Ellbögen rein!

flourish103/ Juni 23, 2016/ Meine Meinung!, Social Media/ 0Kommentare

Unsere Blicke richten sich dieser Tage oft nach Frankreich. Das sollten sie ruhig öfter mal! Auch ganz ohne Fußball oder Europameisterschaft. Die Franzosen können – und sollten – nämlich ein Vorbild für unsere Gesellschaft sein! Aber fangen wir von vorne an!

Es war wirklich nicht mein Tag. So richtig motivieren konnte ich mich für gar nichts. Ein paar Pflichttermine, ein bisschen Haushalt (Für alle, die nun einen Ohrwurm haben: Gern geschehen!), aber schnell war klar, dass am Ende des Tages wohl nicht das dabei herauskommen würde, das ich mir vorgenommen hatte. Zum Beispiel auch, zu bloggen. Und dabei will ich doch eigentlich hier immer mindestens an jedem Mittwoch meine Meinung äußern. Dazu braucht es ja nicht viel. Nur ein Thema und meine Meinung dazu. Aber nicht einmal das konnte ich finden. Also hatte ich mich damit abgefunden, dass es wohl in dieser Woche einmal keinen Blogpost geben würde. Doch wie so oft, änderte ein Blick in die sozialen Netzwerke die Situation.

Dort las ich etwas über die persönliche, zukünftige berufliche Situation eines Freundes. Er schreibt, dass er an einem gewöhnlichen Arbeitstag im besten Fall die Hälfte eines Tages für den Job unterwegs sei, von dieser Zeit aber natürlich nur die reine Arbeitszeit (8 Stunden) mit etwa 11 Euro pro Stunde bezahlt würde. Um genügend Schlaf zu bekommen, müsse er dementsprechend früh ins Bett gehen. Er stellt deshalb die Frage, warum man überhaupt noch arbeite.

Erstaunliche Reaktionen

Anstatt entweder aufbauende Worte oder gar konstruktive Vorschläge zu finden, fällt die Reaktion einiger seiner Freunde gegenteilig aus. Sie kritisieren dabei nicht nur, dass er seine Situation an sich unbefriedigend findet, sondern auch, dass er diese Unzufriedenheit überhaupt äußert. Der Tenor ist dabei, ohne jetzt einzelne Beispiele herausnehmen zu wollen, dass es anderen Menschen ja noch schlechter gehe und er froh sein solle, überhaupt einen Job zu haben. Beides bestreitet niemand, weder im Beitrag, noch in den Kommentaren. Man muss an dieser Stelle selbstverständlich auch die Qualifikationen, bisherige berufliche Laufbahnen und sonstige Lebensumstände von betroffenen (oder sich betroffen fühlenden) Personen abwägen und ggf. vergleichen. Im vorliegenden Fall ärgert sich ein ausgelernter und mehrfach weitergebildeter Facharbeiter über die Geringschätzung seiner Qualifikationen. Das ist natürlich nicht vergleichbar damit, dass ein Schul- und Ausbildungsabbrecher im fünften Aushilfsjob noch immer nicht über den Mindestlohn hinaus bezahlt wird. Wenn man als Fachkraft aber nach Abrechnung aller Kosten und bei hohem zeitlichen Aufwand kaum mehr Geld zur Verfügung hat, als jemand, der alle diese Anstrengungen nicht unternimmt und tatsächlich nur vom Sozialstaat gestützt wird, dann ist wohl nachvollziehbar, dass man (sich) zumindest die Frage stellt, warum man diesen Aufwand betreibt.
Noch erheblich bemerkenswerter als die inhaltliche Diskussion finde ich aber die Vorwürfe dazu, dass er seine Meinung überhaupt äußert. Zumal sie niemanden persönlich angreift oder kritisiert, sondern lediglich das System, die Grundvoraussetzungen infrage stellt. Auch das Argument, dass es anderen schlechter gehe, lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen. Schließlich ging es im Beitrag nicht um andere. Er verbietet ihnen aber ja auch nicht, sich ihrerseits zu äußern. Im Gegenteil: Wenn nun mehrere Menschen bestätigen, in einer ähnlichen Situation zu sein und die Probleme auf diese oder ähnliche Weise zu kennen, kann ein gemeinsames Problem womöglich gemeinsam bekämpft werden. Stattdessen wird anderen das Recht abgesprochen, ihre Lage schlecht bzw. verbesserungswürdig zu finden, weil man befürchtet, dadurch selbst das Recht zu verlieren, die eigene Lage verbessern zu wollen. Wie kann so etwas passieren? Wieder bezeichnend: Die Antwort findet man ebenfalls in den Kommentaren! Denn auch, wenn es Kritik und Vorwürfe hagelt, beteiligt sich nicht jeder daran:

Ich finde es besonders bezeichnend dass sich hier Menschen die anscheinend mehrheitlich für unter 11€/h arbeiten (mich eingeschlossen) gegenseitig runter machen. (…)  Ich kann mit dem was ich verdiene leben. Aber Bafög zurückzahlen? Privat für die Rente vorsorgen? Vielleicht irgendwann mal Kinder? Zwischen diesen Dingen sollte sich niemand, der Vollzeit arbeitet, entscheiden müssen. Ich hab eine abgeschlossene Ausbildung und ein abgeschlossenes Studium. Ich mache meinen Job gern. Und es hat nichts mit Neid, Missgunst oder Faulheit zutun, wenn man dafür auch angemessen bezahlt werden möchte.

Das Problem sind also die Betroffenen selbst? Zumindest ist nicht von der Hand zu weisen: Gehen Menschen für 8,50 € arbeiten, weil andere ja „noch weniger haben“ und sie „froh sein können“ überhaupt Arbeit zu haben, gibt es erstmal keinen Grund für Arbeitgeber ihren Arbeitern mehr zu zahlen. Ob es mit diesem Geld möglich ist, sich langfristig eine Zukunft aufzubauen und nicht Zeitlebens auf einem eher geringen Level an Lebensqualität vor sich hin zu dümpeln, darf zumindest in Frage gestellt werden. Ein Wort in den Kommentaren bringt es auf den Punkt:

Ellbogengesellschaft!

Arbeiter unterböten sich gegenseitig um den anderen auszustechen und arbeiteten fast ständig gegeneinander, um besser dazustehen. Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich, dass es Arbeitgeber gibt, die diese Vorgänge sogar noch forcieren. Es gilt das Credo: „Wenn du diesen Job für dieses Geld nicht bestmöglich machst, finden wir jemand anderen!“ Traurig ist, dass sich inzwischen wohl immer mehr Arbeitnehmer von dieser Einstellung überzeugen lassen. Sie sind lieber „froh“, überhaupt einen Job zu haben, statt den Unmut über ihre Lage zu äußern. Das erklärt dennoch nicht, was sie von denjenigen befürchten, die es trotzdem tun! Womöglich, dass sie damit Erfolg haben? Dass sie, anders als jene, die Gegebenheiten stillschweigend hinnehmen, ihre Situation verbessern? Dann spricht doch schon gar nichts dagegen, sich zu beteiligen, anstatt wieder die Ellbögen gegen Gleichgesinnte einzusetzen! Und das nicht nur öffentlich: In den Kommentaren auf seinen eigenen Beitrag berichtet der Betroffene von privaten Nachrichten, nicht nur bei Facebook.

Die Gründe hierfür scheinen unterschiedlich, aber nicht unbedingt unterschiedlich fadenscheinig zu sein. Manche Menschen scheinen der Meinung zu sein, dass jemand, der sich über seine Situation beklagt, auch ganz automatisch selbst nichts gegen diese Situation tut. Oder eben die sprichwörtliche Flinte ins Korn wirft und – auf diese Situation bezogen – eben nicht mehr arbeitet. Die Reaktion auf unangemessene Bezahlung kann entweder sein, nicht mehr zu arbeiten, oder sich für eine bessere Bezahlung einzusetzen. Auch hierzu gibt es in den Kommentaren eine klare Aussage:

Es ist ein Unterschied, ob man sich über unfaire Lohnverhältnisse aufregt oder nichts tut.

Viele Menschen in Deutschland sagen schreien ihre Meinung derzeit gerade heraus. Darunter sind auch Meinungen, die vor noch nicht allzu langer Zeit als absolut nicht gesellschaftsfähig eingestuft worden wären. Mittlerweile werden Politiker (und solche, die es sein wollen) für diese Meinungsäußerungen gewählt!
Wieso sollte es also ein Problem sein, wenn jemand ganz privat und nur für seine (Facebook-)Freunde einsehbar seine Meinung zu einer Situation äußert? Zunächst einmal ist das natürlich insbesondere seine ganz persönliche, eigene Situation. Und das Gefühl für die eigene Situation ändert sich ja nicht unbedingt dadurch, dass es anderen ähnlich oder – nach deren Empfinden – noch schlechter geht. Außerdem spricht eine Meinung, die das Grundsätzliche an einer Situation beklagt, meistens dafür, dass auch andere Menschen ähnliche Probleme haben.

Nachbarn als Vorbild

Seltsam ist, wenn einige dieser Menschen nicht in dieselbe Kerbe schlagen, sondern versuchen, ihre Position als „noch schlechter“ herauszuarbeiten. Mit welchem Ziel?
Ist das Ziel der Menschen in unserer Gesellschaft nur noch, das beste für sich selbst zu erreichen? Nun ja, dagegen ist womöglich ja nichts einzuwenden. Aber seit wann bedeutet das denn automatisch, dass ich das nur allein und auf Kosten anderer erreichen kann? Hier lohnt eben der Blick nach Frankreich: Dort herrscht eine ganz andere Solidarität unter Arbeitern. So werden Streikende noch eher bejubelt als beschimpft. Sogar von Menschen, die weder aus ähnlichen Branchen kommen, also nicht unmittelbar von dem Streik profitieren, noch ihrerseits unbedingt in einer wesentlich besseren wirtschaftlichen Situation sind. Während in Deutschland Streiks in der öffentlichen Meinung eher als etwas negatives angesehen werden, stehen sie in Frankreich als Symbol für das gemeinsame Eintreten für eine bessere Gesellschaft. Auch dann, wenn nicht jeder immer der gleichen Meinung ist, wie die Streikenden. Man kann natürlich nicht die Systeme in Deutschland und Frankreich eins zu eins vergleichen. Aber gerade was diese Mentalität angeht, sich als Arbeitnehmer nicht gegenseitig noch in der Höhe der Niedriglöhne zu unterbieten, würde ein Blick auf die Nachbarn gut tun! Die Politik in Deutschland hat es geschafft, sich, ob beabsichtigt oder nicht, so weit auf die Seite der Arbeitgeber zu stellen, dass selbst (ehemalige?) eindeutige Arbeiterparteien wie die SPD von manchen Gewerschaften nicht mehr als unterstützenswert angesehen werden. Wenn nun schon auf eine private, nicht-öffentliche Meinungsäußerung zur eigenen Situation zu solch heftigen Reaktionen und Diskussionen führt, ist es kein Wunder, wenn Streiks – die in der Kette der möglichen Reaktionen auf Unzufriedenheit im Job erst ein ganzes Stück weiter hinten folgen – auf ähnliche Gegenwehr bei allen stoßen, die nicht sofort den Vorteil für sich selbst darin erkennen können.

Jeder einzelne sollte sich also einmal die Frage stellen, ob er der Meinung ist, dass er nur vorwärts kommt, wenn die Gesellschaft stehen bleibt und er sie überholt, oder ob es auch möglich ist, auf der Welle des gemeinsamen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortkommens mitzuschwimmen! Ellbogenmentalität mag in manchen Situationen angemessen sein und den einzelnen in einzelnen Momenten auch durchaus weiterbringen. Doch spätestens, wenn man selbst ebenfalls durch den Einsatz anderer Ellbögen nicht mehr vorwärts kommt, mag man sich womöglich wünschen, für eine bessere langfristige Gesamtsituation eingetreten zu sein, statt nur auf die kurzfristige eigene zu achten.

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