Kein Blogbeitrag über Corona

„Heute schreibe ich mal nichts über Corona!“ Ja, habe ich mir wirklich vorgenommen. Spoiler: Das klappt nicht! Es fällt mir aktuell schwer, über etwas anderes zu schreiben als Corona oder Dinge, die damit zumindest zu tun haben. Und dabei sage ich, wenn Menschen nachfragen – und das tun derzeit sehr viele – dass das Virus, seine Folgen und die aktuellen Maßnahmen mich eigentlich gar nicht so sehr (be-)treffen. Das ist natürlich Unsinn. Es ist völlig unmöglich, nicht davon betroffen zu sein. Das fängt bei Masken zum Einkaufen an und hört bei Einschränkungen der sozialen Kontakte leider noch lange nicht auf.

„Na ja, so schlimm ist es auch nicht.“

Diesen Gedanken hatte ich schon öfter. Mindestens immer dann, wenn mich jemand fragt. Und das meine ich ehrlich. Natürlich ist die Situation momentan seltsam. Es stört mich – massiv – dass ich die meisten Menschen, die ich liebe, nicht in den Arm nehmen, ja, größtenteils seit Monaten nicht einmal sehen kann. Und ich leide mit denen, die vielleicht stärker oder zumindest offensichtlicher darunter leiden als ich.

Und trotzdem ist da immer dieses „Es könnte schlimmer sein“. Vielleicht, weil ich wirklich doch inzwischen schon so einiges erlebt habe. Oder vielleicht auch, weil ich das Glück habe, noch keinen mir nahe stehenden Menschen an das Virus oder seine Folgen verloren zu haben. Möglicherweise habe ich auch einfach genug andere Probleme, um mich von so ein paar Ausgangsbeschränkungen ernsthaft stören zu lassen. Die Wahrheit enthält wahrscheinlich ein wenig von allem davon.

Corona 2020 – Ich war dabei!

Schon vor einigen Wochen merkte ich an, dass wir gerade eine Phase erleben, die später Teil des Geschichtsunterrichts sein wird. (Gehen wir einfach mal davon aus, dass wir zumindest vernünftig genug sind, um nicht auszusterben.) Und die Geschichten, die Arten, von der Situation beeinflusst zu sein und mit ihr umzugehen werden so individuell sein, wie die Menschen, die sie erleben. Und doch sträubt sich in mir etwas dagegen, mich und mein Verhalten von Corona allzu sehr definieren zu lassen.

Schon möglich, dass auch das einer der Gründe dafür ist, dass ich (mir und anderen) so voller Überzeugung versichere, gar nicht so sehr von der Situation betroffen zu sein. Ich kann die Dinge in meinem Leben, die auch abgesehen von Corona weiter existieren, eben nicht einfach anhalten – auch wenn man das angesichts von Ausdrücken wie „Lockdown“ und „Social Distancing“ denken könnte. Als ich letzte Woche auf Twitter nach dem (Un-)Wort des Jahres fragte, las ich eine schöne Aussage zu letzterem:

Corona-Krise – das Wort des Jahres?

Meine Prognose ist ja, dass sich „Corona-Krise“ und „Lockdown“ beim Kampf um das Wort des Jahres womöglich der „Lockerungsdiskussionsorgie“ geschlagen geben müssen. Eine der großen Philosophinnen unserer Zeit wird jedenfalls ganz sicher in die Geschichte eingehen, nicht nur, aber auch wegen ihres Umgangs mit der Pandemie. Und vielleicht eben auch weil sie wieder einmal einen Ausdruck prägt, der den Zeitgeist in unserer Gesellschaft auf den Punkt bringt.

Aber auch abgesehen von solch geschichtsträchtigen Ausdrücken und Ereignissen passiert eben doch vieles im Leben eines Menschen. Natürlich wirkt sich Corona auf die Zukunft und die Pläne aus, die man im Leben hat. Auf meine genauso wie auf die anderer Menschen. Dafür ist ganz egal, ob ich jetzt empfinde (oder nur behaupte), dass sich mein Alltag eigentlich gar nicht so sehr verändert. Die Welt dreht sich weiter (3 Euro ins Phrasenschwein) und sie verändert sich, ob wir wollen oder nicht. Und trotzdem fühle ich mich mit zunehmender Dauer der Pandemie und ihrer Auswirkungen sicherer in meinem Gefühl, meiner Einstellung dazu. (Das war vor nicht allzu langer Zeit noch ganz anders.)

„Das Leben ist lang!“

Mit dieser Aussage gaben meine Großeltern mir vor ein paar Wochen (nicht zum ersten Mal) den Rat, Entscheidungen gut zu überdenken und Pläne langfristig anzulegen (und umzusetzen). „Triff keine grundlegenden Entscheidungen während der Krise!“ lautete ein anderer Ratschlag, aus einer anderen Richtung. Beiden würde ich einerseits zustimmen. Andererseits – wenn nicht in der Krise, wann dann? Wer weiß schon, wie lange die Situation noch anders bleibt, als wir das vor dem Ausbruch von Corona gewohnt waren? Wie können wir wissen, ob sie überhaupt jemals wieder so wird? Inzwischen bin ich für meinen Teil sogar sicher, dass das ganz sicher nicht passieren wird.

Und ich merke, dass ich mich vielleicht doch mehr hinter der allgemeinen Situation versteckt habe, als ich gern zugeben möchte. Vieles, das ich nicht (mehr) mache, kann ich sehr gut auf die Vorschriften und Empfehlungen schieben. Damit mache ich es mir aber wohl auch ein bisschen zu einfach. Denn dann beeinflusst Corona mein Leben eben doch mehr als ich immer behaupte. Natürlich beachte ich die angebrachten Hygienemaßnahmen. Der Einsatz von gesundem Menschenverstand soll ebenfalls durchaus nützlich sein. Genau dieser sagt mir aber auch, dass ich abgesehen davon eben weitermachen muss. Meine Pläne umsetzen, sie kritisch hinterfragen, mich kritisch hinterfragen und gegebenenfalls eben Korrekturen vornehmen. Mein Leben leben. Corona hin oder her.

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