Dumm gaylaufen!

flourish103/ Februar 26, 2016/ Kurz & knapp, Medien, Social Media, Webtipps/ 0Kommentare

Dumm gaylaufen!

Soziale Netzwerke können so toll sein! Letzte Woche wurde ich auf Facebook auf einen Eintrag in PONS „Wörterbuch der Jugendsprache“ aufmerksam. Dort steht, unscheinbar zwischen „Gaulesel“ und „geben“ folgende Übersetzung:
„gay“ = „dumm“
Die Initiative „Enough is Enough“ hatte durch einen Follower davon erfahren und diesen Fauxpas öffentlich gemacht. Und die Reaktionen aus der LGBTI*-Community ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Auf der Seite der Initiative, aber natürlich auch bei PONS selbst, deren Facebookseite vorsorglich zu diesem Zweck verlinkt wurde. Man kann sich die Reaktionen in etwa vorstellen. „Ey, ich fass es nicht“ war der Eintrag durch den ich auf meiner Startseite darauf aufmerksam wurde und sicher noch einer der harmlosesten. Aber schön an Social Media ist eben, dass sie nicht einseitig funktionieren. Denn schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit bezog auch PONS Stellung:
Sie haben natürlich recht und darüber lässt sich nicht streiten: der Begriff ist homophob. Wir möchten uns ganz deutlich und in aller Form für diesen Eintrag im aktuellen Wörterbuch der Jugendsprache entschuldigen! Wir verlegen das Wörterbuch der Jugendsprache seit 2001 als Abbild der Sprache, wie sie von Jugendlichen verwendet wird. Die Einträge dafür werden direkt von Jugendlichen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingesendet. Wir erwähnen es auch im Buch und auf dem Titel: Die Sammlung wird 100% unzensiert herausgegeben. Das heißt natürlich nicht, dass wir alles, was eingesendet wird, unbesehen abdrucken. U.a. werden sexistische, rassistische oder volksverhetzende Begriffe von uns redigiert. Als deutscher Sprachen- und Bildungsverlag fühlen wir uns selbstverständlich den moralischen und ethischen Werten unserer Gesellschaft verpflichtet. Beiträge, die in irgendeiner Form Homophobie vertreten und schüren, haben in unserem Weltbild und unseren Produkten keinen Platz. Leider ist das in diesem Fall gründlich danebengegangen. Das tut uns sehr leid. Das darf uns nicht passieren und wir nehmen dies zum Anlass, unsere Produkte in Zukunft noch sorgfältiger zu prüfen. Mit freundlichen Grüßen PONS Verlag

Toll finde ich nicht nur diese Reaktion, sondern auch, dass sie unter dem Beitrag direkt weitergegeben wurde. So funtioniert gute Medienarbeit. Fehler passieren. Jedem. Auch Verlagen und Autoren sollte man das Recht darauf zugestehen, sofern sie, wie hier geschehen, angemessen und angemessen schnell darauf reagieren und sie korrigieren. Ganz offensichtlich ist ihnen das selbst äußerst unangenehm. Der große Shitstorm blieb dementsprechend auch aus.

Mal davon abgesehen: Bildet ein Wörterbuch denn nicht den aktuellen Sprachgebrauch ab? Wenn das Wort „gay“ von einigen jungen Menschen offensichtlich mit der Bedeutung „dumm“ verwendet wird, ist das vielleicht moralisch und gesellschaftlich bedenklich, aber gehört womöglich trotzdem in ein Wörterbuch. Im DUDEN stehen schließlich auch Wörter wie „Taxis“, „Pizzas“ und „Kaktusse“. Auf dem Cover dieses Wörterbuchs steht klar und deutlich „unzensiert“. Dass das so nicht stimmt, gibt PONS in der Stellungnahme quasi schon selbst zu. Aber „unzensiert“ würde dann eben auch Begriffe und Übersetzungen einschließen, die nicht jedem oder sogar sehr vielen nicht gefallen.

Und in diesem Fall kann man sogar noch einen Schritt weitergehen: „Das sieht voll schwul aus“ habe auch ich durchaus schon in einem Kontext gebraucht, der das Wort „schwul“ nicht unbedingt als Kompliment meinte. Natürlich, „dumm“ habe ich damit nicht gemeint. Aber wie soll man das Wort „gay“ in diesem Kontext übersetzen? Insofern gehört es dann vielleicht doch nicht in ein Wörterbuch, wenn sich dessen Redaktion nicht die Mühe macht, Einträge nicht nur zu überprüfen und mit einzelnen Wörtern zu übersetzen, sondern gegebenenfalls zu kommentieren und erklären, eben einen Kontext herzustellen. Gerade in einem Jugendwörterbuch doch irgendwie wünschenswert, oder? Oder wie übersetzt man ohne Erläuterung und in einem einzelnen Wort das Jugendwort des Jahres 2015 „Smombie“. Solange das niemand tut, bleibt das für mich ein Kofferwort aus Smoothie und Bambi, also ein püriertes Reh. Und das durfte Jugendwort werden? Ist das nicht Tierquälerei? Oder anders gesagt (mit mehr als einem Augenzwinkern): Voll gay!

Fazit: Wenn auf Fehler angemessen reagiert wird und solche Reaktionen auch angemessen gewürdigt werden, machen mir soziale Netzwerke schon fast wieder ein bisschen Spaß! Ich habe einfach genug von der ewigen Hetzerei gegen alles, das nach irgendjemandes Meinung ja ach so verkehrt und verwerflich ist. Man darf sich beschweren und man darf anerkennen, dass Menschen(!) zu ihren Fehlern stehen. Aber na gut, wem noch nie ein peinlicher Fehler unterlaufen ist: Weitermachen!

Wer sich für die Thematik, das PONS Jugendwörterbuch oder die Initiative Enough is Enough interessiert, findet hinter den Links weitere Informationen (die allerdings nicht von mir erstellt wurden und für die ich keinerlei Verantwortung oder Haftung übernehme).

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