Flucht in den Dschungel

flourish103/ Januar 13, 2016/ Aktuell, Medien, Meine Meinung!, Social Media/ 0Kommentare

Also ich schau ab Freitag das Dschungelcamp, und ihr so? Nicht wenige dürften diese Frage kennen und ebenso viele dürften die gleiche eindeutige Antwort darauf haben. Völlig egal, was sonst noch so passiert: Dschungel ist Pflicht!

Seit Jahren ist die Reality-Promi-Aufgaben-Ekel-Show aus dem australischen Dschungel Publikumsmagnet und Quotengarant für RTL. Ich bin ein Star, holt mich hier raus! feiert 2016 sogar die Jubiläumsstaffel beim Privatsender aus Köln. Köln? Da war doch was! In der Silvesternacht spielen sich in Deutschland lange für unmöglich gehaltene Szenen in Deutschland ab. Und auch danach geht es unmöglich, unglaublich und unwürdig weiter. Nur wenige Tage später ist der Tod von David Bowie das wichtigste Thema, dann wieder der Anschlag in Istanbul. (Ach ja, die vielleicht lächerlichsten Golden Globes aller Zeiten gab es auch noch!) Aus ganz unterschiedlichen Gründen sind alle diese Ereignisse für die ganze Welt von Bedeutung. Und sie zeigen auch die Schnelllebigkeit der (Medien-)Gesellschaft eindeutig und eindrucksvoll.

Um nicht zu sagen beängstigend. Denn ich erinnere mich sehr gern an eine Zeit meines Lebens zurück, in der ich mehr als ein paar Stunden Zeit hatte, mich auf ein Ereignis, ein einschneidendes Erlebnis, eine Trauer oder Freude zu konzentrieren.
Längst sind nicht mehr nur Medienmenschen gezwungen, in Echtzeit (mancher würde sagen, sogar noch schneller) auf alles zu reagieren, eine Meinung zu haben und mitreden zu können. Wer etwas erst zwei Stunden oder gar Tage später mitbekommt als andere, hat es gar nicht erlebt. (Es grenzt an ein Wunder, dass der große StarWars-Spoileralarm tatsächlich ausgeblieben ist.) Medienschaffende müssen darüber hinaus natürlich die Fähigkeit haben über jedes Ereignis immer neutral und sachlich zu berichten und so weiter. Wehe eine Meldung ist falsch, unvollständig – oder zu spät! Nie zuvor waren Medien so einflussreich und mächtig wie heute. Und schon Spiderman wusste: „Aus großer Macht folgt große Verantwortung!“ Nun ist aber ein einzelner Journalist (hier stellvertrendend für alle Medienschaffenden) nicht „die Medien“. Solange ich arbeite, ist diese Forderung nur sehr schwer zu 100% einzuhalten, aber absolut okay. Aber auch ein Online-Redakteur arbeitet – einem weit verbreiteten Irrglauben zum Trotz – nicht jeden Tag den ganzen Tag.

Ich persönlich habe weder Zeit noch Lust, zu allem immer eine Meinung zu haben und vor allem zu äußern. Und wenn, dann möchte ich – ganz besonders bezogen auf meine Freizeit – immer noch selbst entscheiden dürfen, zu was ich sie äußere, in welchem Umfang und eben auch wann. Weil ich keinen Nachruf auf verstorbene Menschen verfasse, heißt das nicht, sie sind mir egal. Weil ich nicht gegen alle Ausländer hetze, heißt das nicht, dass ich die Handlungen aus der Silversternacht in Köln gutheißen kann. Weil ich nicht gemeinsam mit den vielen Millionen (Möchtegern-)Politikern dem internationalen Terrorismus nun endgültig den Kampf ansage – wieder einmal – heißt das nicht, dass ich ihn unterstütze.
Was ist aus der Idee des Meinungsaustauschs geworden, wenn keine Meinung sofort hinaus zu posaunen automatisch bedeutet, man hat die falsche. Es fängt ja schon damit an, dass man in Sachen Meinung vielleicht unterschiedliche, aber doch niemals die falsche haben kann.

In zwei Tagen ist das ja zum Glück wieder allen egal. Dann reicht es völlig aus, über den knappen Bikini, das übergroße (oder kleine) Gehänge oder die unmögliche Attitüde irgendwelcher Menschen zu debattieren, die ich drei Wochen Stunden vorher nicht mal beachtet hätte, wenn sie in der Bahn direkt neben mir säßen.
Das macht Spaß. Gerade weil es so oberflächlich und banal ist. Man braucht wichtige zeitgeschichtliche Entwicklungen, große politische Debatten und eine öffentlich geführte Diskussion zu weltweit bedeutenden Ereignissen. Und man braucht das Gefühl, sich auch mal eine Weile nur auf ein Thema konzentrieren zu dürfen. Na gut, vielleicht zwei. Man braucht das Dschungelcamp. Und die Australian Open!

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