georg Roth, in Szenekreisen alles andere als unbekannt und langjähriger Vorreiter im Kampf um die Rechte und Anerkennung von Schwulen in der Gesellschaft, aber auch untereinander, berichtet von Geschehnissen in seinem Arbeitsumfeld beim Beratungszentrum „Rubicon“. Man weiche sich aus, Senioren hätten innerhalb der Szene keinerlei Anbindung, schon gar nicht in der Gesamtgesellschaft. Wenn er so etwas erlebe, sei er „nicht mehr stolz, schwul zu sein!“

Aussagen wie diese sind es, die zeigen, wie sinnvoll eine tiefgehende Auseinandersetzung mit diesem Thema ist. Später wird Georg Roth noch sagen, dass er bis kurz vor der Veranstaltung überlegt habe, ob er überhaupt hingehen solle. Er habe „so etwas“ schließlich schon etliche Male erlebt. Nun sei froh, dabei gewesen zu sein und könne vieles für sich mitnehmen.

Wieviel Vielfalt erträgt die Szene, bevor sie zum Identitätsverlust führt? Auch das ist eine Frage, auf die es natürlich keine abschließende Antwort geben kann. In schwullesbischen Läden geht es allzu oft entweder um schnellen Kontakt oder darum, in der Gruppe in der man hergekommen ist, möglichst nicht von anderen gestört zu werden. Mehr noch, oft sitzen an einem Tisch mehrere, sich untereinander offensichtlich kennende, Mitglieder der „Generation iPhone“ und schweigen sich an. Natürlich nur akustisch. Nicht selten findet die Kommunikation untereinander nur noch virtuell statt. Selbst, wenn man sich direkt gegenüber sitzt. Wenn es nach Martin Reichert geht, gibt es eine ganz einfache Lösung, um dieses Phänomen in Zukunft einzudämmen: „Wir brauchen mehr Taschendiebe in der Szene.“

Auch im akustischen Sinne kommunikativ ist die Mittagspause, die sich an das Aufschreiben und Anpinnen der persönlichen Diskussionsergebnisse anschließt. Ganz ohne Taschendiebe.
Dazu werden die Teilnehmer ins Restaurant des Museums für Angewandte Kunst eingeladen. 25 Schwule jeden Alters marschieren durch den strömenden Regen der Domstadt. Nur während dieser Zeit ebben die Gespräche ein wenig ab, doch kaum angekommen, wird an den vielen Vierertischen, an denen sich die Gruppe niederlässt, weiter diskutiert. Nicht überall ist die Szene im Sinne der bisherigen Gespräche auch das beherrschende Thema. Vielmehr geht es um die Wurst. Und da dieser Samstag auch der Termin des Eurovision Song Contest ist, geht es dabei natürlich nicht um das Essen, das ist vegetarisch und gut, aber eben nicht annähernd so interessant, wie der österreichische Beitrag zum alljährlichen Gesangswettbewerb. Klar, man müsse diesmal auf jeden Fall für die Nachbarn im Süden abstimmen, schon aus Solidarität. Und da ist sie dann wieder, die Szene, mit ihrem Identitäts- und Gemeinschaftsgefühl. Jenem Gefühl das in den vorigen Aussagen so oft als fehlend beklagt wurde.

Gleich nach Spargelquiche oder Gemüsesuppe geht es durch den strömenden Regen zurück zum Ort unserer Veranstaltung, dem EL-DE-Haus. Hier befindet sich das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Die Aidshilfe NRW beschreibt die Entscheidung für dieses Gebäude, das auf den ersten Blick so gar nichts mit dem Thema „Szene“ zu tun haben scheint, wie folgt:
„Das ELDE-Haus als ehemalige Gestapo-Zentrale steht für die Verfolgung der Homosexuellen in Köln. Das Dokumentations_Zentrum leistet heute einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung unserer Verfolgungsgeschichte.“ Die zurzeit dort stattfindende Sonderausstellung zu den Verstrickungen der Kölner Polizei in der NS-Zeit befindet sich im Erdgeschoss. Direkt hinter dem Raum der Sonderausstellung liegt, noch nicht einmal durch eine Tür abgetrennt, findet der Runde Tisch statt. So bekommen alle Teilnehmer auch die Gelegenheit, sich einige Dokumente, Berichte und Bilder anzusehen, die eindrucksvoll und bedrückend zeigen, was ein Grund für die Entstehung der erwähnten Schutzräume ist.

Worldcafé-Themen

Themen des Worldcafé beim Runden Tisch 2014

Diese sind auch im nächsten Programmpunkt wieder eines der Themen. In kleineren Gruppen treffen sich die Experten aus verschiedenen Bereichen der Szene nun im Worldcafé an vier Tischen, wo vier Fragen zu vier unterschiedlichen Themen diskutiert werden. Reihum bespricht, kommentiert und formuliert jede Gruppe Meinungen und Aussagen zu jeder der vorgegebenen Überschriften, die im Anschluss daran von den vier Teilnehmern präsentiert werden, die fest an einem der Tische verbleiben und Gesagtes schriftlich festhalten. Im Prinzip also nur eine andere Form und Fortsetzung dessen, was schon bisher den Tag bestimmt hat.

Hier tritt auch die Aussage aus der Zusammenfassung vom Vormittag wieder in Erscheinung: Mut zum Wandel braucht Visionen. „Was braucht die kommerzielle Szene, um attraktiv zu bleiben?“ „Internet als Szene. Risiko für die Stadt, Chance für das Land?“ „Schwule Vielfalt oder Einheitsbrei? Chancen und Risiken der gesellschaftlichen Integration (und/oder szeneinternen Ausdifferenzierung)“ „Szene 2024 – eine Utopie…“ Dies sind die Themen und Thesen, die im Mittelpunkt stehen, mit zum Teil erneut sehr kontroversem Verlauf. Ob Vision oder Skepsis, bei all diesem hin und her zwischen Solidarität für Wurst, der Suche nach Schutzräumen und Taschendieben, während aller Diskussionen bleibt die Aussage von Georg Roth haften. Und eine ebenfalls diskutierte Frage steht im Raum:

Proud to be gay!? Stolz, schwul zu sein – Warum eigentlich?

Runder Tisch Kreathiv Präventhiv 2014

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