Atmotzphärische Störungen

flourish103/ September 17, 2018/ Gesellschaft, Meine Meinung!, Politik/ 1Kommentare

Atmotzphärische Störungen

Leute, geht’s noch? Kann ich nicht mal eine Woche Ruhe haben, ohne dass schon wieder irgendwo gemeckert wird?

Und dabei ist es gar nicht das Gemecker an sich, das mich stört. Sondern, dass es ganz offensichtlich immer wieder und immer häufiger Gründe dafür gibt. Es vergeht seit geraumer Zeit keine Woche mehr, in der nicht wieder in irgendeinem Teil dieser Republik aufmarschiert, gehetzt oder wenigstens Stimmung gegen alles gemacht wird, das entweder fremdländisch erscheint nicht blond, blauäugig und blöd – oder sonst irgendwie wider die Natur ist. Oder auch einfach was besseres zu tun hat, als gegen andere zu hetzen.

Hetzen gegen Langeweile

Wenn jemand genug Zeit hat, von Chemnitz nach Köthen zu reisen, um dort für jemanden eine Mahnwache Hetzjagd abzuhalten, den man gar nicht kannte, dann scheint man ja nicht wirklich etwas besseres zu tun zu haben. Wenn man ohne weiteres mehrere Wochen im Wald verbringen kann, um dort Wohnungen zu errichten, Barrikaden und sogar Waffen zu bauen, mit dem Ziel Andersdenkende anzugreifen und zu verletzen, ist bei der Berufswahl meiner Meinung nach zumindest nicht alles ideal gelaufen. Oder, anders gesagt, man geht offensichtlich weder einer geregelten Arbeit nach, noch ist man bemüht, daran etwas zu ändern. Aber halt, stimmt ja, daran sind natürlich wahlweise die Regierung oder die Ausländer Schuld. Jene Ausländer, die mordend, brandschatzend und vergewaltigend durch unser Land ziehen. Jene Regierung, die gemeinsame Sache mit Konzernen und Rechtsradikalen macht. Also mal ehrlich – wenn du Gewalt mit Gewalt bekämpfen willst, wenn diese Ausländer dir deinen Job wegnehmen, dann stellst du dich entweder verdammt blöd an – oder siehst in Anbetracht des Vokabulars einfach zu viel Game of Thrones. Aber was soll man auch sonst machen, ohne Job?

Und da scheint man ja fast schon darauf warten, dass etwas passiert. Irgendwo irgendjemand angegriffen oder noch besser getötet wird, damit man Ausländer dafür verantwortlich machen und das als Anlass für Aufmärsche nutzen kann. So zumindest stelle ich mir das vor. In irgendeinem stillen Kämmerlein im Zentrum des gewaltbereiten, blinden Aktivismus und nationalistischen Deutschtums sitzen mehrere Menschen und studieren die Nachrichten und wenn wieder einmal ein Baum gefällt wird oder jemand aus noch ungeklärter Ursache getötet wird, knallen die Sektkoren. Oder knacken die Bierdosenverschlüsse. Geschenkt.

Zu wahr um schön zu sein!

Ich kann mich nicht so recht entscheiden, was ich schlimmer finde. Söldnertum zum Aktivismus gegen den Staat gab es schon immer. Gut fand ich das nie. Aber eine andere Bedrohung schien lange Zeit gebannt. Das alles lieferte genug Stoff für eine unglaublich trashige, vermutlich nur mäßig erfolgreiche Parodie auf den Neo-Nationalsozialismus der heutigen Zeit – wenn es denn nicht so furchtbar real wäre. Für jemanden mit einigermaßen humaner Grundhaltung und einem Intelligenzquotienten knapp über einer Scheibe ordentlichem, deutschem Krustenbrot erscheint es absolut undenkbar, dass aus den Parolen, die keiner auch nur völlig leidenschaftslos geführten Realitätsprüfung standhalten, eine ernsthafte Bedrohung werden könnte. Die Frage ist eben nur, wie viele solcher Menschen wir in Deutschland noch haben. Man könnte angesichts der Bilder, die aus Chemnitz und Köthen um die Welt gingen durchaus an der Intelligenz zumindest mancher unserer Mitmenschen zweifeln. Und – angesichts der Reaktionen auf diese Szenen – auch der einiger der Personen, die zu ihrer Vertretung gewählt wurden. Und nein, natürlich sind nicht alle Neonazis dumm. Manche sind einfach nur unmenschliche Arschlöcher.

Was genau ist eigentlich der Zweck des Ganzen? Für diejenigen, die gewählt werden wollen, ist das leicht beantwortet: Sie wollen eben im Zweifelsfall auch von Neonazis gewählt werden. Oder zumindest sollen die nicht andere wählen, die sich nicht deutlich gegen sie positioniert haben. Und was ist der Zweck der Aufmärsche, der Hetze, der Stimmungs- ja, fast schon Mobilmachung von rechts? Sollen alle Ausländer raus? Oder nur die, die nach Ausländern aussehen? Auch die, die in Deutschland geboren und sozialisiert wurden und die Sprache besser beherrschen wie als manch einer der Parolenschreier? Bedeutet das nicht, dass es nicht darum geht, Menschen, die offensichtlich nicht hierher gehören und auch von Gesetz wegen nicht hier bleiben dürfen, des Landes zu verweisen? Geht es nicht vielmehr um das eigene Gefühl?

Wenn man sich hier in der Fußgängerzone mal umsieht, hat man ja schon das Gefühl, da sind mehr Ausländer als Deutsche!

Aus der Mitte der Gesellschaft.

Dieser Satz könnte so oder so ähnlich in sehr vielen großen und kleinen deutschen Städten und Gemeinden fallen. Auch ich habe ihn sowohl schon in sehr großen Städten vernommen, als auch in eher dörflicher Umgebung. Im Osten wie im Westen der Republik. Und für sich genommen ist dieser Satz nicht einmal wertend. Entscheidend ist, was danach kommt. Zum Beispiel dieses hier:

Wenn man sich hier in der Fußgängerzone mal umsieht, hat man ja schon das Gefühl, da sind mehr Ausländer als Deutsche! Wie schön, dass das Zusammenleben hier so gut funktioniert.

Klar, man mag darüber streiten, ob „Ausländer“ – denn gemeint sind „ausländisch aussehende Menschen“ – eine geschickte Bezeichnung ist. Und auch generell die Klassifizierung von Menschen in solche und „deutsch aussehende“. Doch politische Korrektheit sollte in diesen Tagen vermutlich nicht das erste Anliegen sein – so hehr dieses Ziel auch sein mag (und so gerne ich das vor über zwei Jahren schon gesehen hätte). Das wird spätestens deutlich, wenn man bedenkt, wie das Zitat auch weitergehen könnte:

Wenn man sich hier in der Fußgängerzone mal umsieht, hat man ja schon das Gefühl, da sind mehr Ausländer als Deutsche! Da fühlt man sich ja fremd im eigenen Land.

Überraschung!

Hand auf’s Herz – welchen von beiden Sätzen hattet ihr vermutet? Und warum? Welchen davon habt ihr in den letzten Wochen und Monaten so oder so ähnlich häufiger gehört? Klar, wenn ich Menschen anderer Herkunft nicht als störend empfinde, fallen sie mir vermutlich – auch in höherer Zahl – gar nicht auf. Doch vielleicht sollten wir alle mehr darauf achten, wohin sich unser Land entwickelt. Wenn ich eine bunte Gesellschaft aus Menschen verschiedenster Herkunft zum Ziel habe, sollte ich wohl auch ihre Entwicklung dorthin wahrnehmen und gutheißen.

Oder ist es uns doch egal? Offensichtlich nicht. Denn dass Menschen durch deutsche Straßen ziehen und offen nationalsozialistische Parolen skandieren scheint dann ja jetzt doch eine Mehrheit der Bevölkerung nicht gut zu finden. Aber warum erst jetzt? Warum beweist die „schweigende Mehrheit“, die von Seiten der AfD oft und gerne bemüht wird, nicht, welche Meinung, Einstellung, Haltung sie hat? Und dass die Horden, die gerade durch mehrere deutsche Städte ziehen, nichts anderes sind, als eine Minderheit Andersdenkender, die von Stadt zu Stadt zieht, wenn sie die Gelegenheit erkennt, um den Eindruck einer weiten Verbreitung zu erwecken. Nun motzen die einen, weil sie unzufrieden sind „wegen den Ausländern“. (Ich weiß, dass es „wegen der Ausländer“ heißt). Und die anderen, weil sie es nicht ertragen, dass es in unserem Land so weit kommen konnte, obwohl doch die ganze Nazi-Thematik schon damals in der Schule so unerträglich genervt hat.

Weniger motzen – mehr machen!

Doch die derzeitigen Zustände in Deutschland werden sich auch nicht dadurch bessern, dass unser Land gespalten wird. In zwei sich beschwerende Lager, die sich immer weiter weg bewegen von Sachlichkeit und dem Bemühen um realistische Lösungen für die Probleme der Bevölkerung.

Ein „Weiter so“ darf es nicht geben.

Ebenfalls ein Satz, den man in der Vergangenheit schon des Öfteren gehört hat, meistens aus der Politik. Doch anders als aus der Politik, in der in den vergangenen Jahren von der Bevölkerung kaum Veränderungen spürbar waren, kann das aus der Gesellschaft heraus auch wirklich geschehen. Im Kleinen. Man kann und darf nicht erwarten, dass alle Menschen in Deutschland auf die Straßen gehen und für eine von beiden Seiten demonstriert. Aber was, wenn man einfach nur angemessen auf jedes „Ich fühle mich fremd im eigenen Land“ reagiert. Was, wenn man dieser Entfremdung entgegen wirkt. Die Hand ausstreckt und erklärt, diskutiert, versteht? Nicht über „die da“ motzt, mit denen man nicht mehr reden kann, sondern mit denen redet, die man erreicht.

Leute, hört auf zu motzen! Macht was! Um das zu sein, was das erklärte Ziel derjenigen ist, die sich derzeit gegen rechts stellen: Eine tolerante, offene, vielfältige, aber eben vereinte Gesellschaft. Die Gastarbeiter, die vor etlichen Jahren hierher kamen, wurden gefeiert und als Teil eines neuen, weltoffenen, besseren Deutschlands gesehen. Wo ist diese Mentalität hingekommen? Gerade bei der Generation die sie damals ausgelöst hat? Und wie kann man sie wieder entfachen? Das sind Fragen, die ich denjenigen stelle, die sich hierzulande inzwischen fremd fühlen. Wird ihnen das Land fremd? Oder entfremden sie sich von ihrem Land? Welches Deutschland wollen wir haben? Welches Deutschland wollen wir sein? Diese Entscheidung liegt bei uns. Bei jedem einzelnen Menschen in diesem Land.

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