ICE 947 Köln – Berlin

ICE 947 Köln-Berlin

ICE 947* Köln-Berlin erhält planmäßig Einfahrt auf Gleis 4. Abfahrt 19:26 Uhr.

Da fährt man zum zweiten Mal in seinem Leben ICE und es ist wieder ein alter – kann ja nicht wahr sein! Der vorherige Zug am selben Bahnsteig war noch so ein schöner, moderner, windschnittiger! Und dabei fuhr der nach Amsterdam. Das ist immerhin in Holland! Aber die erste Enttäuschung verfliegt schnell. Zum einen der Vorfreude wegen, aber auch weil alles schön eingerichtet ist: vornehmes Dunkelblau mit kleinen hellen Karos – nicht wie dieser Regionalbahn- Wohnkaufhaus-Stil, den man sonst so kennt von Fahrten zwischen Dellbrück und Lindweiler, Langerwehe und Buchforst. Schöne, große Tische in einem schönen Holzton, dunkler Teppichboden, alles tip-top-sauber, dazu kaum ein Fahrtgeräusch. Ja, dass wird wohl gehen für den Start in mein nächstes großes Abenteuer.
Nach Eschweiler, Aachen, Mönchengladbach und Köln nun also Berlin. Liest sich ganz gut, die Chronologie. Nur nicht darüber nachdenken, was da als nächstes kommen könnte…

Am Ende der Welt

Dafür bleibt auch gar keine Zeit, es droht das nächste Ärgernis. Denn, wer sich auskennt in der Kartographie deutscher Bahnstrecken, der weiß, dass der liebe Gott Dr. Rüdiger Grube den Weg von Köln nach Berlin mit einigen Zwischenhalten Schandflecken belegt hat. Den ersten erreiche ich ausgerechnet, als die Sonne untergeht. Sonnenuntergänge aus einem fahrenden Zug zu betrachten ist eine Freude und gehört für mich zu den schönsten Begleiterscheinungen von Fernreisen mit der Bahn. Aber bitte nicht über Düsseldorf!

Kurz vor dem ortsansässigen Flughafen (ja, das hier ist wirklich ein ICE, der zweimal (!) in demselben (!!) Dorf (!!!) anhält!) bittet mich auch noch der Zugbegleiter, ein Herr DB (steht auf dem Hemd, frage mich aber schon auch, was das für ein Name sein soll), um die Fahrkarte. Konnte das nicht bis Duisburg** warten? Oder noch besser, Bielefeld**, also, gar nicht erst passieren!? Schließlich bin ich erfahrener und routinierter Bahnreisender, aber doch meistens nicht mit ICE. Und schon gar nicht mit derartig weitreichender Zukunftsplanung im Gepäck. Und außerdem ist es mein Erstlingswerk, was selbstausgedruckte Online-Tickets betrifft. Da oute ich mich gern als bekennenden Anhänger des Fahrkartenautomaten – zumindest bis dato. Denn, welch Wunder, trotz Düsseldorf, Herr DB ist zufrieden mit meinem Ticket und stanzt den unauslöschlichen Beweis meiner Reise auf das Papier: Ich fahre also wirklich nach Berlin!

Bahnhofstourismus

Neben den Sonnenuntergängen ist ein weiteres Lieblingshobby von mir auf Bahnreisen der Bahnhofstourismus. Damit meine ich weder das Shoppen in den Bahnhofsgalerien der Republik, noch albernes Angaffen der Einheimischen (zugegeben, diese muten durchaus manchmal etwas merkwürdig an, wie schon erwähnt führt mich diese Fahrt immerhin auch durch Düsseldorf und Bielefeld!) Mir macht es Spaß, mir die Bahnhöfe auf den unterschiedlichen Strecken anzusehen und auch, wie sie beschaffen sind (z.B. mitten in der Stadt, wie in Köln, besonders bunt und asymmetrisch wie in Uelzen oder Kopfbahnhöfe wie Stuttg… ach nein, der ja nicht mehr…!)

Dabei hat jeder Bahnhof seine Besonderheiten, die mir ins Auge fallen. Na ja, gut, natürlich vor allem bei Tageslicht. Neonbeleuchtete Beton-Bahnsteige, auf denen das Grau der Dachkonstruktionen perfekt mit dem der Wagenstandsanzeiger harmoniert, das sich seinerseits hervorragend mit dem Farbton der Sitzgelegenheiten ergänzt, sehen dann doch eher sehr gleich aus, vor allem im Dunkeln. Na ja, gut, außer im Ruhrgebiet. Da spielt der Lichteinfall nur eine sehr begrenzte Rolle für die Wahrnehmung des Bahnhofstouristen. Ganz egal ob tags oder nachts, wesentlichstes Unterscheidungsmerkmal der Bahnsteige in Essen, Bochum, Duisburg, Dortmund und Castrop-Rauxel (nein, da halte ich erstaunlicherweise heute nicht – bis jetzt zumindest) sind die Buchstaben, die in weiß auf blauen, vom Dach hängenden Schildern geschrieben stehen und dem Reisenden anzeigen, in welchem Bahnhof er gerade hält. Und dem Bahnhofstouristen, welcher weitere Ruhrgebietsstadt er seiner imaginären Liste der langweiligsten und anti-individuellsten Bahnhöfe Deutschlands hinzufügen kann. Nun gut, auch das könnte ja irgendjemandes Hobby sein…

Aber, damit hier kein falscher Eindruck entsteht – die Stimmung ist gut, ich bin etwas müde von den anstrengenden letzten Tagen in NRW, aber glücklich und fröhlich und blicke sehr positiv auf die Zeiten und Herausforderungen, die vor mir liegen – wenn schon nicht auf die vorbeiziehenden Bahnhöfe!

Aufbruchstimmung

Aber man muss das positiv sehen: Ich habe Zeit zu schreiben und bei einem leckeren Kaffee mit einem ordentlichen Schuss Karamell meine ersten Eindrücke auf diesem neuen Teil meines Weges zu schildern. Außerdem ist der Zug pünktlich, wie vor dem Eintreffen in jedem nächsten Bahnhof immer wieder aufs Neue bekräftigt wird. („Wir erreichen alle geplanten Anschlusszüge!“ – Wir? Seltsam! Und dabei wollte ich doch mit diesem Zug durchfahren!) Kein Wunder, in diesen blühenden Oasen von Bahnhöfen will vermutlich auch der Zugführer nicht länger bleiben als unbedingt nötig!

Nebenbei trudeln immer wieder SMS und Nachrichten auf meinem Handy ein. Alle sehr positiv und zuversichtlich, einige überraschen mich sehr, und meine Laune steigt weiter. Bisher fühle ich mich bestätigt in meiner Entscheidung, Köln, zumindest für eine Weile, zu verlassen. Durch viel Zustimmung, Zuspruch und Unterstützung, die schon in den letzten Wochen überwiegend größer und überzeugender wurden. Und eben auch gerade jetzt im Zug zwischen Köln und nirgendwo, beim Antritt meiner Reise in die Zukunft durch diese kleinen Gesten und Wünsche, die mir zeigen, dass man und wer so alles an mich denkt und dadurch Teil meiner Reise wird und mich begleitet.
Ich danke euch allen dafür, weil ihr vielleicht gar keine Ahnung habt, wie viel mir so ein kleiner Beitrag bedeutet, und ihn trotzdem leistet!

Als Kölner nach Berlin

Jetzt ist mein Kaffeebecher leer, aber wie gerufen kommt nun ein Mann, der der Bruder oder Schwager des Zugbegleiters von eben sein muss (er trägt denselben Namen, „DB“, am Hemd) durch das Abteil und fragt mich nach meinem Getränkewunsch. Leider hat er nur Softdrinks und Wasser bei sich, verspricht aber, gleich mit einem Kaffee für mich zurückzukehren.
Das ist auch nötig, langsam fällt die Anspannung der letzten Wochen und vor allem Tage von mir ab und ich merke, wie müder werde. Ein paar Rätsel aus meinem Quiz- und Rätselbuch über Köln sollen mich wach halten. Ich freue mich über die gute Idee, das Buch ins „Handgepäck“, meinen Rucksack, zu packen.

Wehmut oder gar Sehnsucht schwingt jedoch bisher nicht mit. Nach wie vor fühle ich mich als Kölner, der nach Berlin fährt. Ob sich das ändern wird, werden die nächsten Wochen und Monate, wahrscheinlich Jahre zeigen. Ich muss schon zugeben, dass ich neugierig bin, ob, und eigentlich eher wann auch mich dieses vielzitierte „Heimweh nach Köln“ erwischt, von dem schon der ein oder andere meiner Vorgänger betroffen war, die auszogen und ihrem Ferndrang nachgaben und die, auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlicher Größe, Vorbilder für mich bei diesem Abenteuer sind. Bislang sind sie alle, früher oder später, nach Köln zurück gekehrt, ganz gleich ob sie dies nun von Beginn an geplant oder zumindest im Auge behalten oder eigentlich kategorisch ausgeschlossen hatten.
Wie gesagt, momentan bin ich ein Kölner auf dem Weg nach Berlin. Schauen wir, was daraus, was aus mir wird.

Was haben Kaffee und Bielefeld gemeinsam?

Inzwischen eine gute halbe Stunde nach meiner Begegnung mit dem Herrn, der mir so fürsorglich Getränke anbot, erreichen wir – angeblich – Bielefeld. Irgendwas scheint wohl doch dran zu sein an dem Gerücht, dass es gar nicht existiert. Endlich schafft es nämlich diese Reisegruppe, ihrem Ruf gerecht zu werden. Die Einfahrt in den Hauptbahnhof erfolgt mit 5-minütiger Verspätung. Vermutlich mussten sie ihn erst suchen. Ebenfalls nicht existent sind auch weiterhin der nette Herr vom Getränkeservice und mein Kaffee. Muss wohl an Bielefeld liegen! Nein, irgendwas stimmt da wirklich nicht.
Kurz nach der Abfahrt aus Bielefeld kündigt die, nun weibliche, Stimme aus dem Durchsagenlautsprecher die Ankunft in Hannover für voraussichtlich 22:33 Uhr an. Das bedeutet nun mehr als 30 Minuten Fahrt, ohne Zwischenstopp, Durchschnittsgeschwindigkeit 110 km/h, Grenzüberschreitung nach Niedersachsen inklusive. Zeit, die Vorfreude auf den großen, hellen Bahnhof der Expo-Stadt zu schüren und zu genießen.

Wäre da nicht die Person zu der neuen Lautsprecherdurchsagenstimme. Eine neue Zugbleiterin (ihr ahnt wie sie heißt, muss ein Familienbetrieb sein!) bittet höflich auch alle „nicht-zugestiegenen Fahrgäste“ nochmal die Fahrausweise vorzuzeigen. Und schon ziert ein zweiter Stempelabdruck mein Blatt Papier. „Des Zählens wegen“. Mal sehen wie viele das heute noch werden.
Der Bruder/ Schwager/ Ehegatte/ Kollege „DB“ lässt weiter auf sich warten. Womöglich erscheint er gleich wieder mit seinen Softdrinks und versucht, mir mit der Erklärung, der Kaffee sei auf dem langen Weg durch die zahllosen Wagen des Zuges leider etwas abgekühlt, eine eiskalte Coke anzubieten. Inzwischen hätte ich nicht mal dagegen was. Meine mitgebrachten Ventaglini schmecken eigentlich nur in Verbindung mit Flüssigbeilage richtig gut und Koffein enthält Cola ja bekanntermaßen auch genug.
Wenns richtig gut läuft, schlafe ich letzten Endes doch ein und verpasse Herrn DB, weil dieser die Freundlichkeit besitzt, mich nicht zu wecken…

Schlaflos in Niedersachsen

Aber meine Befürchtungen sind unbegründet. Ein in Bielefeld zugestiegener Fahrgast benötigt nach dem Vorzeigen seines Tickets keine 10 Minuten um die Musik seines Labtops über seine Kopfhörer so laut einzustellen, dass ich mitsingen könnte. Hätte es denn einen Text! Das schaffen meine Kopfhörer nicht mal, wenn ich es will! Fahrstuhlmusik ist nichts dagegen. Aber an Schlafen ist nicht zu denken! Dafür entdecke ich, dass sein Computer an eine Steckdose zwischen den Sitzen angeschlossen ist. Im Schnellverfahren ist auch mein Asus angeschlossen – ein fehlender Akku stört schließlich nicht, wenn Strom fließt – und schon bereichert Chester Bennington meine Fahrt musikalisch mit seiner Stimme und hebt meine Laune weiter an.
Nebeneinander sitzend, die Köpfe im Takt unserer Musik wippend, asynchron versteht sich, erreichen wir jetzt Hannover. Wir grinsen uns zu. So kann die Reise weitergehen. Wer wird denn da müde werden?

Hannovers Hauptbahnhof, mit seinen vielen Glaswänden an den Auf- und Abgängen weckt Erinnerungen und Gedanken. Es ist nun immerhin etwa fünf Jahre her, dass ich zuletzt hier war. Ich denke an bestimmte Menschen und als wir aus dem Bahnhof ausfahren, wählt der Zufallsgenerator meines Musikplayers den nächsten Song und Gregor Meyle singt das Lied, das ich zum Soundtrack dieses Tages mache.
Nächster Halt: Wolfsburg Hbf, voraussichtlich 23:07 Uhr. Mit über 150 km/h der Zukunft entgegen.

SOUNDTRACK DES TAGES

Die Musik (auf Gregor Meyle folgen Rihanna, Maroon 5 und Train) setzt dem Tag die Krone auf. Meine Mitreisenden könnten sich fragen, was ich eingeworfen habe, oder wer mir über die Kopfhörer Witze erzählt, so breit ist mein strahlendes Lächeln, das ich beim Blick ins Fenster (aus dem Fenster sehen ist bei diesem Tempo und Dunkelheit nur Makulatur) selbst sehe – und mich prompt noch breiter grinsen lässt. Ich stehe mehrmals kurz davor an meinem Platz sitzend zur Musik zu „tanzen“ während unsere Reisegesellschaft kurz davor ist, die große Autostadt Niedersachsens zu erreichen.

Wolfsburg ist die einzige Station auf dieser Fahrt, die ich zuvor noch nicht besucht habe und ich bin neugierig  – und ebenso ernüchtert bei der Einfahrt in den, nun ja, Hauptbahnhof. Mehrere Bahnsteige mit dem Flair des Dürener Haltepunkts und der Modernität der S-Bahn-Station in Buchforst präsentieren sich mir. Aber man hat es mal gesehen.

Es wird ernst.

Da der Zugführer bemüht scheint, die fünf Minuten bis zum nächsten Halt in der Bundeshauptstadt (Spandau, voraussichtlich 0:01 Uhr, nur noch 3 Minuten verspätet) zumindest zu verringern, geht es aber schnell weiter. In mir steigen Aufregung, Nervosität und und Anspannung gleichermaßen. Ein Gefühlscocktail, der eine insgesamt positive Symbiose bildet. Meine Emotionen spitzen sich, wie auch der Countdown vor dem Höhepunkt, dem Ziel dieser Bahnfahrt weiter zu und ich bin jetzt froh, dass der DB-Kaffee Bielefeld wohl nicht heil überstanden hat.

Das haben meine Hände diese Fahrt und das ganze Schildern meiner Eindrücke übrigens auch nicht. Alles voller Tintenkleckse, Druckstellen, erste Verkrampfungserscheinungen, eher wie Erstklässer bei seinen ersten Schreibversuchen, als ein baldiger Erstsemester. Wird Zeit, dass ich wieder in den Rhythmus komme. Denn trotz aller damit verbundenen Unannehmlichkeiten, ich genieße genau diese Begleiterscheinung des Schreibens. Auch das hatte ich vermisst.

Ein neues Kapitel

Während ich genau diese Gedanken verfolge und fest halte, beschleunigt der ICE 947 ein letztes Mal auf über 250 km/h und rast auf die sich schnell nähernden Lichter der Metropole zu. Ich bin also fast da, wird mir bewusst. Der Zufallsgenerator meint es wohl gut mit mir heute, denn als in diesem Moment mein Herz einen kleinen Freudensprung macht, nachdem es zunächst einen Schlag ausgesetzt hatte, dringt Olly Murs mit „My heart skips a beat“ in meine Ohren.

Den Song noch in Ruhe zuende hören und dann heißt es zusammenpacken, nochmal tief durchatmen und raus aus dem Zug. Zwei Stempel sind es geblieben. Dann stehe ich stilecht völlig albern im Ampelmännchen-Shirt zum ersten Mal im tiefen Teil des Berliner Hauptbahnhofs.
Ampelmännchen-Shirt, Vorder- und Rückseite
Dort treffe ich jemanden, der durch seine Hilfe großen Anteil daran hat, dass diese Reise überhaupt möglich wurde.
Aber das ist eine andere Geschichte…

>> Es gibt niemand, der dein Leben für dich lebt <<

Gregor Meyle

* Nummer? Hatten die nicht mal berühmte Namen? ICE „Joachim Löw“, oder wenigstens „Wilhelm Conrad Röntgen“?
** Ihr seht, die vor mir liegenden Stationen, halten, was ich versprochen angedroht habe!

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