Flourishing Films 2016

flourish103/ Januar 11, 2017/ #FlourishingFilms, Emotionen, Film, Medien/ 0Kommentare

2016 hat als Jahr nicht auf ganzer Linie versagt. Dennoch war vieles nicht so aufregend, so neu und so beeindruckend, wie ich es aus dem Vorjahr in Erinnerung habe. Das gilt auch für die Filme, die ich aus diesem Jahr in Erinnerung habe. Dennoch bleiben einige mehr im Gedächtnis, als andere. Und wieder schreibe ich bei meiner Tasse Kaffee, auf welche Filme das warum zutrifft. Ganz in Ruhe, Film für Film.

Beitragsbild Flourishing Films 2016Auch in diesem Jahr stimmen einige der Titel, die man hier liest mit den Nominierungen und Auszeichnung von Filmpreisen überein. Wie im letzten Jahr sind es aber meine persönlichen „Flourishing Films“. Der Erfolg eines Films wird meistens an Einspielergebnissen und den Preisen gemessen, die er abräumt. Für den Betrachter aber spielt beides höchstens bei der Entscheidung den Film anzusehen eine Rolle. Wenn ich das erste Bild sehe, geht es um nichts anderes, als den Film und mich. Wenn Millionen Menschen einen Film ansehen, muss ich ihn noch lange nicht mögen. Und umgekehrt kann ein recht unbekannter Film für mich eines der schönsten Erlebnisse des Jahres sein. Die Filme aus dem letzten Jahr, die das geschafft haben, finden sich in dieser Liste, die allerdings nicht als Ranking zu verstehen ist. Und wie der Zufall(?) es will, gehören einige von ihnen dann auch zu den erfolgreichen und besten des Jahres.

Piper

Ganz bewusst steht dieser Film ganz am Anfang meiner Aufzählung. Wer die Kinocharts und Nominierungslisten großer Spielfilme des vergangenen Jahres durchsieht, wird Piper dort kaum finden. Das liegt ganz einfach daran, dass er kein Spielfilm ist.

Mit Piper hat Pixar es nach längerer Zeit mal wieder geschafft, einen Kurzfilm zustande zu bringen, den ich mir richtig gern ansehe. Nachdem Disney’s Animationswerkstatt ja eigentlich genau damit begonnen hat – animierte Kurzfilme zu produzieren – erschuf sie lange Zeit bekannte und beliebte kurze Filme, die vor den eigentlichen Spielfilmen auch in den Kinos liefen. So erfolgreich, dass es sogar eigene DVD-Sammlungen mit den beliebtesten Pixar-Kurzfilmen gibt. Doch in den letzten Jahren überzeugten nicht nur die Spielfilme selbst größtenteils weniger, sondern auch die vorab gesendeten Kurzfilme. Piper ist anders.

Der Film über einen kleinen Wasservogel, der die Welt entdeckt, knüpft da an, wo Pixar bei seinen erfolgreichen Kurzfilmen aufgehört zu haben schien. Die Technik ist überragend. Der Sound fängt alle Geräusche ein, die Strand, Meer und ihre Bewohner von sich geben und das Bild lässt einen vom ersten Moment an in diese Welt eintauchen, wenn sich die kleinen Bläschen auf den Kronen der Wellen ihren Weg über den feinkörnigen Sand ins Bild bahnen. Die Story selbst ist dabei sehr einfach, fast banal und so wenig komplex, wie sie für einen animierten Kurzfilm im Kinovorprogramm sein muss. Aber keineswegs oberflächlich. Piper berührt, nicht zuletzt durch die überzeugende Optik, durch die man die Gefühle der Wasservögel geradezu nachempfinden kann. Die obligatorische Prise Humor, gepaart mit einer bis an die Grenze der Übertreibung gehenden Niedlichkeit der Protagonisten bringt genau das zurück, was die berühmten Pixar-Filme ausmacht. Endlich.

Pipers Geschichte dauert keine fünf Minuten. Diese Zeit reicht aus, um sie für mich persönlich zu einem absoluten Filmhighlight des Jahres zu machen. Und zu einem großen Oscar-Favoriten.

Nachtrag:
| Academy Awards 2017:

Animated Short Film


Findet Dorie

Die langersehnte Fortsetzung von „Findet Nemo“ kam im Sommer 2016 endlich auch in Deutschland in die Kinos. Ganz schön lange nachdem der Film in den USA angelaufen war. Da fragt man sich schon, warum eigentlich. Anders als bei Realfilmen muss ja nicht der Originalton erst noch synchronisiert werden. Andererseits gewinnt die deutsche Fassung auch sehr stark durch ihre grandiose Besetzung. Allen voran Anke Engelke als Dorie ist natürlich ein Genuss. Da spielt es fast keine Rolle, dass die Story mit dem Vorgänger nicht einmal ansatzweise mithalten kann.
Zwar ist die Idee der Familienzusammenführung schon durch den Titel gewissermaßen vorgegeben, doch die Handlungsstränge und -verläufe sind auf der einen Seite oft sehr vorhersehbar und auf der anderen dann doch arg konstruiert. Die Zuschauer haben Glück, dass tolle Sprecher, über den ganzen Film verteilt vorkommende gute Witze und eine atemberaubende technische Umsetzung bei diesem Film im Vordergrund stehen. Denn in Sachen Animation (Bild und Ton) setzt der Film ähnliche Maßstäbe, wie es seinerzeit „Findet Nemo“ schon gelungen ist. Mit den gleich Abstrichen. Die Unterwasserwelten sind täuschend echt, bunt, vielfältig und mit viel Liebe zum Detail animiert. Alles, was sich an Land abspielt, bildet jedoch einen krassen Gegensatz dazu. Dass Menschen nicht realitätsnah animiert werden können, ist spätestens seit Ex Machina (Oscar für Visuelle Effekte) im letzten Jahr nur noch eine schlechte Ausrede. Die Pixar zugegebenermaßen schon seit Toy Story so erfolgreich vorbringt, dass man ihnen diesen Makel auch immer wieder verzeiht. Warum allerdings Fahrzeuge, aber auch insbesondere Vögel und andere Landtiere nicht realitätsnah gehalten sind, erklärt das nicht. Lange zurückliegende Werke wie Die Monster AG oder auch Stuart Little beweisen, dass nicht die fehlenden technischen Möglichkeiten der Grund sein können. Hier hätte dem Film eine Abweichung von alten Mustern (und eben auch von „Findet Nemo“) gut zu Gesicht gestanden.

Nichtsdestotrotz ist Findet Dorie ein liebevoll erzählter Familienfilm, dem es gelingt, seine Stärken so sehr in den Vordergrund zu stellen, dass man über die Schwächen während des Zuschauens hinwegsieht. Ich lache über die Witze der Clownfische, die immer noch herrlich verwirrte Dorie, deren Vergesslichkeit noch viel mehr Situationskomik bringt, als schon im ersten Teil und freue mich über die neuen Figuren, die zu Freunden der altbekannten werden.
Altbekannt ist sowieso das Zauberwort. Findet Dorie ist für mich einfach eine Erinnerung an das Meisterwerk, dass der Vorgänger war. An die Emotionen die ich damit verbinde und diese überwältigenden Eindrücke, die Findet Nemo damals bei mir hinterlassen hat und die bis heute anhalten. Ich freue mich einfach, wieder in diese Welt (im wahrsten Sinne) einzutauchen und die vertrauten Figuren, Bilder und eben auch Ereignisse zu sehen. Das alles ist so präsent und so konsequent umgesetzt, wer achtet da schon groß auf die Story?

Aber ob das für einen Oscar reicht? Abwarten. Sequels haben es in dieser Kategorie traditionell schwer und die Konkurrenz ist in diesem Jahr stark, wie schon lange nicht mehr. In der Gunst der Kinobesucher landeten zumindest in Deutschland gleich drei tierische Animationsfilme ganz vorne. Dabei liefen Findet Dorie (Platz 3) Pets (2) und mit Zoomania sogar ein Film aus dem eigenen Haus den Rang ab. Die technische Umsetzung der animierten Unterwasserwelt allein dürfte wohl auch zu wenig sein, um die Akademie zu überzeugen.


Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Die meisten Kinobesucher in Deutschland wollten 2016 diesen Film sehen – Animationsfilme ausgenommen. Das ist vor allem deshalb beachtlich, weil er erst zum Ende des Jahres anlief. Kaum ein Film wurde 2016 von den Fans so sehnsüchtig erwartet, wie dieser. Das gilt auch für mich, wenn auch die Gründe unterschiedlich sein mögen. Aber beginnen wir von vorn.
Der Titel des Films, den Potter-Fans natürlich schon seit ewigen Zeiten durch das gleichnamige Schulbuch in Hogwarts kennen, hat nur bedingt mit seiner Handlung zu tun. Im Vordergrund der Geschichte des Drehbuch-Debüts von Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling steht der Autor des Buches, Newt Scamander, gespielt von Eddie Redmayne. Womit wir bei dem Grund für mein sehnsüchtiges Erwarten des Films angelangt werden. Ja, das Potter-Universum ist wie eine Art Zuhause für mich und ich war gespannt, wie dieser neue, bisher nicht als Buch erschienene Teil dieser Welt zu meiner Vorstellung davon passen würde. But I f…ing love Eddie Redmayne. Es ist völlig egal, was er spielt und ob die Handlung rund um seine Rolle überhaupt einen künstlerisch wertvollen Film hergibt. Was er vor der Kamera macht, ist einfach großartig. Es gibt Sequenzen in diesem Film, in denen er sekundenlang in Großaufnahme zentral zu sehen ist und langsam, fast wie in Zeitlupe das Gesicht verzieht, bis man ihn sieht, diesen für ihn typischen, fast schon magischen Ausdruck. Jeder seiner Rollen gibt er seine ganz persönliche Note. Man sieht immer Eddie Redmayne und doch seine Rolle. Er verleiht der Figur im Film einen Teil von sich selbst, ohne ihr dadurch die eigene Persönlichkeit zu nehmen. Und so hat Newt Scamander absolut nichts von Redmaynes früheren Rollen, aber dennoch diese ihm so eigene, magische Ausstrahlung. Wie passend für diesen Film. Für mich könnte der FIlm aus zweieinhalb Stunden dieser Sequenzen bestehen, ohne an Spannung und Qualität zu verlieren.

Nun zu sagen, dass das sehr viel über die restlichen Bestandteile des Films aussagt, wird ihm aber nicht gerecht. Die animierten Sequenzen erinnern stilistisch sehr stark an die neuesten Potter-Filme, etwa die Optik des Hauptquartiers des MACUSA (Magischer Kongress der USA) oder auch die visuellen Effekte beim finalen Showdown. Ob man das nun eher gut oder schlecht finden mag, sei dahingestellt, auf alle Fälle ist es konsequent. Auch in Sachen Kostüme und Ausstattung gehen die Macher keine Risiken ein und vertrauen auf die altbekannte Optik. Für alle Fans ein absolutes Plus.
Doch Magische Tierwesen ist eben mehr als nur ein einfaches Prequel der Potter-Filme. Es beginnt schon damit, das die Hauptfiguren von Anfang an Erwachsen sind. Erwachsene Menschen, wohlgemerkt. Zwar spielen die Tierwesen, die Newt Scamander in seinem Koffer beherbergt eine große Rolle, aber sie begleiten die hauptsächliche Handlung mehr, als in ihrem Mittelpunkt zu stehen. Diese kann gegenüber den Potter-Filmen aber sogar punkten. Es ist ein großer Vorteil, dass das Buch für den Film geschrieben wurde und dementsprechend keine Handlungsstränge vereinfacht oder weggelassen werden mussten. Das mag durchaus auch daran liegen, dass ich als Leser der Bücher mit anderen Augen auf die Filme schaue, aber für mich ist Fantastische Tierwesen dadurch ein besserer Film, als es alle Potters waren.

Zugegeben, mein Blick mag etwas getrübt sein durch meine Bewunderung für den Hauptdarsteller. Denn natürlich bietet dieser Film nicht die geringste Grundlage für eine oscarreife Darbietung. Doch als Newt Scamander in einer bedrohlichen Situation gezwungen ist, das Paarungsritual eines Erumpents zu imitieren, bricht das ganze schauspielerische Vermögen von Eddie Redmayne durch. Sich nicht zu schade zu sein, sich vor einem Millionenpublikum absolut lächerlich zu machen und dabei dennoch vollkommen überzeugt und überzeugend in seiner Rolle zu bleiben zeigt selbst in diesem Film, warum dieser Mann Oscarpreisträger ist.
Ich freue mich auf die Fortsetzung der Abenteuer von Newt Scamander. Und vielleicht finden wir dann ja doch auch noch raus, wo seine fantastischen Tierwesen zu finden sind.

Nachtrag:
| Academy Awards 2017:

Costume Design
Production Design (Nom.)


The Danish Girl

Und gleich noch einmal Eddie Redmayne! Nicht nur sein Spiel, sondern auch die Wahl seiner Rollen und Filme trifft einfach meinen Nerv. Dass die transsexuelle Künstlerin Lili Elbe nichts mit seinen sonstigen Rollen zu tun hat, ist schon allein durch das Geschlecht eindeutig. Redmayne gelingt es aber sogar, als Frau seine typische Art beizubehalten und dennoch überzeugend zu spielen. Übertroffen wird er in The Danish Girl dabei nur von seiner Partnerin Alicia Vikander (Oscar), die seine Frau Gerda spielt.
Paradoxerweise wird Alicia Vikander für ihre unterstützende Darstellung ausgezeichnet. Sie unterstützt diesen Film nicht, sie trägt ihn. Die Verwandlung, die der Mann Einar bis zur Frau Lili durchmacht, ist eben auch die Verwandlung seiner Frau und treuen Weggefährtin Gerda. Nicht wenige sagen, dass sie die eigentliche Titelfigur des Films ist. Denn nur einmal kommt der Ausdruck „dänisches Mädchen“ also Danish Girl überhaupt im Film vor – und dann ist Gerda gemeint. Überhaupt lässt der Film viele Fragen offen, anstatt sie zu beantworten. Er ist zauberhaftes und bildschönes Hollywood-Märchenkino und vollkommen verstörendes, irritierendes Drama in einem. Das Thema, die erste Geschlechtsangleichung vom Mann zur Frau, ist einerseits so wichtig und dankbar, dass ein großes Publikum dem Film so gut wie sicher ist. Andererseits ist es auch sehr undankbar, weil es in seiner Komplexität, nicht nur was die direkt betroffenen, sondern auch das gesamte Umfeld angeht, gar nicht ausreichend beleuchtet werden kann. Nicht einmal im Ansatz. Es gibt Kritiker, die den mangelnden Tiefgang dieses Films bemerkt haben wollen, die sich nur auf die Farbgebung, die Landschaft, Kostüme und womöglich das Spiel der beiden virtuosen Hauptdarsteller konzentrieren, die den Film weit oberflächlicher bleiben lassen, als es bei diesem Thema nötig wäre. Doch dieser Film hat Tiefgang. Die Stimmung, die nicht nur Redmayne, sondern die gesamte Kulisse des Dänemarks (und später Frankreichs) der zwanziger Jahre ausstrahlt, packt mich vom ersten Moment an. Dieses Drama ist nicht nur tragisch und traurig. Es vermittelt die schöne Seite daran, sich selbst zu entdecken – und zu befreien. Es ist nicht schwer, sondern unmöglich für jemanden, der nicht selbst in einer solchen Situation ist oder war, die Gefühle in diesen Momenten, in diesem Leben nachzuvollziehen. Mir gefällt, dass der Film das auch erst gar nicht versucht. Es ist die Botschaft, die er vermittelt, die mich so berührt. Das Leben ist schön. Und kann es in jeder Situation, aus jeder noch so komplexen Problemstellung heraus auch immer sein. Für jeden. Wenn man die richtigen Menschen, den Mut und die Liebe hat.
Ist das eine, zuweilen übertrieben, kitschige und nicht unbedingt realistische Sicht auf sensibles Terrain, wie man es aus Hollywood gewohnt ist? Vielleicht auch ein wenig beschönigend, wenig kritisch die guten Seiten der Thematik in den Vordergrund stellend. Ganz klar, ja. Aber was ist denn eigentlich falsch daran?

| Academy Awards 2016:
Actress in a Supporting Role
Actor in a Leading Role (Nom.), Costume Design (Nom.), Production Design (Nom.), Original Score (Nom.)


The Revenant – Der Rückkehrer

Das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bleibt in Sachen Filmen das Zeitalter der Biographien. Schon wieder sind mehrere Darsteller aus Biographien nominiert, schon wieder wird ein Schauspieler für seine Darstellung einer historischen, realen Person ausgezeichnet. Das besondere ist, welcher es ist.
Leonardo di Caprio gewinnt im gefühlt hundertsten Anlauf endlich seinen Oscar. Dass er, bei seinem ganzen schauspielerischen Schaffen wohl früher oder später einen verdient hat, darüber lässt sich kaum streiten. Bemerkenswert finde ich, dass er ihn ausgerechnet für diese Leistung erhält. The Revenant ist ganz sicher sein bester Film, aber auch seine beste Performance? Auch DiCaprio hat, wie viele Oscarpreisträger eine ihm so eigene Art Rollen zu spielen, die sich in jeder seiner Figuren entdecken lässt. Eine charmante Arroganz, symbolisiert von einem leicht schiefen, angedeuteten Lächeln, ist sein Markenzeichen. Und genau diese fehlt in The Revenant völlig. Es gelingt DiCaprio in diesem Film so zu spielen, dass ich vergesse, dass er DiCaprio ist. Allein dafür kann man seinen Oscar durchaus als verdient bezeichnen.

Sicher hilft ihm aber, dass der Film an sich auch nicht ganz schlecht ist. Zum zweiten Mal in Folge gewinnt das Team um Alejandro Inarritu mehrere wichtige Oscars, unter anderem wie schon bei Birdman für Regie und Kamera. Auch der Cast spielt authentisch und bewegend, DiCaprios Gegenspieler Tom Hardy ist ebenfalls für den Award nominiert. Der Film, der nicht vor Kulissen, sondern tatsächlich draußen in der Wildnis gedreht wurde, wird durch die Bilder und ihre Anordnung zu einem beeindruckenden Erlebnis. Für diese Art Filme wurden Kinos gemacht. Der Sound, die Bilder, die Musik – die Gesamtkomposition von The Revenant lässt den Zuschauer vor dem Bildschirm wörtlich mitfrieren. Und The Revenant ist lang, vielleicht ein bisschen zu lang. Doch viele langsame Schnitte und Kameraschwenks über unendlich scheinende Weiten weißer Einöde sind eben auch Teil des Stils, der mich so einpackt und mitten in die eiskalten Wälder stellt. Langatmigkeit als Stilmittel – das funktioniert. Es ist nicht einfach, diesen Film ein weiteres Mal sehen zu wollen. Zu sehr fürchte ich mich vor der Langeweile, die manche Sequenzen in mir auslösen könnten. Es ist quälend, erdrückend und man hält es schon während des Betrachtens schlicht für unnötig, sich jede einzelne dieser langgezogenen Szenen in aller Ausführlichkeit ansehen zu müssen. Aber genau das ist es, was den Eindruck dieses Films ausmacht. Das ist es, was haften bleibt, wenn er endlich vorüber ist. Schließlich erzählt er vom quälend langen Leiden eines Trappers, der, genau wie der Betrachter, den Kampf gegen den Tod durch Schnee, Kälte und Langeweile überstehen muss, wenn er das Ziel erreichen will. An dieser Stelle schafft The Revenant etwas, das ihn von den meisten anderen Filmen unterscheidet. Auch und vor allem Dank der Bilder von Emmanuel Lubezki, der einen völlig anderen Stil auf die Leinwand bringt als noch bei Birdman und dennoch – oder gerade deshalb – zurecht seinen dritten Oscar in Folge bekommt.

Gerade jetzt, wo der Winter in Deutschland so richtig Fahrt aufnimmt, fühle ich mich in die Stimmung zurück versetzt, in die mich The Revenant gebracht hat. Wenn ein Film das schafft, dass ich nur aufgrund des Wetters an ihn denke, ja, in fühle, gehört er sicher zu den beeindruckendsten des Jahres.

| Academy Awards 2016:
Actor, Director, Camera
Picture (Nom.), Actor in a Supporting Role (Nom.), Costume Design (Nom.), Film Editing (Nom.), Makeup & Hairstyling (Nom.), Production Design (Nom.), Sound Editing (Nom.), Sound Mixing (Nom.), Visual Effects (Nom.)


Creed – Rockys Legacy

Eine Golden Globe Auszeichnung und Oscar-Nominierung für Sylvester Stallone in seiner legendärsten Rolle. Wer hätte das gedacht? Nun ja, 2016 dachte auch noch fast niemand, dass Donald Trump ernsthaft Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden könnte. Ganz zu unrecht kommen diese Ehrungen nicht – besser als in Creed hat Stallone als Rocky Balboa wohl nie gespielt. Warum auch immer der Film in der deutschen Fassung einen englischsprachigen Untertitel braucht! Vielleicht, damit der dumme deutsche Kinobesucher auch ganz sicher weiß, dass es (schon wieder) ein Rocky-Film ist.
Doch genau das ist er eigentlich nicht. Es geht ums Boxen, klar und auch die Vorgeschichte aus den 47 Rocky-Teilen spielt eine Rolle. Und doch funktioniert der Film auch ganz losgelöst davon. Michael B. Jordan (nicht zu verwechseln mit Michael „Air“ Jordan) spielt den Sohn von Rockys ärgstem Widersacher Apollo Creed – und dessen Geschichte. Rocky Balboa wird als Trainer ein Teil davon, ohne zu sehr ins Zentrum zu rücken. So gelingt eine Hommage an die „alten“ Filme, an die Figur Rocky und ein wenig auch an Stallone selbst, während gleichzeitig der Weg bereitet wird, für eine neue Ära von Boxfilmen, die (dann vielleicht auch ohne lächerlichen Untertitel) eben Creed in ihrem Zentrum haben.

Sicher ist Creed kein Film mit dem Tiefgang und der Bildgewalt von The Revenant oder Themen von so gesellschaftlicher Brisanz wie The Danish Girl. Aber er unterhält mich. Und er behandelt ein weitaus breiteres Themenspektrum als einfach nur Sport, ist doch die Krebserkrankung des Alt-Champs und der Umgang damit wesentlicher Aspekt der Handlung. Das Gesamtpaket aus Action und Sport, Nostalgie und Moderne sorgt dafür, dass ich mich nun nach all diesen Jahren des erfolgreichen Wehrens doch für die Rocky-Reihe interessiere. Er verändert meinen Blick auf ein Stück Filmgeschichte und ist somit ganz sicher eine Erwähnung unter den Filmen des Jahres wert.

| Academy Awards 2016:
Actor in a Supporting Role (Nom.)


Spotlight

Der Film des Jahres! Zumindest nach der Ansicht vieler Kritiker. Spotlight hat alles, was ein solcher Film braucht. Sein Inhalt ist gesellschaftskritisch und bewegend, er ist gut gespielt – und vor allem gut geschrieben.
Die Aufklärung der Missbrauchsfälle durch katholische Pfarrer ist die Aufgabe des Redaktionsteams Spotlight einer Bostoner Zeitung. Allein dieses Thema macht den Film für mich zu einem absoluten Must-See. Freie Presse und ihre Aufgabe für die Gesellschaft ist auch heute ein allgegenwärtiges Thema, in den USA vielleicht sogar noch mehr, als im letzten Jahr. Doch dass nicht nur große, mächtige Influencer die Presse steuern, ja, manipulieren können, zeigt Spotlight. Einige wenige Personen und ihre Ansichten, die verhindern, dass sie sich zu Sachverhalten, die ihnen bekannt sind überhaupt äußern, geschweige denn, dagegen vorzugehen, kann eine ganze Gesellschaft prägen. Das Spotlight-Team versucht, diese Strukturen zu durchbrechen und den Skandal nicht nur aufzudecken, sondern mit ihrer Recherche und der daraus resultierenden Story zu verhindern, dass diese Missbräuche weitergehen.

Der hochkarätig besetzte Cast spielt durch die Bank gut, allen voran Mark Ruffalo, und der Verlauf der Handlung mit vielen Wendungen, Hindernissen und unerwarteten Rückschlägen macht das Szenario erschreckend glaubwürdig. Kein Wunder, beruht es doch auf wahren Ereignissen. Macht man sich diese Tatsache beim Ansehen des Films bewusst, trifft er einen mehrfach als harter Schlag da, wo es ganz besonders wehtut. Es ist unvorstellbar, dass nicht nur diese Taten wirklich geschehen sind, sondern auch wirklich von so vielen Stellen und durch so hohe Instanzen gedeckt und sogar verteidigt wurden. Welche „übergeordneten“ Ereignisse die Arbeit von Aufklärern und Journalisten an solchen sensiblen Themen beeinflussen und sogar zerstören können, wird im Film ebenfalls deutlich: Budgetkürzungen, Korruption, Terroranschläge. Die ganze Handlung spitzt sich allmählich zu und das Reporterteam stößt in ihrem Verlauf mehrfach an seine persönlichen, menschlichen Grenzen. Eine Story zurück zu halten, die einzelne warnen und schützen, aber eine weit größere Aufklärung zunichte machen könnte, erfordert Courage, Mut und eine Einstellung zu diesem Beruf, die einfach nicht jeder Mitbringen kann.

Für mich ist Spotlight deshalb nicht einfach ein guter Film mit einem brisanten Thema, sondern eine Hommage an die Presse, an Journalismus und Aufklärung. An eine freie, mündige Gesellschaft. An die Menschen, die bei ihrem Kampf dafür nicht vor Fehlern gefeiht sind. Die Missbrauchsfälle eignen sich hervorragend als Aufhänger dafür, da sie weltweit vorkamen, bis heute nicht abschließend aufgeklärt und für jeden nachvollziehbar sind. Dennoch stehen sie nicht im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit. Und genau das ist es, wofür die Menschen, die im Zentrum dieses Films stehen, gebraucht werden. Dorthin zu gehen, wo es weh tut. Die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, wo sie fehlt, aber nötig ist. Dieser Film lenkt sie auf die Arbeit von Journalisten, deren eigenes Leben oft unter dieser leiden muss. Deshalb ist er einer der wichtigsten Filme des Jahres. Für mich, aber auch für jeden, dem eine freie Gesellschaft am Herzen liegt. Mir ist egal, wie pathetisch das klingt.

| Academy Awards 2016:
Picture, Original Screenplay
Actor in a Supporting Role (Nom.), Actress in a Supporting Role (Nom.), Director (Nom.), Film Editing (Nom.)


Deadpool

Und noch eine Comic-Verfilmung! Die Helden gehen den Erfindern von Ironman, Batman, X-Men und Co. definitiv nicht aus. Aber Deadpool ist völlig anders, als die anderen Comic-Verfilmungen, die man so kennt. Und ja, damit möchte ich durchaus andeuten, dass sie ja doch auf ihre Weise fast alle irgendwie gleich sind.
Denn genau damit spielt Deadpool. Er nimmt seine Superhelden-Kollegen, sich selbst und alle Fans des Genres mächtig aufs Korn. Und macht auch vor deren Darstellern nicht Halt. Das schlimmste, was Deadpool passieren könne, sei in einer Verfilmung von Ryan Reynolds gespielt zu werden, sagt Deadpool, gespielt von – richtig, Ryan Reynolds. Auf dieser Schiene fährt der ganze Film. Er ist nicht nur ein Action- sondern vor allem ein Gagfeuerwerk und für mich überraschenderweise gleich in beiden Kategorien die Nummer 1 aus 2016. Das Gesamtpaket wird komplettiert durch die in guten Comic-Verfilmungen bekanntermaßen guten visuellen Effekte und Kostüme. Kostüme? Ich meine natürlich Outfits!

Eines ist Deadpool ganz sicher nicht: jugendfrei. Auch das gilt für den Charakter genauso wie für den Film an sich. Sehr viele der Gags entspringen unter der Gürtellinie (nicht sehr weit darunter) und zielen auch genau dorthin. Die Handlung ist beinahe belanglos und auf jeden Fall filmgeschichtlich vollkommen irrelevant. Sobald man aber aufhört, den Film ernst zu nehmen, hat er einen genau da, wo man sein muss, um ihn zu genießen. Schon bei den Golden Globes war Deadpool präsenter, als es für Comic-Verfilmungen typisch ist und ich bin sicher, dass er auch bei den Oscars nicht unbeachtet bleiben wird. Ich habe sehr gelacht, wurde erschreckt und überrascht. Bei allem Anspruch an künstlerischen Wert und Nachhaltigkeit von Leinwand-Werken: Ich brauche genau solche Filme! Es ist seichtes Popcorn-Kino auf hohem Niveau. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.


Ein ganzes halbes Jahr

Manche Dinge kann man sich einfach nicht ausdenken. Dass ich diesen Film überhaupt gesehen habe, ist so unwahrscheinlich, wie traumhaft. Nur weil in gleich mehreren anderen Filmen keine vernünftigen Plätze mehr verfügbar waren, fiel die Wahl bei einem spontanen Kinobesuch schließlich auf diesen Film. Wie sehr Anekdote zur Geschichte des Films passt und wie sehr dieser Film mein ganzes (verbleibendes) halbes Jahr 2016 prägen würde, war nicht zu ahnen.
So viel gleich vorweg: Ich habe das Buch von Jojo Moyes nicht gelesen, bevor ich den Film sah. Der Titel, das Genre, der Stil – all das, spricht mich schon gleich nicht an. Und dennoch brauchte es nur wenige Sekunden und ich war gefangen. Die Tiefe der Bilder und dieses unfassbare Spiel von Emilia Clarke nehmen meine Gefühle als Betrachter gefangen und lassen sie bis zur letzten Sekunde des Abspanns nicht mehr los. Die Geschichte über eine Pflegerin, die diesen Job aus der Not heraus annimmt und ihren Patienten, der vom Hals abwärts gelähmt an einen Rollstuhl gefesselt ist, klingt nach einem ganz banalen Liebesfilm mit bekanntem Ausgang. Er ist das alles nicht. Ich weiß nicht, wie viele Wendungen das Leben in einem halben Jahr machen kann – in dieser Geschichte sind vermutlich alle enthalten. Ich erlebe die Schmerzen, die Freude, Trauer, Wut, Verzweiflung und endlose Freiheit, die sich vor meinen Augen abspielen. Der Film ist richtiggehend körperlich anstrengend. Im Kino sitzen zahlreiche Paare, aber doch deutlich mehr Frauen als Männer. In Tränen aufgelöst sind (nicht erst) am Ende fast alle. Wer die Hauptdarstellerin aus Game of Thrones als Mutter der Drachen kennt wird sie in dieser Rolle für einen völlig anderen Menschen halten. Atemberaubende, weil völlig verrückte Outfits, kindliche Naivität und stürmische, beinahe kopflose Emotionalität springen mich im Überfluss an. Den Gegenpol bildet Sam Claflin, als kühler, berechnender und von Schmerz und Krankheit gezeichneter Mensch, der nichts mehr hasst, als sein eigenes Leben. Diese Gegensätzlichkeit und die Explosion des Aufeinandertreffens der Charaktere sind genug Stoff für einen Film, der weit mehr als ein gewöhnliches Liebesdrama ist, weil er einfach so überzeugend gespielt ist.

Ein ganzes halbes Jahr hinterlässt tiefe Spuren in meiner Seele und meinem Herzen. Es hängt mit dem Zeitpunkt meines Lebens zusammen, in dem ich ihn gesehen habe, auch mit den Menschen, die ich mit ihm verbinde. Aber ich glaube auch in diesem Zusammenhang nicht an Zufälle. Ebenso wenig, wie die Hauptfiguren im Film. Für alles was geschieht, gibt es einen Grund. Dieser Film hat mich gelehrt, das Leben zu genießen. Situationen aufzusaugen und das beste aus jedem Moment zu machen – noch mehr, als zuvor. Ich liebe Filme und aus fast jedem von ihnen nehme ich etwas mit. Aber nur sehr wenige schaffen es, solch einen emotionalen Moment zu schaffen, wie es in diesem gelungen ist. Ich werde den Tag niemals vergessen, an dem ich diesen Film gesehen habe. Er mag am Ende doch für viele einfach nur ein Film sein, vielleicht nicht mal ein sehr guter. Aber für mich wird da immer diese ganz besondere Verbindung bleiben und ich bin dankbar, dass so viele Menschen an diesem Tag einen anderen Film sehen wollten. Denn dieser Film hat mich geprägt und mir geholfen. Dabei, in schönen Momenten die Bodenhaftung zu bewahren und zugleich durch schwere Momente hindurch. Mindestens für ein ganzes halbes Jahr.


Außerdem gab es da noch…

  • Raum
  • Toni Erdmann
  • Sing
  • Rogue One: A Star Wars Story

Filme, die zu den erfolgreichsten und/oder gefeiertsten des Jahres gehörten. Wie schon im letzten Jahr will ich nicht über Filme schreiben und schon gar nicht urteilen, die ich nie gesehen habe – zumindest bisher. Deshalb fehlen sie in der Liste. Mal sehen, ob sie sich im Laufe des Jahres noch dazu gesellen.

Auch 2016 gabe es Filme, die ich ganz bewusst nicht gesehen, oder ganz bewusst nicht in diese Liste aufgenommen habe. Aber schließlich ist auch 2016 ganz sicher Platz auf einer Liste der unnötigsten Filme des Jahres… 😉

 

 

 

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