Bewerbung statt Blogbeitrag – Neuanfang als Freelancer

Freelancer haben es zurzeit wirklich schwer. Sicher geglaubte Einnahmequellen brechen von heute auf morgen weg. Eine zuverlässige Zukunftsplanung ist kaum möglich. Die Soforthilfen vom Staat helfen über kurzfristige Engpässe hinweg, können aber nicht im Ansatz für langfristige Sicherheiten sorgen. Und dann schießen überall selbsternannte und anerkannte Ratgeber aus dem Boden und erklären, dass in der Krise ja auch eine Chance steckt. Da ist es schon mal schwer, sich morgens zu motivieren aufzustehen und weiterzumachen. Hartz IV ist ja vielleicht doch eine Option, soll es schließlich gerade ganz einfach geben.

Keinen Moment habe ich so gedacht.

Klar, es ist gut, eine Idee für den absoluten Notfall zu haben, aber für mich war sofort klar, dass ich alles dafür tun werde, dass es nicht zum absoluten Notfall kommt. Nie waren Freelancer mit guten Kenntnissen über die Online-Welt gefragter, als kurz bevor die Maßnahmen der Regierung ihren (vorläufigen) Höhepunkt erreichten. Und jetzt plötzlich soll das anders sein? Der Bedarf an einem guten Online-Auftritt muss doch nun größer sein, denn je.

Wenn ich nicht mehr im Laden einkaufen kann, schaue ich vielleicht doch mal nach, ob die Kaffeebar um die Ecke nicht auch einen Online-Shop hat. Oder ob ich meine Kleidung, die ich immer nur mit Beratung im selben Geschäft kaufe, nicht auch einfach über das Internet bekommen kann. Leider mündete eine derartige Recherche oft in Enttäuschung. Vor der Krise und währenddessen erst recht. Doch so schnell wie nie fand ein Umdenken statt. Online-Shops boomen, Künstler entdecken, wie sie ihre Kreativität in Social Media nutzen können und Schneiderinnen ergänzen ihre Kollektionen um passende Gesichtsmasken.

Totaler Stillstand? Ich sehe Fortschritt!

In einer Zeit, in der das ganze Land gefühlt still steht, obwohl Geschäfte unter bestimmten Bedingungen wieder geöffnet haben dürfen und es einen durchaus erkennbaren Zeitplan zurück in die Normalität gibt (mal sehen, ob der eingehalten werden kann und wird), bemerke ich etwas völlig Gegenteiliges als Stillstand.

„Wenn möglich bitte keine Barzahlung!“
„Nur kontaktlose Lieferung!“
„Rabatt bei Online-Bestellung!“

Der Fortschritt ist in Deutschland angekommen. Oder na ja, zumindest ist Deutschland im Jahr 2020 angekommen. Und das gilt nicht nur für Geschäfte in den Straßen.

Kaum ein Unternehmen in Deutschland hat nicht zumindest teilweise auf Home Office umgestellt. Was noch Anfang des Jahres ein sehr schwieriges Thema war ist mehr oder weniger von jetzt auf gleich kein Problem mehr. Infrastruktur, Vertrauen, Fähigkeiten – irgendwie geht es eben doch. Vorstellungsgespräch via Skype, Team-Talk im Zoom-Meeting, Besprechung ganz klassisch am Telefon.

„Muss ich das nicht persönlich unterschreiben?“ – „Nein, PDF reicht, das machen wir dann irgendwann mal.“ (Eine derartige Unterhaltung hatte ich vergangene Woche mit meinem Anwalt(!).)

Willkommen im Freelancer-Paradies

Wenn man nur einmal über den Tellerrand hinaus schaut, sind das geradezu paradiesische Zustände für Freelancer, die ihren Job von Zuhause aus ausüben können. Klar, das sind noch immer nicht unbedingt die meisten Menschen in Deutschland. Und es geht hier auch nicht darum, denjenigen ihren Job schlecht zu reden, die in einer Anstellung arbeiten und Berufe ausüben, die für uns alle von großer Wichtigkeit sind. Diese Menschen und ihre Arbeit sind und bleiben mindestens genauso wichtig und anerkannt, wie sie es auch vor der Krise waren. Aber alle Freelancer kennen dieses Gefühl, dass ihre Selbständigkeit belächelt, vielleicht sogar bemitleidet wird.

„Mir wäre das ja zu unsicher!“
„Ich bin ja froh, dass ich eine geregelte, feste Anstellung habe.“
„Hättest du nicht lieber einen richtigen Job?“

Daran hat sich in nur wenigen Wochen einiges geändert. Die ach so sichere Anstellung mündet auf einmal in Kurzarbeit, die Kinder können nicht betreut werden oder es gibt schlichtweg einfach gar nichts zu tun, weil das Restaurant nicht geöffnet ist. Das tut mir leid und ich hoffe, das sich so schnell wie möglich gute Lösungen für alle finden, die von dieser Situation betroffen sind. Aber es zeigt mir auch, dass ich mit meiner Einschätzung dazu, was ein sicherer Job ist, durchaus richtig liege.

Freelancer haben es zurzeit wirklich schwer.

Ja, die Situation ist eine große Herausforderung, auch und gerade für Freelancer. Denn all die eingangs erwähnten Argumente bleiben ja bestehen. Eine Krise ist nicht automatisch eine Chance. Und nicht jede Herausforderung wird man immer auch gut meistern. Aber wenn ich jetzt auf den Zug der Veränderungen, des Fortschritts, des Neuanfangs aufspringe, bevor er so richtig Fahrt aufgenommen hat, dann habe ich genügend Zeit, mir einen bequemen Sitzplatz zu suchen.

Ganz unmetaphorisch gesprochen: Man kann durchaus erkennen, dass nach der Krise nicht alles so sein wird wie vorher. Diese sich anbahnenden Veränderungen kann man annehmen, anstatt sie zu bekämpfen. Für mich persönlich heißt das, die Situation anzunehmen, dass plötzlich viel mehr Menschen, Unternehmen und Agenturen merken, wie viel Potenzial ihre Produkte und Dienstleistungen in einem Bereich haben, der in Deutschland bisher sträflich vernachlässigt wurde.

Motto: Bewerbung statt Blogbeitrag

Das alles will natürlich entsprechend vermarktet werden. Und alle wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. Gut, wenn man auf diesem Gebiet eine gewisse Ahnung und Erfahrung hat. Aber auch wenn allerorts nach fähigen Leuten gesucht wird – die Anfragen fallen natürlich nicht vom Himmel. Und selbst wenn, dann braucht es hier eine Referenz, da ein Bewerbungsschreiben und dort eine Arbeitsprobe.

„Ich habe im April so viele Bewerbungen geschrieben wie in meinem ganzen Leben vorher nicht.“
„Ich schreibe momentan mehr Bewerbungen als Blogbeiträge.“

Aber das zeigt auch Wirkung. Denn ich führe auch mehr Auftragsgespräche, verhandle Budgets und bespreche Ideen für eine Umwandlung von Offline in Online-Produkte als vorher. Wenn nach zig Bewerbungen, vielen Gesprächen und ein paar Angeboten am Ende kein einziges wirtschaftlich erfolgreiches Projekt steht, habe ich auf jeden Fall eine Menge Erfahrungen gesammelt. Ich fühle mich besser vorbereitet, sicherer und optimistischer, was die Zukunft betrifft. Und das, obwohl niemand so genau weiß, wann sie beginnt und wie sie aussehen mag. Dann nehme ich das doch einfach selbst in die Hand und starte jetzt sofort damit.

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